"Das Unterstützungsmodell, wie es in der Marktgemeinde besteht, ist ein sehr guter Ansatz, der sich je nach Lage - sei es eine Epidemie oder welche Notlage auch immer - individuell anpassen lässt", sagt Dr. Volker Lutz, der seit 2016 Behindertenbeauftragter der Gemeinde ist. Er meint damit ein auf der Webseite der Kommune ausgewiesenes Netzwerk: "Ebensfeld hält zusammen". Das könne zugleich ein Motto sei, das für jeden von uns gelten sollte, denn jeder sei aufgefordert zu helfen, wo er könne. "So kommen wir auch durch schlechte Zeiten - und die kommen meist schneller, als wir ahnen und dauern länger, als wir vermuten", sagt der 67-jährige pensionierte Zahnarzt.

Die Inanspruchnahme dieses beispielhaften Unterstützungsmodells sei absolut überschaubar und bleibe auf Einzelfälle begrenzt, sagt Lutz. Dies lasse auf eine Einbettung der Behinderten und Unterstützungsbedürftigen in das soziale Umfeld schließen.

Kommunale Selbsthilfe

Auf der Homepage der Gemeinde www.ebensfeld.de findet sich neben aktuellen Informationen zur Pandemie auch ein Button "Der Markt Ebensfeld hält zusammen - Hilfe für Mitmenschen". Gemeindebürger können über die Hotline 09573/ 960812 Hilfe erbitten, wenn sie Unterstützung bei Einkäufen, Botengängen oder Ähnlichem benötigen. 20 bis 30 Menschen haben sich registrieren lassen, um diese Tätigkeiten zu leisten.

Volker Lutz wirkt als Behindertenbeauftragter eng mit Bürgermeister Bernhard Storath und Seniorenbeauftragtem Kurt Hammer zusammen. "In diesem Ehrenamt bin ich Interessenvertreter unserer Gemeindemitglieder mit körperlichen Einschränkungen und bin auf kommunaler Ebene für sie da", erläutert er. Seine Aufgabe sei es, eine Wegweiserfunktion wahrzunehmen. Derzeit gebe es rund 660 Menschen mit Behinderung in der knapp 5600 Einwohner zählenden Gemeinde - das entspricht einem Anteil von ca. zwölf Prozent.

Barrierefreies Alltagsleben

Er helfe beim Erstellen von Behindertenanträgen und beim Ausfüllen von Formularen, sagt Lutz. Zudem vermittle er, wenn fachmännische Beratung bei der Planung barrierefreier Häuser oder Wohnungen benötigt werde.

"Auch für Verbesserungsvorschläge im Hinblick auf barrierefreies Leben bin ich stets aufgeschlossen und setze mich gerne mit den zuständigen Stellen in Verbindung", fährt er fort. Dabei rät er, rechtzeitig daran zu denken, die eigene Wohnung so vorzubereiten, dass man auch im Alter darin bleiben kann: "Meist braucht es einen langen Atem, bis es zur Umsetzung kommt."

"Durch die Corona-Pandemie wurden Angst und Schrecken erzeugt - beides sind die denkbar schlechtesten Ratgeber", umreißt er die derzeitige Situation. "Wir sollten uns davon nicht anstecken lassen und möglichst sachlich und unaufgeregt damit umgehen." In Ebensfeld leben die Leute "in einem ländlichen Umfeld, wo man sich gegenseitig kennt und wo ein menschliches Miteinander noch funktioniert. Behinderte Menschen leben überwiegend in ihren Familien und werden von diesen mitgetragen", sagt er. "Soziale Distanz ist Gift für unsere Gemeinschaft und sorgt dafür, dass Mitmenschen, die Hilfe brauchen, abgehängt werden. Dies gilt insbesondere für alleinlebende Behinderte. Auf sie sollten wir besonders achten."

Selbstbestimmung ausgehebelt

Behinderte seien während der Corona-Einschränkungen besonders durch zunehmende soziale Isolierung und Ausgrenzung gefährdet, ergänzt er. Wegen der vorherrschenden Angst vor einer Ansteckung komme es zu einer erschwerten Versorgung mit Dingen des täglichen Bedarfs. Damit einher gehe "die generelle Erschwerung einer weitgehend selbstbestimmten Lebensführung". Dabei sei es bis dato immer das Credo gewesen, Menschen mit Behinderung zu ermöglichen, ihren Alltag so lange es geht selbst zu gestalten. Das habe nun durch Corona einen Rückschlag erlitten. Fazit: "Behinderte sind besonders betroffen von den staatlich verordneten Corona-Maßnahmen und müssen besonders berücksichtigt werden." Darauf habe die Gemeinde mit ihrem Hilfsangebot reagiert.

Durch Lockdown und Abstandsregeln hätten auch die wichtigen Strukturen des Vereinslebens enorm gelitten, fügt er hinzu. Heuer falle somit ein ganzer Jahrgang für die Werbung von Neumitgliedern weg. "Nachwuchs war schon vor Corona knapp ", sagt er. Es sei eine wichtige Aufgabe für uns alle, nach Corona wieder frischen Wind hineinzubringen, um die sozialen Kollateralschäden zu heilen, die durch die Pandemie verursacht wurden.

Volker Lutz ermuntert alle, die seine Hilfe brauchen, dies telefonisch dem Bürgerbüro der Gemeinde mitzuteilen (09573/ 96811 und 96812). Er werde sich dann umgehend beim Hilfesuchenden melden. Eine feste Sprechstunde - wie in seiner ersten Amtsperiode - gibt es nicht mehr, denn das habe sich nicht bewährt.

Als ehemaliger Zahnarzt sei er in Ebenfeld gut vernetzt - er kennt die Leute und die Leute kennen ihn: "Da ist keine Sprechbarriere, das erleichtert mir die Arbeit." Zudem sei er als Arzt an die Schweigepflicht gewöhnt und als Behindertenbeauftragter daran gebunden.

Volker Lutz ermuntert die Bürger, ihn auf Missstände hinzuweisen, wenn es etwa Handlungsbedarf beim Entschärfen eines neuralgischen Punkts im Straßenverkehr gebe. Er werde das dann aufnehmen und an den Bürgermeister weiterleiten.

Ebensfelds Bürgermeister Bernhard Storath (CSU) ist dankbar für die ehrenamtliche Arbeit von Volker Lutz. Auch er ist gelassen, was die Pandemie angeht, denn das Krisenmanagement sei intakt: "Die Nachbarschaftshilfe ist bei uns im ländlichen Raum gut. Doch die sozialen Kontakte leiden - die Leute sollten mehr miteinander reden."