Vergewaltigung, Betrug, Mord, sexueller Missbrauch, häusliche Gewalt, Cyber Mobbing. Für den Weißen Ring sind diese Straftaten Alltag. Davon kann auch die Leiterin der Außenstelle in Lichtenfels, Irene Dicker, berichten. Sie hilft den Opfern von Straftaten.

Seit Anfang der 1990er-Jahre gibt es die Außenstelle des Weißen Rings in Lichtenfels. Neben einem Mitarbeiter ist dort Irene Dicker seit 2009 ehrenamtlich tätig. "Wir brauchen aber dringend weitere ehrenamtliche Mitarbeiter", sagt sie. Wer Interesse hat, müsse dann noch Fortbildungen machen und könne sich anschließend auf ein Fachgebiet spezialisieren.

"Nach zwei Jahren hatte ich mehr als einhundert Opfer, danach habe ich das Zählen aufgehört", sagt Dicker. An ihren ersten Fall kann sich sich heute noch erinnern.

Erster Fall ein Tötungsdelikt

Es war ein Tötungsdelikt. Sie hatte schon einen Bericht darüber im Fernsehen gesehen. Der Täter hatte sein Opfer wochenlang in einem Müllsack in seiner Wohnung aufbewahrt, bis er sich der Polizei gestellt hatte. Dann wandte sich eine Verwandte des Opfers an den Weißen Ring, da sie das Geschehen psychisch sehr belastete: "Sie hatte stark mit dem Urteil zu kämpfen", erinnert sich Irene Dicker, "fünf Jahre, und nach zweieinhalb ist er wieder frei gewesen."

Der Weiße Ring hilft nicht nur mit einer psychischen Beratung von Opfern. Vor allem die Vermittlung an die richtigen Stellen steht im Vordergrund, sei es für eine Rechtsberatung, Opferentschädigung oder psychologische Hilfe.

Verkürzte Wartezeit

Gerade bei Psychologen müsse man oft ein halbes Jahr auf einen Termin warten, wenn man diesen als Privatperson vereinbart, sagt Irene Dicker. "Wenn der Weiße Ring dort anruft, kann eine Erstberatung häufig schneller vereinbart werden."

"Der Weiße Ring ist für Opfer da, die mehr Hilfe suchen, als die Polizei leisten kann", erläutert Polizist Jochen Haischberger. Das merke die Polizei auch bei den Ermittlungen. "Wenn es dem Opfer gut geht, laufen die Ermittlungen leichter", sagt Haischberger. Denn der Fokus der Polizei liege auf der Aufklärung des Verbrechens. Für die Opfer stehe ihr eigenes Leben natürlich im Vordergrund. Der Polizist nennt als Beispiel einen Betrug, der so stattgefunden hatte: Mehrere ältere Menschen wurden um ihre Ersparnisse betrogen. "Für sie bricht dann eine Welt zusammen. Da interessiert zuerst: Wie überlebe ich ohne Geld."

Opferhilfe aus Mitgliedsbeiträgen

In diesem Fall hat der Weiße Ring Opferhilfe beantragt. Die Organisation konnte so den Betrogenen finanziell helfen. Mitgliedsbeiträge und Spenden machten das möglich: "Wir haben rund 50 000 Mitglieder, die monatlich 2,50 Euro zahlen", erklärt Irene Dicker.

Bei diesem Betrugsfall hat die Polizei ermittelt. Doch es wenden sich auch einige Menschen an den Weißen Ring, bevor die Polizei eingeschaltet wird. Jürgen Hagel von der Inspektion Lichtenfels weiß, dass sich bei der Organisation "viele melden, die sich nicht trauen, zur Polizei zu gehen". Das seien vor allem Opfer von häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung. Nicht in allen Fällen folgt nach einem Gespräch mit dem Weißen Ring eine Anzeige.

Irene Dicker erinnert sich an eine Frau, die ihr geschildert habe, dass sie von einem Verwandtem mit einem Messer bedroht worden sei, der sie habe umbringen wollen.

Die Mitarbeiterin des Weißen Rings organisierte sogar einen Platz im Frauenhaus. Doch nach einem Gespräch mit einer Angehörigen entschied sich das Opfer gegen das Frauenhaus und kehrte in die Wohnung zurück. Vor allem bei häuslicher Gewalt kommt es öfter vor, dass erstattete Anzeigen wieder zurückgezogen werden.

Eine Hauptaufgabe des Weißen Rings ist auch die Prävention. Die Organisation klärt über verschiedene Straftaten auf. Haischberger nennt als Beispiel das Thema Cyber-Mobbing. "Diese Arbeit hat gewirkt", sagt er.

Als die Beratungsstellen vor rund 40 Jahren entstanden sind, "gab es noch nichts für Opfer", sagt Dicker. Doch perfekt ist der Opferschutz ihrer Meinung nach noch nicht: "Opfer leiden lebenslänglich. Da müsste der Staat mehr da sein."

Kontakt zum Weißen Ring

Die Außenstelle Lichtenfels ist unter Tel. 0151/55164764 erreichbar. Eine Kontaktaufnahme ist auch per E-Mail möglich an: weisser-ring-as-lichtenfels@t-online.de