Die Projektstelle "Zukunftscoach für Flüchtlinge" ist seit dem 15. September mit dem 29-jährigen Valentin Motschmann besetzt. In den Landkreisen Kronach und Lichtenfels betreut er hauptberuflich etwa 530 Flüchtlinge. Im Interview erzählt er, wie seine Arbeit aussieht und vor welchen Problemen er steht.

Wie sind Sie dazu gekommen, die Projektstelle zu übernehmen?
Valentin Motschmann: Ich war auf der Arbeitssuche und wollte gerne in dem Bereich arbeiten. Mit meinem Vater habe ich einmal in der Woche einen Deutschkurs gegeben und bin dadurch mit dem Thema in Berührung gekommen. Ich war immer der Meinung, dass Deutschland die Verpflichtung hat, Flüchtlinge aufzunehmen, weil das eine große Chance für das Land bedeutet. Beim Deutschkurs hat mir der persönliche Kontakt viel Spaß gemacht. Außerdem bin ich gerne in Gesellschaft. Was mich besonders fasziniert, ist, Menschen aus einer anderen Kultur kennenzulernen. Das Neue, das Fremde, wovor andere Menschen Angst haben, das ist für mich interessant.

Wie sehen Ihre Aufgaben bei der Projektstelle aus?
Meine Aufgabe besteht darin, Flüchtlingen, die in Deutschland arbeiten dürfen, eine Beschäftigung zu vermitteln. Hierzu zählen auch Praktika und Ausbildungen. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Wenn Flüchtlinge mit mir das Gespräch suchen, reden wir über die Punkte: Wer bist du, wo kommst du her, was ist dein Beruf? Die Leute erzählen dann, oder auch nicht, weil sie vielleicht kein Deutsch sprechen. Dann muss ich den Leuten klarmachen: Wir können uns zwar gerne auf Englisch unterhalten, aber um in Deutschland Perspektiven zu haben, müssen Sie Deutsch lernen. Ich vermittle den Menschen dann Deutschkurse. Nebenher suche ich bereits nach einer passenden Beschäftigung für die Person. Wir überlegen dann zusammen, welcher Beruf interessant wäre. Dann kontaktiere ich die Firmen.

Mit wem arbeiten Sie zusammen?
Mit dem Jobcenter, der Agentur für Arbeit, der Handwerkskammer, der IHK, der Asylsozialarbeit, dem Jugendmigrationsdienst, mit allen Bildungsträgern, ehrenamtlichen Koordinatoren, mit Ehrenamtlichen, mit den Kirchen und auch mit den Schulen. Im Endeffekt mit allen, die sich mit Menschen mit einem Fluchthintergrund auseinandersetzen. Die Liste ist sehr lang. Aber wir sind immer noch viel zu wenig Mitarbeiter und Ehrenamtliche für das Potenzial, was da schlummert.

Wo gibt es bei der beruflichen Integration im Landkreis Verbesserungsbedarf?
Verbesserungsbedarf gibt es bei der Politik - vor allem bei der Bundes- und der Staatsregierung, die drei Klassen von Flüchtlingen geschaffen hat. Zur ersten Klasse gehören jene, die aus den sogenannten sicheren Herkunftsländern nach Deutschland kommen. Sie haben keine Perspektive, auf den Arbeitsmarkt zu kommen. Die zweite Klasse sind Flüchtlinge, deren Heimat in den Big Five liegt: Irak, Iran, Somalia, Syrien und Eritrea. Sie haben einen offenen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Drittens die Flüchtlinge, mit einer sogenannten geringen Bleibeperspektive. Und für diese hat die Staatsregierung gerade höhere Auflagen geschaffen. Wir haben viele Flüchtlinge in den Einrichtungen, die eine Ausbildung anfangen könnten - zum Beispiel Menschen aus Afghanistan, deren Anerkennungswahrscheinlichkeit übrigens bei konservativer Rechnung nur knapp unter 50 Prozent liegt. Doch ihnen wird keine Arbeitserlaubnis erteilt. Das führt dazu, dass die Leute ohne eine Perspektive auf Arbeit Monate, eventuell Jahre herumsitzen. Wir haben aktuell den Fall, dass sich ganz viele Leute integrieren wollen. Die alles dafür tun würden, nur man lässt sie nicht.

Was macht diese Perspektivlosigkeit mit den Menschen?
Sie führt zu einer Hoffnungslosigkeit, wodurch die Individualität irgendwann eingebüßt wird. Einzelne Flüchtlinge, die seit vier Jahren da sind und nicht arbeiten dürfen, greifen dann zum Alkohol, weil sie nicht einmal einen Deutschkurs belegen dürfen und auch sonst an keiner Vorbereitung teilnehmen können. An solchen Schicksalen sieht man selbst, dass man den Menschen nicht helfen kann, nicht mehr helfen kann.

Wie war die Reaktion der Unternehmen bisher?
Die Reaktionen waren bisher positiv. Natürlich gibt es Firmen, die Vorbehalte haben. Schließlich sind es zwei unterschiedliche Kulturen, an die sich beide Seiten gewöhnen müssen - Arbeitgeber und Flüchtlinge. Bei meiner Arbeit ist es wichtig, dass ich die Unsicherheiten und Ängste der Menschen anerkenne und versuche, sie den Leuten zu nehmen. Das Angebot, mit der Belegschaft zu sprechen, mache ich immer. Natürlich kann ich nicht garantieren, genauso wenig wie bei jedem deutschen Auszubildenden auch, dass der Auszubildende ein guter Auszubildender ist.

Wie wird die Projektstelle von den Flüchtlingen angenommen?
Alle wollen gleich mit mir reden. Viele, die gerade frisch Deutsch lernen, wollen dann gleich starten, auch weil sie dem deutschen Staat nicht auf der Tasche liegen wollen. Sie sagen mir dann ganz oft, dass sie etwas zurückgeben wollen.

Auf welche Erfolge schauen Sie bereits zurück?
Zwei Flüchtlingen konnte ich bereits ein Praktikum vermitteln. Die Betriebe haben mir versichert, dass sie den Flüchtlingen eine Ausbildung anbieten, wenn sie das Praktikum erfolgreich abschließen.

Wie weit reichen die Kenntnisse der meisten Flüchtlinge?
Manche Flüchtlinge können nur zwei Jahre Schule vorweisen, andere waren in ihrer Heimat Regierungsbeamter oder Agrar-Ingenieur. So jemanden betreue ich gerade in Lichtenfels. Das Problem ist, Landwirtschaft in Äthiopien funktioniert anders als bei uns. Das heißt: Er bringt zwar das Know-how mit und ist sehr gebildet, es wird aber nicht einfach für ihn einen adäquaten Beruf in Deutschland zu finden, der ihn geistig ausfüllt.Fünf weitere in Praktika, bei denen sich Betriebe offen gezeigt haben, das Ziel Ausbildung aber noch nicht so ausgeprägt festgeschrieben haben. Und zwei mit Ausbildung im Heimatland, bei welchen nach gutem Probearbeiten ein fester Arbeitsvertrag zugesagt ist.

Wie finanziert sich die Projektstelle? Wird sie gefördert?
Die Projektstelle wird vom deutschen Hilfswerk und den Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirken Kronach-Ludwigsstadt und Michelau gefördert und mitfinanziert.

Die Fragen stellte Sarah Stieranka