Viele Gläubige, die die Pfarrkirche St. Kilian zu den Gottesdiensten besuchen, haben sicherlich keinen blassen Schimmer davon, was sich von April bis August hoch über ihren Köpfen, auf dem Dachboden der Kirche, so alles abspielt. Denn in dieser Zeit befinden sich etwa 80 bis 90 Fledermaus-Weibchen des Großen Mausohrs in ihrem Sommerquartier, um ihre Jungen zu gebären und aufzuziehen. Insgesamt wurden in diesem Jahr 155 Tiere in der Kirche gezählt.

Ulrich Völker, Fledermaus-Schützer aus Loffeld, hat sich vor Kurzem ein Bild von der "Wochenstube" - wie man im Fachjargon die Ansammlung junger Fledermäuse nennt - gemacht, die Tiere gezählt und in Augenschein genommen.
Anderen Personen ist es nicht gestattet, den Großen Mausohren bei ihrer Aufzucht zuzusehen oder sie gar zu fotografieren.

Eine schwarze Wolke flog auf

Ulrich Völker erzählt, wie sein Interesse an Fledermäusen geweckt wurde. Als er vor etwa 30 Jahren seine Kinder um die Mittagszeit schlafen legen wollte, schloss er die Fensterläden seines Wohnhauses. Dabei entdeckte er eine schwarze Wolke, die aus mehreren Fledermäusen bestand, und aufgeschreckt davonflog. Völker erfasst seit dieser Zeit außerdem zusammen mit Michael Bäumler die wildlebenden Säugetierarten im Landkreis. "Es gibt 57 wildlebende Tierarten in unserer Region, davon sind 19 Fledermausarten", betont er.
Über das Landratsamt wird er immer wieder zu verletzten Fledermäusen gerufen. Solange die Tiere nur geschwächt sind, päppelt er sie wieder auf und entlässt sie nach ihrer Gesundung wieder in die Freiheit. Schwieriger wird die Sache, wenn das Tier einen Flügel gebrochen hat, dann ist eine Rettung so gut wie aussichtslos, sagt der Tierschützer. Der Endfünfziger und Lehrer an der St.-Katharina-Schule in Lichtenfels ist Mitglied in verschiedenen Natur- und Artenschutzverbänden, wie dem Landesbund für Vogelschutz, und kümmert sich ehrenamtlich um die Fledermäuse.

Samen in der Tasche

Die Zeit, in der die großen Mausohren ihr Sommerquartier in der Pfarrkirche von Bad Staffelstein beziehen, lasse sich nicht hundertprozentig einordnen, sagt Völker. Dies hänge zum Beispiel von der Länge des Winters ab. Aber in der Regel kämen die ersten Fledermausweibchen Mitte April auf den Dachboden der Kirche. Zu diesem Zeitpunkt trage das Weibchen den Samen eines männlichen Tieres in einer Art Tasche in seinem Körper und wähle den Zeitpunkt der Befruchtung selbst.

Nackt und blind

Nach etwa acht Wochen Tragzeit kommt eine junge Fledermaus zur Welt. Diese ist nackt und blind, verfügt jedoch schon über ein Michgebiss. Unter den etwa 50 Jungtieren - nur gut die Hälfte der Weibchen gebärt ein Junges - erkennt jede Mutter ihren Nachwuchs am Geruch und an den für Menschen nicht hörbaren Ultraschalllauten. Bereits nach vier Wochen macht die junge Fledermaus erste Flugversuche. Deshalb benötigen und bevorzugen die nachtaktiven Tiere große Dachböden wie den der Pfarrkirche. Im ersten Jahr ist die Sterblichkeitsrate bei den Jungtieren sehr hoch. Haben sie diese Zeit überstanden, können sie bis zu 30 Jahre alt werden.
Ulrich Völker zählt jedes Jahr die Fledermaus-Population der fünf im Landkreis Lichtenfels bekannten "Fledermaus-Wochenstuben". Die kleinste verfügt über zwölf, und die größte über 450 Tiere. Der Bestand habe sich in den vergangenen Jahren leicht erhöht, sagte er. Aber das sei kein Grund zur Euphorie, denn durch Schlechtwetterperioden könne dies schnell ins Gegenteil umschlagen, sagt der Experte. Außerdem handele es sich bei den Großen Mausohren um eine bedrohte Art.

Lautlose Jäger der Nacht

Durch eine Öffnung im Dach der Kirche verlassen die bis zu acht Zentimeter großen Weibchen in der Dämmerung ihr Quartier, um auf die Jagd auf Insekten zu gehen. Völker nimmt an, dass die Fledermäuse in den nahen Banzer Wald und zum Seerangen, einem Waldgebiet bei Horsdorf, fliegen, um dort Beute zu machen. Dabei jagen die kleinen Tiere nicht nur in der Luft, sondern auch am Boden.
Mitte August ist der ganze Spuk in der Pfarrkirche dann auch wieder vorbei und die Fledermäuse begeben sich auf den Weg in ihr Winterquartier. Die Tiere legen über mehrere Wochen hinweg etwa 60 Kilometer zurück, bis sie in einer der vielen Höhlen in der Fränkischen Schweiz angekommen sind.

Die Tiere benötigen zum Winterschlaf eine konstante, frostfreie Umgebungstemperatur. Bringt ein Großes Mausohr, bevor es sich in den Winterschlaf begibt, noch ein Gewicht von etwa 35 Gramm auf die Waage, so sind es nach dessen Beendigung im Frühjahr nur noch 20 Gramm. Eine Störung der Winterruhe durch den Menschen, bedeutet in den meisten Fällen das Todesurteil des nachtaktiven Jägers, denn das Säugetier nimmt die Körpertemperatur der Menschen wahr, wird aufgeschreckt und verbraucht dadurch unnötige, nicht vorhandene Energie.

Ulrich Völker wird auch im kommenden Jahr wieder auf den Dachboden der Kilianskirche steigen und ist schon heute darauf gespannt, wie sich dann die Population entwickelt hat.