Wie man ein politischer Mensch wird? Und wann? Thomas Müller überlegt einen Augenblick. "Das hat vielleicht mit meinem Beruf zu tun", antwortet er. Es mache ihm Spaß, Leuten zu helfen, gesund zu werden oder gesund zu bleiben. Müller ist Apotheker in Burgkunstadt. Der 63-Jährige übernahm 1986 die "Alte Apotheke" von seinem Vater, der diese 1953 wiedergegründet hatte. Sein Urgroßvater hatte 1895 ein paar Häuser entfernt die erste Apotheke in Burgkunstadt ins Leben gerufen; ein nachfolgender Pächter zog später an einen anderen Standort.

Das "Wann" kommt schneller: 1995, sagt er, trat er in die Ökologisch Demokratische Partei (ÖDP) ein. Seine Frau habe ihn ein Jahr zuvor auf die Partei aufmerksam gemacht. "Ich bin dann zu einigen Treffen gegangen und habe schnell gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge lagen." Die Suche nach einer politischen Heimat ging also eher etwas durch Zufall zu Ende. Als politischer Mensch hat sich Müller aber zuvor auch schon gesehen.

In Burgkunstadt aufgewachsen

Das sei so im Alter zwischen 12 und 14 Jahren losgegangen: "Bei jedem Essen mit den Eltern ging es um die Apotheke und auch um politische Diskussionen." Und in der Schule habe sich das fortgesetzt. "Damals gab es aber nur Rot und Schwarz und die FDP als Anhängsel." Müller ist Burgkunstadter, wuchs als einziges Kind seiner Eltern dort auch auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Kulmbach folgte ein Pharmazie-Studium in Erlangen. Es schloss sich ein einjähriges Praktikum in Kulmbach an, danach übernahm er drei Jahre lang Vertretungen in Apotheken in ganz Deutschland - "eine sehr interessante Zeit". 1984 kehrte er nach Kulmbach zurück, um zwei Jahre später die Apotheke zu übernehmen.

"Ich habe schon damals die Dinge immer etwas tiefer betrachtet." Wenn Müller etwas sagt, darf es gerne schon länger dauern. "Meine Erklärungen, wofür man steht, waren schon immer etwas umfangreicher, weil politische Antworten nun einmal nicht einfach zu geben sind." Einfache Antworten seien sogar gefährlich: "Denn es sind die falschen Antworten."

Gehör zu finden mit dieser Art Politik sei nicht immer leicht, doch er hoffe diesmal auf besondere bayerische Umstände: "Es wird viel über eine Schwarz-Grüne Koalition gesprochen, da braucht es eine ökologische Partei in der Opposition."

Keine üppige Personaldecke

Müller ist ein fast schon altgedienter Wahlkämpfer: 2012 und 2017 trat der als Direktkandidat bei der Bundestagswahl an, 2013 auch zur Landtagswahl. Und diesmal wieder. Das sei - räumt er ein - der dünnen Personaldecke der kleinen Partei geschuldet. Die ÖDP ist, verglichen mit anderen Regionen, in Bayern zwar etwas größer als klein, war aber immer ein gutes Stück von der Fünf-Prozent-Hürde entfernt. Im Stimmkreis Kronach/Lichtenfels holte die konservative Öko-Partei 2013 bei der Landtagswahl 1,4 Prozent der Zweitstimmen.

Müller ist auch ÖDP-Bezirksvorsitzender. Auch hier hatte er sich einmal kurz zurückgezogen. Doch wieder brachte ihn die dünne Personaldecke zurück ins Amt. Ob bei so viel politischem Engagement nicht eine Karriere in einer der größeren Parteien eine Alternative gewesen wäre, um einmal die Früchte seiner Arbeit ernten zu können? Müller schüttelt den Kopf. Die ÖDP sei unabhängig, nehme keine Spenden von Firmen oder Verbänden an - und darauf legt er großen Wert.

Als Stadtrat in Burgkunstadt kennt er den politischen Betrieb in Gremien: "Das hat mir doch noch einmal neue Einblicke gegeben." Doch es stellt ihn nicht zufrieden, wenn man eine Woche vor einer Sitzung zentimeterdicke Stapel an Unterlagen bekomme, die man bis zur Entscheidung kaum durcharbeiten könne. Da vermisst er eine umfangreichere Einbindung, auch wenn er weiß, dass das als ehrenamtlich tätiger Stadtrat kaum möglich sein wird. "Viele politische Entscheidungen werden in einem kleinen Kreis getroffen, und oft kommt es darauf an, wer welche Beziehungen zur Parteispitze hat." Zumindest hier sieht er einen Weg, etwas entgegenzusteuern: Man müsse als Politiker die Praktiker vor Ort einbinden. Positiv findet er in dieser Beziehung etwa die Runden, die die CSU-Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner ausrichte, wo nicht nur Lobbyisten oder Verbandsvertreter zusammenkämen.

Erfolge auch als kleine Truppe

Auch als kleine Partei könne man Erfolge erringen, das zeige etwa die Arbeit des einzigen ÖDP-Abgeordneten Klaus Buchner im Europaparlament. Und auch persönliche Rückmeldungen machten Mut: "Ich hab mit so vielen Rauchern gesprochen, die selber zugeben, dass sie sich Zigarettenqualm in einer Gaststätte gar nicht mehr vorstelle können." Eine Entscheidung, die auf einen Volksentscheid der ÖDP 2010 in Bayern zurückging. Müller hofft, dass es auch bald ÖDP-Abgeordnete im bayerischen Parlament gibt. Zeit, sich mehr der Politik zu widmen, hat er. Ende September schließt er etwas vorgezogen aus Altersgründen seine Apotheke. "Das gibt einem für die Politik schon neue Perspektiven."