"Die Retl kommt ins Haus. Geburtstagsfeiern - klein, aber fein - persönlich, individuell, flexibel - Gratulation... auch als Überraschung." So beschreibt die fränkische Kabarettistin Birgit Geßlein alias "Retl" ihre Comedy-Programme auf ihrer Homepage. Längst ist Retl am Obermain zu einer bekannten Figur geworden.

Ihre Auftritte mit Gesang und Schifferklavier gestaltet sie stets individuell. Keine ihre Comedy-Shows ist wie die andere. Schlagfertig und voller Lebensfreude reißt sie ihr Publikum mit - und wenn sie sich mal verspricht oder verspielt: Na und? "Bei mir ist jeder Fehler echt", kommentiert sie sich dann selbst, und darüber lachen die Leute noch mehr. "Das Menschliche rauskitzeln", nennt sie das.

Kleinkunst für die kleine Bühne

Doch nun, in Zeiten der Pandemie, fehlen der Kleinkunst-Darstellerin die Engagements. Wie fast allen Künstlern, sind ihr die Buchungen weggebrochen (" ... bodenständig wie ich bin, ist auch der Preis"). Sie versucht kleinere, an die Hygienegebote angepasste Familien- und Vereinsfeiern zu bestreiten.

Als sie zum Redaktionsgespräch nach Bad Staffelstein kommt, fragt sie eine Postbotin nach Schäfers Café. Sofort wird ihr Incognito gelüftet. Die Postbotin erkennt sie und scherzt: "Retl, des kannst gleich in dei' neues Programm einbauen!"

Künstlerisch lief heuer fast nichts

Die 54-Jährige, die seit rund 20 Jahren auf der Bühne steht, erzählt, dass sie das gern tun würde, wenn es nur wieder mehr Engagements gäbe. Gewohnt, in allem das Positive zu suchen, berichtet sie, wie das Jahr bisher künstlerisch für sie gelaufen ist. Noch im Januar trat sie auf Einladung von Heinrich Kunzelmann im Kleukheimer Sportheim auf. Für Februar und die nächsten Monate war sie total ausgebucht. Mit ihrem "Retl-Mobil" tourte sie zu zahlreichen Musik- und Comedy-Veranstaltungen, vor allem in den Kreisen Lichtenfels, Kronach und Coburg. Sie freute sich aufs Jahr: "Immer mehr jüngere Leute buchen mich. Ich war richtig auf dem aufsteigenden Ast."

Sie beschreibt ihre Auftritte: Auf einem Stuhl stehend musizieren, sich mit dem Schifferklavier begleiten, Leute aus dem Publikum auf die Bühne holen und einen eigenen Shantee-Chor aus den Verblüfften bilden. Dann kam der Lockdown. Schluss mit lustig. Kaum etwas war wie zuvor. Beim Starkbierfest in Stadtsteinach sollte sie noch auftreten, doch es wurde kurz zuvor abgesagt. "Seitdem bin ich, wie viele Künstler, ohne Einnahmen."

"In der Künstlerpause"

Nun ist der Lockdown vorüber, doch die Engagements bleiben aus. "Ich bin in der Künstlerpause", sagt die Retl. Sie liest viel, hat den Finger am Puls der Zeit, kennt die öffentliche Meinung und versucht herauszufinden, wie die Leute ticken. Ihr geschultes Auge scannt den Blätterwald, um kabarettistisch Interessantes aus lokal- und weltpolitischen Ereignissen herauszufiltern. Fündig wird sie im "Fränkischen Tag", in der "Zeit", im "Spiegel" und erst recht in der "Bild". Doch auch das Fernsehen bietet ihr jede Menge Steilvorlagen für ihre Auftritte. "Ich möchte mich auseinandersetzen mit der Krise, den Menschen nun wieder anders begegnen als im Lockdown: Ich möchte Freude und Hoffnung in dieser Krisenzeit verbreiten und meine Musik als Therapie für alle Lebenslagen anbieten."

Ihre Themen sind scheinbar banal, aber nie einfach gestrickt: "Ich würde gern amoll den Markus Söder fragen, welchen Kaffee er trinkt und wo er seine Socken kauft", scherzt sie.

Dabei wünscht sie sich nicht die großen, medienwirksamen Auftritte wie etwa beim Fränkischen Fasching in Veitshöchheim. Sicher würde sie dort in der richtigen Liga spielen. Obwohl sie nie unter Lampenfieber leide, seien Auftritte bei kleineren Veranstaltungen in örtlichem oder familiärem Rahmen eher ihr Ding. Zum Beispiel bei einer Geburtstagsfeier.

Ein Unikum betritt den Saal

Das läuft dann etwa so ab: Retl tritt mit ihrem Akkordeon in den Raum und hat sofort die Aufmerksamkeit aller. Sie stellt den Jubilar komödiantisch mit einem lustigen Lebensrückblick vor. Dabei tut sie so, als ob sie sich schon seit Ewigkeiten kennen: "Waaßt nimmer? Damals in der Schul!" Dafür sind freilich einige Recherchen bei den Angehörigen im Vorfeld erforderlich.

Was bei ihren Auftritten herauskommt, ist nie genau vorherzusehen, es ist ein dynamischer Prozess. Sie hat selbst mindestens genauso viel Freude daran wie die versammelten Festgäste: "Ich lach mich ja oft selber blöd dabei." Hilfreich ist der studierten Pädagogin ihre sensible Antenne für menschliche Regungen: "Ich spür sofort, wie die Leute drauf sind."

Ein Wunschkonzert gehört zum Standard: Das Geburtstagskind darf sich aussuchen, ob es lieber ein Lied von Helene Fischer oder Andrea Berg hören möchte. Die Retl spielt dann den Schlager oder das Volkslied ohne Notenblätter, so wie ihr die Worte von den Lippen kommen und wie ihr die Töne aus dem Akkordeon purzeln. "Schatzi, schenk mir ein Foto... - das mögen auch die Jungen, die kreischen schon, wenn ich reinkomm'", kommentiert sie ihre Auftritte lachend. Wichtig ist vor allem: Die Lieder müssen zu ihr passen. "Bei Westernhagen grichd mei' Ziachkatz' Flecken", beschreibt sie den Zustand ihrer Ziehharmonika, wenn sie Hits von Interpreten spielen müsste, die ihr nicht liegen.

Auch leise Töne beherrscht sie

Das marktschreierisch Heitere ist nicht die einzige Klaviatur, auf der die Retl spielen kann. Lieder, die die Seele berühren gehören ebenfalls ins Repertoire der vielseitigen Künstlerin. Als Referentin gibt die gelernte Erzieherin zudem Seminare zum ernsthaften Aufarbeiten schwerer Lebensabschnitte. Angesichts der Corona-Pandemie, sagt sie, trete bei vielen Menschen ein Defizit zutage: "Wir sollten wieder das Verzichten lernen."

"Es hat einen tiefen Sinn, wenn die Menschen dankbar und positiv auf ihr Leben zurückblicken können", sagt sie nachdenklich.

Genau dabei möchte sie die Leute unterstützen: Nicht nur aufs Entgangene blicken, sondern auch auf die Chancen, die eine solche Krise mit sich bringt. "Das Interesse und das Hineinfühlen in andere Menschen ist mir in die Wiege gelegt", sagt sie.

Und dann lässt sie die schweren Gedanken und wird wieder heiter: "Ob Wohnzimmer, Küche, Garten Floß - wo Retl is', is' stets was los."