Der silberne Mercedes fährt leise und ruhig. Kein normales Auto, sondern eines für die letzte Reise. Zwischen 110 000 und 120 000 Euro kostet das Modell wegen seiner Sonderfunktionen: 200 PS, zwei Särge breit Platz im Fond, Schienensysteme. Ein Auto wie dieses ist längst nicht mehr selbstverständlich schwarz. Vorne am Steuer sitzt Bestattungsgehilfe Erich Baier. In der Lebensmitte entschloss sich der ehemalige Maurer dazu, beruflich einen neuen Weg einzuschlagen.

An diesem Tag führt ihn dieser von Lichtenfels ins Krematorium nach Coburg und auf eine Trauerfeier nach Creidlitz. Das Bestattungsgeschäft: "Wenn es so weit ist, ist es so weit", sagt der 57-Jährige frei heraus. Er sagt es ohne erkennbare Stimmungsschwankung. Seit er vor 17 Jahren in diese Branche gewechselt ist, mache er sich in seiner Freizeit auch nicht mehr Gedanken über den Tod als vorher.


Ohne Papierkram geht es nicht

Vier Dokumente führt er nun mit sich, um sie bei der Friedhofsverwaltung abzugeben. Für zu Kremierende werden u. a. Unbedenklichkeitserklärung seitens Staatsanwaltschaft und Polizei verlangt. Wer verbrannt ist, kann schließlich nicht mehr exhumiert werden. Darum klären die Behörden, ob noch etwas gegen den Toten vorliegt, ob noch ein Verfahren anhängig ist.

Baiers Tag ist vielfältig, er ist mit dem Lager vertraut, mit den Nummern der Bestellartikel von saugfähigen Sargeinlagen bis zu Holzkreuzen oder Sterbehemden. Der Betrieb in Lichtenfels hält auch ein Depot an Artikeln vor, das regelmäßig aufgefüllt werden muss. Und ein Arsenal an Werkzeugen - von der Wundzange bis zum kleinen Bagger für Aushubarbeiten. In dieser Woche hat Beier Bereitschaft, er ist nach Feierabend auf Abruf erreichbar.
Karsten Busch ist Filialleiter der Pietät Dinkel. Zehn Jahre schon ist er in der Branche. Duplizität der Ereignisse, denn auch er, eigentlich gelernter Bäcker, war mit 39 Jahren in der Lebensmitte, als er sich für die Dauer von zweieinhalb Jahren in Lehrgängen beruflich umorientierte. Heute ist er verantwortlich für die Koordination zwischen dem gewerblichen und dem kaufmännischen Teil des Geschäfts. Auch er mache sich keine anderen Gedanken zum Tod als vor seinem Wechsel in die Branche. "Der Körper, das ist nur die Hülle", sagt Busch. Ein Leben nach dem Tod erscheint ihm wahrscheinlich und der alltägliche Umgang mit Särgen und Truhen und der Blick auf die Starre hat seine Vorstellung von einem Jenseits nicht beschädigt.

Als ein Nachbar verstarb, war es ihm "ein Bedürfnis", den Verstorbenen als Ehrerweisung zurechtzumachen. Trauerbegleitung und die Formalitäten für Überführungen gilt es abzuklären, die Choreografie einer Trauerfeier zu erstellen und die Verstorbenenversorgung sicherzustellen, erklärt Busch das Gewerbliche. Die Versorgung geschieht im Haus in einem Raum, der wie ein kleines Lazarett anmutet. Offensichtliche Wunden müssen bei Toten vernäht, Körperöffnungen gegen Flüssigkeitsaustritt verschlossen werden. Auch das Schminken gehört dazu und will gelernt sein. Nebenan steht eine Art Metallwürfel, eine Kühlkammer mit zwölf qm und Platz für zwölf Särge. Zwischen- und Frischhaltestation für die 96 Stunden zwischen Verscheiden und Grab. Im Inneren herrschen plus fünf bis sieben Grad und ein Alarmknopf ist neben der Tür angebracht. Falls sich ein Mitarbeiter aus Versehen einschließt. Oder falls ein "Toter" aus seiner Starre erwacht. Ein Service, der noch nie in Anspruch genommen wurde.

Ingrid Heinel war 45, als sie den Berufsweg der Bestattungsfachberaterin beschritt. Auch sie, die ehemalige Sekretärin, kam um die Lebensmitte zur Branche. Getrübte Lebensfreude kennt sie nicht und dass etwas nach dem Tode kommt, vermutet sie. Es geht darum, einen würdigen Abschied zu gestalten, sagt sie. Darum macht sie die Trauerfallannahme, klärt Versicherungstechnisches, plant Trauerfeiern. Als sie ihren Kollegen zu einer von Pietät Dinkel ausgerichteten Trauerfeier nach Creidlitz begleitet, fällt ihr auf, dass die dortige Aussegnungshalle nicht ordentlich durchgefegt ist. Sie rüffelt die Zuständigen. Was soll die Witwe davon halten, argumentiert sie. Die Witwe, die wird im Laufe der Feier auch die Nähe Ingrid Heinels suchen. Auch das sieht die Frau als ihre Aufgabe: Ansprechpartner und Bindeglied zwischen ihrer Firma und dem Verlangen der Hinterbliebenen nach einem im besten Sinne erinnerungswürdigen Abschied. Abschiede sind individuell und eine Chance auf eine Wiederholung gibt es nicht, erklärt Ingrid Heinel.
Das Individuelle hat Einzug gehalten in das Bestattungsgeschäft. So können Seebestattungen schon längst auch von Landbewohnern gebucht werden, ja selbst zum Diamanten kann man sich pressen lassen und wer die Auswahl an Särgen und Truhen gesehen hat, der weiß, dass italienischer Chic auch ins Sargdesign Eingang gefunden hat.
Noch einmal geht Ingrid Heinel mit Erich Baier das Zeremoniell durch, denn Baier kommt heute auf der Empore der Aussegnungshalle noch die Rolle eines DJs zu. Er wird zu Stichworten die Lieblingsmusik des Verstorbenen abspielen. Als die Aussegnungshalle sich leert, möchte die Witwe von Ingrid Heinel noch etwas wissen: "Es war doch schön, oder?" Ein "Ja" bedeutet der Frau jetzt viel - für das gute Gefühl, ihrem Manne noch einen Dienst erwiesen zu haben. Darum geht es in der Branche wohl überhaupt und die Witwe und Ingrid Heinel liegen sich kurz in den Armen.

Schulungen alle zwei Jahre

Es ist kalt. Die Böden werden hart, aber graben muss Baier heute nicht. Seinen Schulkollegen habe er bestattet, bald darauf auch dessen Eltern. Irgendwann wird er jemanden bestatten, der ausdrücklich von ihm zurechtgemacht werden möchte. Das hat dieser Jemand schon gesagt. Scham? Scham gibt es dabei nicht, so Baier auf die Frage, ob beispielsweise Frauen nicht lieber von einer Bestatterin gewaschen, zurechtgemacht und eingesargt werden möchten.
Er fährt seinem Feierabend entgegen. Leise und ruhig, mit 200 PS und leerem Fond. Irgendwann stehen für ihn wieder neue Schulungen an. Das tun sie alle zwei Jahre in der Branche.