MarktgraitzAnfang des Monats hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Verantwortung für Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus endgültig in die Hände der Länderchefs gelegt. Während in Thüringen die Abschaffung der Maskenpflicht ein Thema ist , fährt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) weiterhin einen härteren Kurs: Bundesweit liegt der kritische Wert der so genannten Sieben-Tage-Inzidenz, also der Neuinfektionen innerhalb einer Woche, bei 50 Erkrankungen auf 100 000 Einwohner gerechnet, doch in Bayern wurde die Grenze auf 35 festgelegt. Das bedeutet: Wird dieser Wert überschritten, müssen lokale Maßnahmen zur Eindämmung her. In Lichtenfels ist das momentan der Fall.

Grund für den deutlichen Anstieg in den letzten Tagen ist der Ausbruch des Virus im Marktgraitzer Pflegeheim "Am Eichberg". Dort haben sich mittlerweile ein erheblicher Teil der Bewohner sowie einige Mitarbeiter infiziert. Acht Menschen sind infolge der Erkrankung gestorben.

"War ein riesen Schock"

"Jeder Bewohner, der verstirbt, ist einer zu viel - und man kann nichts dagegen tun, weil es keinen Impfstoff und kein Medikament gegen die Krankheit gibt", teilte die Heimleitung auf Anfrage des Fränkischen Tags mit.

Ein Bewohner, der an einer chronischen Lungenkrankheit litt, hatte regelmäßig Erkältungserscheinungen. Der Hausarzt hatte ihm daher Antibiotika verabreicht. Nachdem der Bewohner verstorben war, bekam sein Zimmernachbar Fieber. "Dem Bewohner wurde post mortem noch ein Abstrich entnommen", berichtet der Heimleiter. Der Abstrich und auch der des Zimmernachbarn fielen positiv aus. "Für uns war das Ergebnis ein riesen Schock. Wir haben umgehend das Gesundheitsamt informiert und Quarantänemaßnahmen eingeleitet."

Seitdem herrscht im Pflegeheim eine absolute Ausnahmesituation. In dieser schwierigen Phase sei es kaum möglich, die richtigen Worte zu finden. Von den insgesamt 21 infizierten Bewohnern sind mittlerweile acht an den Folgen der Coronainfektion verstorben. "Bei den verstorbenen Bewohnern ist die Infektion besonders schwer verlaufen. Alle anderen Infizierten zeigen bisher keine Symptome - weder Fieber noch Atemwegserkrankungen."

Wie es dazu kommen konnte, dass das Coronavirus im Pflegeheim "Am Eichberg" ausgebrochen ist, kann sich der Heimleiter nicht erklären: "Darüber können wir nur mutmaßen. Vermutlich wurde das Virus durch einen symptomlosen Mitarbeiter übertragen." Dass der Ausbruch direkt mit der Lockerung der Besuchsregeln zusammenhängt, gilt als unwahrscheinlich. Zu dem Zeitpunkt, als sich der erste Bewohner angesteckt hat, war das Heim noch nicht wieder für Besucher geöffnet.

Um zu verhindern, dass sich noch weitere Bewohner anstecken, wurden im Pflegeheim "Am Eichberg" zwei Stationen eingerichtet. In einer Station sind alle mit Covid-19 infizierten Bewohner untergebracht, in der anderen Station die gesunden Bewohner. "Nicht nur die Bewohner, sondern auch die Mitarbeiter werden voneinander abgeschottet. So soll verhindert werden, dass das Virus übergreift", berichtet der Heimleiter. Die Mitarbeiter betreten das Haus außerdem über zwei separate Eingänge. So können sie in die einzelnen Stationen gelangen, ohne dabei mit anderen Bereichen des Hauses in Berührung zu kommen.

Wenn Ende der Woche 14 Tage vergangen sind, werden alle mit dem Coronavirus infizierten Bewohner und Mitarbeiter erneut auf das Virus getestet. "Weitere Verdachtsfälle bestehen im Moment nicht, es ist davon auszugehen, dass es bei den Zahlen bleibt." So lange nicht alle Bewohner und Mitarbeiter des Alten- und Pflegeheims covid-frei sind, besteht Besuchsverbot.

Folgen für den Landkreis

Wird der kritische Wert der Sieben-Tage-Inzidenz in einem Landkreis überschritten, müssen die Beschränkungen wieder verschärft werden. Doch Obwohl die Kennzahl im Landkreis Lichtenfels mit einem Wert von 41,9 (Stand am 25. Mai; hochgerechnet auf 100 000 Einwohner) überschritten wurde, haben die Bewohner des Landkreises keine Konsequenzen zu befürchten. "Die Infektion ist lokal zu verorten - für das Alten- und Pflegeheim gilt natürlich weiterhin ein Besuchsverbot", so Andreas Grosch, Sprecher des Landratsamts. Auch werden derzeit keine neuen Bewohner in das Heim verlegt.Trotzdem appelliert das Landratsamt an alle, sich weiterhin an die bestehenden Abstands- und Hygieneregeln zu halten.

Auch Grosch hält es für wahrscheinlich, dass das Virus durch einen symptomfreien Mitarbeiter an einen der Bewohner übertragen wurde. Zum Zeitpunkt der Ansteckung habe es noch keine Lockerungsmaßnahmen gegeben. "Wir sind nicht vor weiteren Ausbruchsgeschehen gefeit", betont er und verweist dabei auf Regens Wagner in Burgkunstadt. "Anfang April gab es dort die ersten Fälle", erinnert sich Grosch.

Regens Wagner ist corona-frei

Mittlerweile ist Regens Wagner corona-frei. "Die Abstriche aller Bewohner und Mitarbeiter waren negativ", sagt Gesamtleiterin Sabine Schubert. Dies sei nur durch die Disziplin und Solidarität der Mitarbeiter möglich geworden, die sich dem Ganzen engagiert gestellt hätten. Insgesamt hatten sich 28 Bewohner und 27 Mitarbeiter von Regens Wagner mit Covid-19 infiziert. Fünf Wohngruppen waren betroffen.

Anfang April wurden die ersten Bewohner positiv auf das Virus getestet, seitdem mussten fünf Wohngruppen mit jeweils sieben bis zehn Bewohnern in Quarantäne. "Bereits mit der Schließung der Schulen und dem Ausruf des Katastrophenfalls haben wir die zwei Lebensbereiche für unsere insgesamt 314 Bewohner aufgelöst", berichtet Schubert. Der tägliche Besuch in der Schule, der Förderstätte oder den Werkstätten St. Joseph fand bis auf weiteres nicht mehr statt. "Wir haben so verhindert, dass die Bewohner unterschiedlicher Gruppen zusammenkommen."

Disziplin und Hygiene

Weil die mit Corona infizierten Bewohner das Hauptgebäude bewohnten, war die Situation besonders brisant. Durch ein Konzept konnte die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden. "Am Anfang war die Angst groß, dass das Virus durch das ganze Haus geht. Durch viel Disziplin und Hygienemaßnahmen konnte das verhindert werden", sagt Schubert.

Die Betroffenen wurden nach dem System der Kohorten-Quarantäne begleitet. "In Absprache mit dem Gesundheitsamt konnten die Bewohner in ihren Gruppen zusammenbleiben - für sie ist eine vertraute, häusliche Struktur besonders wichtig", erklärt Schubert. Somit mussten auch die Bewohner, die sich nicht angesteckt haben, die Quarantäne durchlaufen.

Außer einem Bewohner, der kurzzeitig ins Krankenhaus musste, konnten alle Infizierten vor Ort gut betreut werden. "Der letzte Bewohner, der nun auch negativ getestet wurde, hatte keine Symptome. Bei den meisten verlief die Erkrankung grippeähnlich ab."