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Lichtenfels
Schnitzkunst

Baum der Lichtenfelser Wahrzeichen

Pastoralreferent Thomas Reich weiß auch mit Motorsäge und Bunsenbrenner gut umzugehen und schafft einen Hingucker.
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Thomas Reich in drei Metern Höhe beim "Ausschachten" eines Durchgangs Fotos: Markus Häggberg
Thomas Reich in drei Metern Höhe beim "Ausschachten" eines Durchgangs Fotos: Markus Häggberg
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Thomas Reich ist unter die Stadtplaner gegangen. Gewissermaßen. Zwar verläuft auch bei seinem Oberen Tor ein Durchgang, aber dafür steht es mehr so unterhalb der Stadt. Und neulich hat Reich dort auch mit Feuer hantiert. Geschichte einer Baumfällung, eines Auftrags und eines Ergebnisses.

Wenn die Ampel hier auf Rot steht, blicken die Autofahrer nach links. In der Viktor-von-Scheffel-Straße gibt es unweit zur Einmündung in die Bamberger Straße einen guten Grund dazu. Er liegt ungefähr auf 2,5 Metern Höhe und zeigt die Korbstadt, wie sie nie war, nie sein wird, aber sofort unverwechselbar erkennbar ist. Was nach einem Widerspruch klingt, wuchs unter dem bedrohlichen Rasseln und Knattern mehrerer Kettensägen, die Thomas Reich (55) führte.

Ein 65-Jähriger Neophyt

Der Mann ist Pastoralreferent und eigentlich in kirchlichem Dienst. Dann und wann aber greift er zur Säge und schafft in und um Lichtenfels Skulpturen. Nur: "Noch nie so gegenständlich wie jetzt", wie Reich einräumt. Dass das so kam, hat mit einem Baum zu tun, der im Garten des Ehepaars Weich problematisch wurde. 65 Jahre lang stand er dort, zumindest teilen das seine Jahresringe mit.

Markus Weich lebt in dem Anwesen, zu dem der Garten gehört. Schon im Sommer des vergangenen Jahres sorgte er sich bezüglich des Baumes. "Einer der tragenden Äste vom Götterbaum war marode und hing über einem Parkplatz", so der Geschäftsmann zu dem Bedrohungspotenzial, das von dem asiatischen Riesen ausging. Über 30 Meter hoch kann so ein Neophyt werden, der irgendwann Mitte des 18. Jahrhunderts in Europa Wurzeln schlug und Laub abwirft. Er gilt als schnellstwüchsiger Baum und wer das Internet bemüht, darf erfahren, dass der erste seiner Art in Deutschland im Garten der Arminius-Apotheke in Bad Lippspringe wuchs und gar 35 Meter hoch wurde. Er hatte fast doppelt so viele Jahresringe wie der bei Weichs.

Von Weich zu Reich. So könnte man zusammenfassen, was folgen sollte. Denn dass der Baum als Gefahrenherd beseitigt werden müsse, war klar. Im Wesentlichen wurde die Gefahr auch beseitigt. "Wir wollten den Baum eigentlich ganz ummachen, doch der, der das machen sollte, dessen Säge war zu kurz. Er hatte auch zu weit in den Baum eingeschnitten, um ihn stehen zu lassen." Was übrig blieb, war ein Stumpf, zu dem Weichs bald Fragen hatten. Ließe sich nicht noch etwas daraus machen? Und wenn ja, was?

"Wir haben im Internet gesucht und sind auf jemanden in Thüringen gestoßen, der Weltmeister im Sägen ist." Doch da man zu dieser Zeit mit der Lichtenfelser Baufirma Kugler in Kontakt stand, sei während eines Gesprächs der Name Reich gefallen. Das, woraus dieser Reich etwas machen könnte, sei doch dieser Stumpf und diesen könne man mehr in Straßennähe bringen, damit er mal gesehen wird. Aber dort, so ein Hinweis aus der Baufirma, müsse er verankert werden. So kam es zum Betonfundament und dazu, dass vier enorme Gewindeschrauben durch Stumpf und Fundament getrieben wurden.

Seit nun wenigen Wochen steht der viele Zentner schwere Stumpf nahe des Zauns. Der Verkehr floss an ihm vorbei, die Ampeln schalteten auf Grün und auf Rot und im Grunde fiel der Baum den Vorüberfahrenden nicht weiter auf. Doch dann kam der 8. Juni und mit ihm Thomas Reich. Eingerüstet. So steht er da. Es ist ein Montag und der Mann, der in drei Metern Höhe erste Brocken aus dem Stumpf sägt, ist gut katholisch. Thomas Reich hat Theologie studiert, ist Pastoralreferent, arbeitet im Seelsorgebereich "Lichtenfels-Obermain" und geht beruflich pfleglich und bedachtsam mit den Dingen um. Mit Menschen und Worten und Hoffnungen.

Doch wer ihm jetzt zusieht, der könnte sich - sobald wieder mal ein Klotz Holz durch seine Motorsäge aus drei Meter Höhe auf den Rasen fällt - fragen, was genau der Mann mit diesem oder jenem Schnitt bezwecken will. In Reichs Kopf besteht ein Plan, zumindest ein Ungefähr davon. Denn es gab eine Vorbesprechung mit Weichs und ihnen schwebte eine Art Zusammentreffen von Lichtenfelser Wahrzeichen vor. Auf dem Stumpf müssen die in allerengster Nachbarschaft zueinander entstehen. Reich muss pfleglich mit dem Platz umgehen, aber abseits seines Berufs als Pastoralreferent hat sich der Mann noch eine weitere Ausbildung angedeihen lassen. Er ist Baumpfleger, hatte schon in luftigen Höhen gearbeitet und weiß sich von dort abzuseilen. "Ich verbringe meinen Urlaub in den Bäumen - in Privatwäldern oder im Pfarrwald", lässt Reich dazu wissen.

Sorgsame Einrüstung

So hoch hinaus muss der Mann nicht, darum genügt die sorgsame Einrüstung anstelle von Abseilvorrichtungen. Aber etwas ist doch neu, denn Reich steht mit diesem Zwei-Tonnen-Koloss sein "größtes Projekt bisher" bevor. Er zeigt eine Skizze, die er angefertigt hat und die einen Vorgeschmack auf das Entstehende gibt. "Wenn man sich schon mit der Skizze schwertut, wird's mit der Motorsäge nicht leichter", bemerkt der 55-Jährige und lacht. Hier, an dieser Stelle, so deutet er auf die Skizze, sollte der Turm der Marktplatzkirche Platz finden. Und somit könnte wiederum in diesem Bereich wohl das Stadtschloss entstehen. Doch nach und nach zeigt sich, dass nicht alles eingehalten werden kann.

"Man muss im Baum immer mit Überraschungen rechnen", erklärt Reich zu einem Hohlraum, der sich nach einem Schnitt aufgetan hat und die Rückseite des Roten Turms wenig gerade erscheinen lässt.

Menschen kommen. Schon vom ersten Tag an. Sie stellen Fragen zu dem, was hier geschieht. "Schon als wir den Stumpf zu Boden gebracht haben, haben Leute zugeschaut. Und manche Leute haben zwei Stunden lang dagestanden und beim Betonieren (des Fundaments) zugeschaut." Immer wieder fand Reich zwischendurch Zeit, um an dem Baum zu arbeiten, insgesamt habe er wohl eine Woche Arbeit reingesteckt, so seine Schätzung.

Immer wieder auch hätten sich Menschen fragend an ihn gewandt, immerhin wurde das Lichtenfels auf dem Stumpf immer deutlicher. Doch manche Dinge sind von der Straße aus nicht zu erkennen. Auch nicht vom Bürgersteig aus. Da wäre der Floriansbrunnen mitsamt einem kleinen heiligen Florian. Oder die drei Nägel, die Reich dort ins Untere Tor schlagen wird, wo am Original die drei Kanonenkugeln eingemauert sind. Nach mehreren Tagen und wohl rund 40 Stunden des Skizzierens, Sägens, Schleifens oder Hantierens mit dem Bunsenbrenner zum Zwecke der Braunfärbung all der Dächer ragt fast jedes Wahrzeichen der Korbstadt aus dem Stumpf: Kastenboden, Stadtpfarrkirche, Unteres und Oberes Tor, Roter Turm und Floriansbrunnen.

Eine kleine Einweihungsfeier im kleinen Kreis soll folgen, sagt der Mann, der als Student schon kleinere Schnitzarbeiten verfertigte und mit großen vor fünf Jahren begann. Denn abseits dessen, so sagt Reich, wolle er noch persönlich von dem gefällten Baum mit nun neuem Aussehen Abschied nehmen. "Ich habe noch vor, mich selbst von meinem Baum zu verabschieden - noch a mol hinlangen und Tschüss sagen."