Der Weltuntergang liegt hinter der Korbstadt. Die Verursacher räumen ihn selbst wieder auf. Drei Tage Ragnarök sind vorüber - eine Festivalgeschichte in größeren und kleineren Superlativen und Einblicken nach jenseits der Bühne.

4000 - zirka so viele Besucher kamen auf ein Wochenende in die Korbstadt. Aus aller Welt, ist man beinahe versucht, zu sagen. Aus Schweden, aus Stockholm, heißt es in dem vor der Stadthalle aufgebauten Souvenir-Zelt, komme der am weitesten angereiste Besucher. Frederik, so heißt er. Falsch, denn es gibt noch einen Jakob aus Stockholm. Und der ist auch nicht der am weitesten angereiste Metal-Fan. Bei weitem nicht, wie aus der Zentrale des Festivals zu erfahren ist. Dort, im ersten Stock der Stadthalle, sitzt Veranstalter Ivo Raab. Vor allem aber sitzt dort seine Mutter Ingrid.
Die bevorzugt eigentlich Klaviersonaten von Beethoven und hält sich bei der Musik in der Stadthalle auch mal die Ohren zu.

Ein Ticket ging nach Brasilien

"Ich habe ein Ticket nach Brasilien geschickt", sagt die Dame. Somit steht fest, woher der am weitesten entfernt wohnende Besucher wirklich kam.
20 Händler sind vor Ort. Fahrende Händler. Ihre Artikel wirken nordisch und martialisch. Und CDs in den Geschmacksrichtungen Heavy Metal, Dark Metal oder Pagan gibt es natürlich auch. Holländer, so denkt man hier, seien die Händler mit dem weitesten Anreiseweg. Falsch, denn es sind Stig Alkvist und Hakan Larsen aus Stavanger/Oslo.
28 Bands traten an zwei Tagen auf. Deutsche, italienische, schwedische und selbst eine russische. Den weitesten Anreiseweg hatten ganz sicher Skalmöld aus Island und Arkona aus Russland.
Es regnet. Es hagelt sogar. Der Samstag verläuft nach üblichen Maßstäben unglücklich. Nicht für die Ragnarök-Fans, denn ein Weltuntergang (Ragnarök bedeutet genau dies) braucht keinen Sonnenschein. Manche tanzen ausgelassen im Regen, sie nehmen ihn mehr als nur hin.
Matthias Wimi aus Heilbronn konnte dem mit tausend anderen Fans etwas Positives abgewinnen. "Da schaute ich mir lieber mehr Bands in der Stadthalle an. War super so."
Den besten Regenschutz baute sich Hannes Schiefele aus Augsburg. Im vierten Versuch gelang ihm eine Art Plastiktüten-Burka. In seiner Fantasie vergleicht er sie mit dem Kostüm des berühmten Comic-Helden Iron Man.
60 Magazine und Webseiten hätten Vertreter geschickt. Allesamt Fachmagazine und Webseiten zur Heavy-Metal-Szene. Das bedeutendste deutsche Magazin sei auch vor Ort, so Veranstalter Ivo Raab. Es ist das Legacy Magazin.

Spießige Zukunftspläne

Den spießigsten Beruf herauszufinden, ist bei 4000 Besuchern schwer möglich. Aber unerwartete Begegnungen diesbezüglich findet man ständig. So wie die mit Julian, der Bobo genannt wird. Er ist 23 Jahre als, kommt aus Tübingen und beißt herzhaft in eine Rolle Schaumstoff. Wenn ihm danach ist, dann singt er Lieder aus der Sesamstraße. Bald wird er verbeamtet: als Lehrer für Latein und Altgriechisch. Ja, er will ein Eigenheim und ein gekacheltes Bad. Einen Bausparvertrag habe er schon.
Rafael wird Siggi genannt. Er kommt aus Wien und streift durch das große Zeltlager hinter der Stadthalle. Ein überlegter Mensch, der sich "für Alltagsgegenstände interessiert". Er studiert Europäische Ethnologie und findet, ein Festival wie Ragnarök ist eine gute Gelegenheit, sich "daneben zu benehmen". Ohne Gewalt natürlich. Er findet, dass Menschen nicht nur Alltagsgegenstände prägen, sondern im Gegenzug auch von den Gegenständen geprägt werden. Er möchte kein Haus ohne Seele besitzen, keinen Neubau somit. Er möchte wohnen, "wo Beziehungen aufgebaut und zerbrochen wurden".

Zwei Busse und drei Kleinbusse

8000 Kilometer hin und zurück und insgesamt. Zwei Busse und drei Kleinbusse fahren diese Strecke ab. Einer der Fahrer ist Thomas Schmidt aus Auerbach. Er hält Kontakt zu den Tour-Managern der Bands. Für das diesjährige Festival holte er die Bands und ihre Instrumente von den Flughäfen München und Frankfurt am Main ab. Gemeinsam mit zwei Kollegen bringt er sie auch wieder dorthin zurück. Es sind sogar Einzelfahrten vorgesehen.