"Ich glaube, wir haben die Sendung damals gar nicht gesehen, oder?" Joachim Drescher schaut fragend seine Frau an. Hildegund Drescher überlegt kurz - "Nein", antwortete sie, "ich glaube nicht." Das Ehepaar sitzt in seinem gemütlichen Esszimmer und stöbert in alten Fotoalben und Zeitungsberichten. Die dokumentieren eine Zeitspanne von rund 35 Jahren. Damals, 1985, haben sich beide das erste Mal ehrenamtlich engagiert für die erst wenige Jahre alte Stiftung Menschen für Menschen.

Tochter Evi, die zu der Zeit die Realschule in Staffelstein besuchte, suchte noch ein paar Helfer, die mit ihrem Lehrer Drossel am Staffelsteiner Altstadtfest an dem Aktionsstand Karten verkauften. Verkauf von Postkarten mit einheimischen Motiven, Aufblasen von bunten Luftballons für einen Wettbewerb, Verkauf von Getränken und Bratwürsten - so fing es an.

Mit 7,5 Tonner von Ort zu Ort

Zehn Jahre später, 1995: Das Ehepaar Drescher leitet den Arbeitskreis Bad Staffelstein und ist unter anderem im Besitz von vier großen Holzbuden. Eine ehemalige Ebensfelder Schreinerei (Schreinerei Haimerl)  hatte sie angefertigt. Joachim Drescher selbst fährt sie mit einem 7,5 Tonner von Ort zu Ort.

In Lichtenfels zum Korbmarkt, in Schwabthal, Rattelsdorf und Seßlach zu Festen und Ausstellungen und in Bad Staffelstein zu den verschiedensten Anlässen baute die Familie Drescher ihre Menschen-für-Menschen-Buden auf. Joachim Drescher erinnert sich auch noch gut an den Staffelsteiner Krammarkt: "Es war wie immer kurz vor Heiligabend, ziemlich kalt und wir verkauften Glühwein, Plätzchen und jede Menge Gestricktes. Den Krammarkt gibt es längst nicht mehr." Wohl aber die Hilfsbereitschaft von Bekannten und der Familie, die immer wieder mit anpacken, wenn Familie Drescher sich meldet. "Die Leute helfen gerne mit, aber es muss halt immer jemand da sein, der das organisiert", so der Rentner. "Wenn wir jetzt Namen von den Bekannten nennen, wissen wir nicht, ob es ihnen recht ist, und ob wir nicht jemanden vergessen. Das wollen wir dann lieber nicht", sind sich beide einig.

Karlheinz Böhm getroffen

Mitte der 1990er Jahre trafen sie Karlheinz Böhm das erste Mal persönlich. Karlheinz Böhm hatte mit der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth gewettet, dass sie es nicht schaffen würde, beim Marathonlauf für jeden gelaufenen Meter eine Mark Spendengeld für seine Äthiopienhilfe zu sammeln. Familie Drescher reiste nach Frankfurt und half bei der Aktion mit. Das Rennen war nicht nur wegen der über 8000 Läufer ein Erfolg. Die Wette wurde von OB Roth gewonnen, die Spendengelder kamen zusammen. Ein weiteres Mal trafen die beiden auf Böhm, als er Kloster Banz besuchte. Das gemeinsame Essen und Plaudern in der Klosterschänke wurde zum unvergesslichen Andenken an den großartigen Schauspieler und engagierten Initiator der Stiftung.

Jahre später: Die Dreschers sind immer noch unterwegs, aber nicht mehr mit dem Lkw, nicht mehr mit eigenen zusammenlegten Holzbuden, die man erst aufbauen muss. Die Stände werden nun kostenfrei von den Gemeinden gestellt, Stadt- oder Marktgemeindemitarbeiter bauen sie auf. Besucht werden Hobby- und Trödelmärkte in den Landkreisen Lichtenfels, Bamberg, Bayreuth und Nürnberg. Noch immer gibt es Postkarten und Selbstgestricktes, dazu Papierengel und Schlüsselanhänger. "Wer möchte, bekommt eine Spendenquittung mit dazu, wir verkaufen ja eigentlich nichts, wir geben gegen eine Spende ab", erklärt Hildegund. Aufhören wollte das Ehepaar schon lange, schließlich sind sie mit 78 und 75 Jahren nicht mehr die Jüngsten. "Wir haben schon zehnmal aufgehört und zehnmal wieder angefangen", grinst die Frau. Richtig gefreut haben sich beide, als im Sommer von der Münchner Zentrale von Menschen für Menschen  eine Urkunde kam. 35 Jahre Mithilfe, davon 25 Jahre als Leiter des Arbeitskreises Bad Staffelstein war der Zentrale eine besondere Ehrung wert.

"Heuer war leider nix, heuer war Corona", bedauert Hildegund Drescher den Ausfall aller Veranstaltungen. Rund 400 Paar selbst gestrickte Socken liegen bei ihr bereit.

Wer Interesse an warmen Füßen hat oder noch ein kleines Weihnachtspräsent sucht, kann gerne bei der Familie Drescher, Bad Staffelstein, Eichelsee 2 vorbeischauen.

Gründung Menschen für Menschen wurde von Karlheinz Böhm ins Leben gerufen. Der Schauspieler wurde in den 1950er  Jahren vor allem durch seine Rolle als Kaiser Franz Joseph in der Filmtrilogie "Sissi" berühmt. Erschüttert von Berichten über die Hungerkatastrophe in der Sahel-Zone, nutzte Karlheinz Böhm 1981 seine Bekanntheit, um zu helfen: Seine legendäre Wette in der ZDF-Sendung "Wetten, dass ...?" brachte 1,2 Millionen DM ein. Er wettete, "dass nicht einmal jeder dritte Zuschauer eine Mark, einen Schweizer Franken oder sieben Österreichische Schilling für Menschen in der Sahelzone spenden würde. Am 13. November 1981 gründete er die Organisation Menschen für Menschen.

Hilfe zur Selbsthilfe 39 Jahre später profitieren über sechs Millionen Menschen von langfristig angelegten Projekten, die zum Ziel haben, die Bauern zu befähigen, selbst ihre Entwicklung voranzutreiben.

Vermächtnis In  zehn Projektregionen, auf einer Fläche von rund 59 000 Quadratkilometern, arbeitet Menschen für Menschen aktuell gemeinsam mit der Bevölkerung an einer Verbesserung ihrer Lebensumstände. Karlheinz Böhm leitete die Organisation bis 2011. Am 29. Mai 2014 verstarb er im Alter von 86 Jahren.