60 Kinder in einem Klassenzimmer, vom ABC-Schützen bis zur 8. Klasse. Ein Lehrer, der sie alle parallel unterrichtet, in allen Fächern. Geht nicht? Doch, das geht, und war bis Ende der 60er Jahre auch im Kulmbacher Land noch gang und gäbe.

Wie das in der Praxis ausgesehen hat, kann man sich im Dorfschulmuseum Ködnitz anschauen. Im ehemaligen Schulhaus dokumentiert der Verein "Dorfschulmuseum Ködnitz" das einstige Schulleben einklassiger Landschulen in Oberfranken zwischen etwa 1920 und 1969.

Mehrere Aufgaben parallel

Vorsitzender des Vereins ist der pensionierte Lehrer Günter Wild, der selbst in seinen ersten Berufsjahren als Landschullehrer gearbeitet hat. 1966 war er nach dem Studium an der pädagogischen Hochschule Bayreuth als junger Lehrer an der Landschule in Berndorf eingesetzt. "Damals gab es in der Lehrerausbildung ein eigenes Fach Didaktik des Landschulunterrichts, denn der Unterricht musste ganz anders gestaltet werden als die Stunden in den städtischen Schulen, in denen man immer nur einen Jahrgang vor sich hatte."

Wie der Unterricht in der Praxis funktionierte, zeigt der 79-Jährige im Ködnitzer Klassenzimmer. Man fühlt sich, als hätte man eine Zeitreise angetreten: Schulbänke in unterschiedlichen Größen, vorne die niedrigen mit passenden Stühlen für die Kleinen, nach hinten höhere Tische und Stühle für die Großen. Wild zeigt ein Unterrichtsbeispiel aus dem Jahr 1932, das er in Schönschrift auf die Wandtafel geschrieben hat. Die Schüler der 6. und 7. Klasse bekommen eine anspruchsvolle Rechenaufgabe vorgegeben und lösen sie still für sich. Danach stellt der Lehrer eine zweite Aufgabe für die 3. bis 5. Klasse, deren Schüler das Zusammenzählen üben sollen. Während die die beiden Gruppen beschäftigt sind, widmet sich der Lehrer den Erst- und Zweitklässlern und übt mit ihnen das Kopfrechnen.

Unterricht in dieser Form klappt nur mit Disziplin im Klassenzimmer. "Das war im Grunde nie ein Problem", erinnert sich Wild, was vor allem dem Zeitgeist zu verdanken gewesen sei: "Heute wird alles diskutiert und in Frage gestellt, von Eltern und Schülern. Das gab es früher einfach nicht."

Der Lehrplan damals habe sich deutlich von dem der heutigen Zeit unterschieden. "Er steckte voll traditioneller abendländisch-christlicher Werte. Diese zu vermitteln, war unser Bildungsauftrag. Die Welt war bei weitem nicht so komplex wie heute, die Einflüsse auf die jungen Menschen nicht so vielschichtig."

Begabte Kinder fördern

Die Wissensvermittlung war stufenförmig aufgebaut, so der Pädagoge. "Die Kinder lernten zuerst alles über ihr persönliches Umfeld, lernten ihre Heimat kennen, auch die dort heimischen Pflanzen und Tiere, die Gewässer, die geologischen Strukturen. Jedes Jahr wurden die Kreise dann größer gezogen - das Wissen auf die Region, auf Deutschland, auf die Welt. "Das war ein sinnvolle, aufeinander aufbauende Struktur."

Dass ein Kind aufs Gymnasium geschickt wurde, war die Ausnahme. "Als Landschullehrer hatte man deshalb auch die Aufgabe, die besonders begabten Kinder zusätzlich besonders zu fördern."

Nebenbei seien viele nützliche Sachen gelehrt worden: So häkelten oder nähten die Kinder ihre Tafellappen selbst und lernten so nicht nur, wie man das überhaupt macht, sondern auch, dass man nicht alles kaufen muss, sondern vieles selbst herstellen kann.

Im Zuge der großen Schulreform seien die Landschulen 1969 aufgelöst worden. Doch im 1993 eröffneten Ködnitzer Museum konnte ein Stück dieser Schulgeschichte bewahrt werden. Günter Wild und seine Frau Luise bieten Führungen für Schulklassen und "Probe-Unterricht" an. Gerade für die Vorschulkinder ist Letzteres vor der Einschulung ein schönes Erlebnis. Wegen Corona war dies heuer kaum möglich, doch Wild hofft, dass nächstes Jahr wieder Reisen in die Vergangenheit möglich sind.

Auf zwei Stockwerken werden Lehr- und Lernmittel, Geräte, Bücher, Sammlungen und Präparate präsentiert, wie sie in den oberfränkischen Dorfschulen einst üblich waren. Es gibt einen großen Rechenschieber, und sogar ein Klavier. Der Dorfschullehrer musste eben alles können.

Eine Besonderheit hängt an einer Wand des Ködnitzer Klassenzimmers: Die "Kulmbacher Einmaleinstafel", entwickelt von Max Hundt, dem 1965 verstorbenen Kulmbacher Kulturreferenten und Oberstadtschulrat, anhand derer auch mit Brüchen gerechnet werden kann.

"Eine befriedigende Aufgabe"

Rückblickend erinnert sich Günter Wild gerne an seine Zeit als Dorfschullehrer: "Es war eine schöne und sehr befriedigende Aufgabe. Man hat etwas fertig gebracht, indem man die Schüler über ihre ganze Entwicklung begleiten durfte."

Das Dorfschulmuseum Ködnitz

Gebäude Das Schulhaus wurde 1860/61 erbaut. 1969 wurde die Landschule geschlossen. 1975 bis 1981 brachte man wegen der hohen Schülerzahlen vorübergehend Klassen aus der Blaicher Schule dort unter.

Museum 1989 wurde der "Verein Dorfschulmuseum Ködnitz e.V." gegründet, 1992 begann die Renovierung, 1993 wurde das Museum eröffnet. Die Inneneinrichtung wurde durch Leihgaben, Dauergaben und Schenkungen ermöglicht.

Öffnungszeiten Winterpause vom 1. November bis 31. März.

April bis Oktober geöffnet an Sonntagen und Feiertagen von 14 bis 16 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter der Nummer 09221/1529.

Mehr Informationen zum Dorfschulmuseum gib t es auf der Webseite des Museumsvereins.