Vielen Kulmbachern tut der Anblick weh, wenn sie an der verwaisten Metzgerei Lauterbach vorbeigehen. Teile der Einrichtung lagerten vor dem Eingang, das Metallgitter ist zugezogen. Was kommt, steht noch in den Sternen. Immerhin hat das Ensemble, wie gemeldet, einen neuen Eigentümer: Börsenunternehmer Bernd Förtsch. Doch was genau geschieht nun im Geburtshaus von Rolex-Gründer Hans Wilsdorf? Förtsch' Unternehmenssprecher Sebastian Grebe sagt, man sei "für Vorschläge völlig offen" und plane eine Nutzung, "die der Innenstadt nutzt und sie belebt". Es gebe keine Denkverbote, so Grebe. Mittlerweile sind - von verschiedenen Seiten - diverse Vorschläge an die Börsenmedien AG herangetragen worden. "Das sind Vorschläge, die zu prüfen sind."

Eine, die konkrete Vorhaben benennt, ist Marion Resch-Heckel. Die Diplom-Architektin und ehemalige Vizepräsidentin der bayerischen Architektenkammer hat sich viele Gedanken um die Neubelebung des Stadtbild-prägenden Ensembles gemacht. "Im Erdgeschoss könnte ich mir gut eine kleine Markthalle vorstellen: als Möglichkeit für Direktvermarkter, ihre Produkte dort anzubieten. In Verbindung mit einem Angebot an gesunden Snacks wäre das eine schöne Ergänzung zum vorhandenen Angebot und dem Wochenmarkt." Denkbar sei auch eine Vinothek, also ein Fachhandel für Wein. "Das ist bei uns eine Marktlücke, aber die wäre vielleicht besser an anderer Stelle am Markt unterzubringen."

Wohngemeinschaften für Studierende

In den Obergeschossen würde sich Wohnen für junge Kulmbacher und Studierende anbieten, bekundet die Architektin. "Insbesondere für junge Paare und Studierende mit Kind wäre ein Wohnangebot in zentraler Lage ein Gewinn." Denkbar wäre auch, gezielt ein Angebot für Studierenden-Wohngemeinschaften auszubauen. "Die jungen Menschen würden die Innenstadt beleben. Viele kommen ohne Auto aus, wenn alles auf kurzen Wegen erreichbar ist."

Radio Plassenburg hatte dezidiert seine Hörer befragt, welche künftige Nutzung sich die Bürger vorstellen können. Die meisten befürworten demnach, dass sich dort wieder eine Metzgerei ansiedeln soll, da es in Sachen Lebensmittel-Nahversorgung in der Innenstadt nicht zum besten bestellt sei. Einige machten sich für ein Café stark, andere für eine Begegnungsstätte am Marktplatz mit der Möglichkeit, etwas zu essen und sich in schöner Atmosphäre aufzuhalten.

Für die Stadtspitze sei es ein Gewinn, dass ein langer Leerstand wohl vermieden werden kann. Pressesprecher Jonas Gleich formuliert es so: "Mit Bernd Förtsch gehört das Gebäude einem Investor, dem Kulmbach und seine positive Entwicklung sehr am Herzen liegt. Wir begrüßen es, dass der Standort wieder, der zentralen Lage am Marktplatz entsprechend, gewinnbringend für die Innenstadt genutzt werden soll."

Einer neuen Nutzung stehe die Stadt zunächst völlig offen gegenüber. OB Ingo Lehmann und Kümmerer Thomas Tischer von der Wirtschaftsförderung stünden für Gespräche bereit. "Eine Metzgerei oder ähnliches wäre auf alle Fälle wertvoll, aber auch jedes andere Geschäft mit großer Zielgruppe ist von Bedeutung", sagt Gleich.

Börsenmedien-AG-Chef Bernd Förtsch hatte in jüngerer Vergangenheit bereits einige heimische Betriebe erworben, darunter die Trebgaster Brauerei Haberstumpf sowie die berühmte Hummel-Manufaktur in Rödental bei Coburg.

Stadtplaner Manfred Miosga: "Ungewöhnliche Impulse können beleben"

Jede Schließung eines traditionsreichen Geschäfts wie der Metzgerei Lauterbach hat unmittelbare Auswirkungen nicht nur für die Betreiber, sondern auch die Stadt. Mit solchen und anderen Herausforderungen beschäftigt sich Manfred Miosga, der die Professur für Stadt- und Regionalentwicklung an der Uni Bayreuth innehat. Ihn haben wir gefragt, was aus Sicht des Planungsexperten tragfähige Nachfolgelösungen sein könnten.

Herr Miosga, wenn in einer Kleinstadt wie Kulmbach ein Traditionsgeschäft, noch dazu im Lebensmittelsektor und damit der Grundversorgung, schließt, reißt das für viele ein Loch - in die alltägliche Versorgung, in gewohnte Abläufe etc. Aus Ihrer Erfahrung: Ist so eine Schließung im Handel der "worst case"?

Manfred Miosga: So eine Schließung ist zunächst einmal Teil eines Strukturwandels im Einzelhandel und im Lebensmittelhandwerk, den wir seit vielen Jahren beobachten können: Eigentümer-geführte Läden finden keine Nachfolge oder haben Probleme, im Preiswettbewerb mit den großen Ketten mitzuhalten. Die Löcher, die damit gerissen werden, betreffen ja am wenigsten die Versorgung, denn es gibt ja noch Alternativen, die allerdings meist mit längeren Wegen verbunden sind. Was aber oftmals völlig wegfällt, sind die sozialen Kontaktmöglichkeiten, die solche Traditionsgeschäfte haben: Man kennt sich, man trifft sich dort, man tauscht sich aus und wenn es nur kurz ist. Dadurch weiß man, was in der Nachbarschaft passiert und ist eingebunden in eine Gemeinschaft.

Ein lokal verwurzelter Unternehmer hat das Gebäude erworben und fragt nun indirekt die Bevölkerung, was sie sich als neue Nutzung wünscht. Das klingt ungewöhnlich, aber ist es das auch?

Ja und nein. Zum einen sind Verfahren der Bürgerbeteiligung bei größeren und für die Kommune bedeutenden Vorhaben längst Standard und gehören zur guten Praxis der Stadtentwicklung. Allerdings geht dann die Initiative in der Regel von der Kommune und der Stadtplanung aus. Wenn nun ein privater Investor eine offene Ideensammlung und ein Beteiligungsverfahren anstößt, ist das sehr zu begrüßen und zeigt eine Sensibilität gegenüber der Stadt und den Menschen, die dort leben.

Was wäre denn wünschenswert aus Sicht eines Stadtentwicklers?

Offenheit und Mut zu unkonventionellen Lösungen! Eine ausschließlich an Rendite orientierte, investorengetriebene Planung führt meist zur Reproduktion dessen, was auch woanders profitabel ist. Das ist dann häufig austauschbar und führt zur Uniformität und Banalität. Ungewöhnliche städtebauliche Impulse und unkonventionelle Nutzungen beleben eine Stadt und machen sie unverwechselbar. Es wäre natürlich toll, wenn der Investor hier Spielräume hätte und sich auf einen Prozess einlassen könnte, der ein offenes Ende hat. Zudem muss auch die Stadt überlegen, was eine sinnvolle Nutzung sein könnte. Schließlich handelt es sich um ein historisches und prägendes Gebäude und eine neue Nutzung sollte respektvoll mit der Geschichte umgehen.

Kulmbach hat nicht einmal mehr 30000 Einwohner, die Bevölkerung wird älter, es sollen aber auch bald Hunderte Studenten für die neue Ernährungsfakultät der Uni Bayreuth kommen. Was muss eine Stadtspitze/Verwaltung aus Ihrer Sicht tun, um allen gerecht zu werden? Was muss eine Kleinstadt bieten ? Und was sind die Todsünden anderer Kommunen, die Sie aufführen könnten und die es nicht zu wiederholen gilt?

Zu den Todsünden gehört es sicherlich, den Strukturwandel sich selbst zu überlassen und nur auf die Handelsfunktion von Innenstädten zu setzen. Das führt zu den banalen und uniformen Kernstädten mit den überall gleichen Filialisten und den Abwertungsprozessen an den Rändern. Die zunehmende Präsenz von Studierenden kann jedoch ein Jungbrunnen für die Stadt bedeuten. Dafür müssen aber Räume angeboten werden, damit sich studentisches Leben entfalten und eine fruchtbare Begegnung mit der alteingesessenen Stadtbevölkerung funktionieren kann. Das muss nicht immer reibungslos abgehen. Im Gegenteil, ein bisschen Reibung kann auch produktive Energie für Neues erzeugen.

Junge Menschen brauchen aber Räume zum Experimentieren. Diese müssen materiell im Sinne von Gebäuden und immateriell im Sinne einer Offenheit geschaffen werden. Das ist eine Herausforderung, aber auch Chance für die Stadt, neue Impulse zu bekommen. Perspektivisch wird es wichtig sein, den jungen Menschen für die Zeit nach dem Studium Möglichkeiten zu bieten. Daher sollten studentische Initiativen und Gründungen unterstützt werden. Gerade im Ernährungsbereich gibt es gute Anknüpfungspunkte in der Region, den Wandel zu einem nachhaltigen Ernährungssystem zu gestalten.