Kulmbach
Interview

Wenn Covid-19 nicht enden will

Eine 51-jährige Kulmbacherin kämpft auch 18 Monate nach ihrer Covid-19-Infektion noch immer mit den schweren Folgen des Virus.
Wer Wochen nach einer  Corona-Infektion noch über starke Symptome oder körperliche Einschränkungen klagt, gilt als Post-/Long-Covid-Patient.
Wer Wochen nach einer Corona-Infektion noch über starke Symptome oder körperliche Einschränkungen klagt, gilt als Post-/Long-Covid-Patient. Foto: Christin Klose/dpa (Symbolfoto)

Als ihre Tochter und ihr Mann im September 2020 sich mit Covid-19 infizieren, aber nach einigen Tagen wieder gesund sind, denkt sich Vera Bartels* (Name geändert): Puh, nochmals gut gegangen. Dann aber erwischt sie selber der Virus mit voller Wucht. Aus dem schweren Verlauf ihrer Erkrankung nimmt sie eine bleibende Erinnerung mit: Long Covid. Die 51-Jährige droht zu verzweifeln, es folgt ein psychisches Auf und Ab. Sie kämpft sich dank medizinischer Hilfe und unbändigem Willen zurück - und ist dennoch oft am Rande der Belastbarkeit. Wie es sich damit lebt, hat sie uns erzählt.

Frau Bartels, Long Covid wabert als dumpfer Begriff durch die Medien. Was es aber genau bedeutet, können nur Betroffene wie Sie schildern. Sie zählen zu einer Menge X, die niemand ganz genau beziffern kann. Was ist Ihnen widerfahren?

Kurz nach den ersten Erkältungssymptomen brach sozusagen die Hölle los. Ich befand mich zehn Tage in einem Stadium mit hohem Fieber, es fühlte sich an wie Koma. Ich war unfähig, mich zu bewegen, meine Muskeln taten höllisch weh, meine Haut warf vor allem an den Beinen regelrechte Blasen, Geruch und Geschmack waren weg. Gottlob konnte ich, auch dank des Einsatzes meiner Hausärztin, diese Zeit daheim überstehen und musste, weil wenigstens meine Sauerstoffsättigung passte, nicht wie andere Betroffene in die Klinik. In der akuten Phase wurde ich mit Cortison und Thrombosespritzen behandelt, denn ich konnte tagelang nicht aufstehen. Ich konnte gar nichts mehr, nicht mal mehr klar denken. Ich gebe zu: Ich hatte echte Todesangst und mir war wichtig, dass ich daheim bin, wenn ich sterben sollte.

Irgendwann lassen für gewöhnlich die akuten Schmerzen und Symptome nach und der Körper regeneriert sich. Wann haben Sie bemerkt, dass das bei Ihnen nicht der Fall ist?

Das war mir relativ schnell klar, dass es so leicht nicht wird. Ich sage immer: So muss sich ein Schlaganfall-Patient fühlen. Ich konnte nicht mehr laufen, es ging einfach nicht. Der Körper versagte den Dienst. Ich vermute, dass es nicht nur an der Kraft lag, sondern ich spürbare neurologische Ausfälle hatte. Mit Konzentrationsschwierigkeiten habe ich bis heute zu tun, aber vor allem ist es diese Erschöpfung, diese chronische Müdigkeit, die mich stark einschränkt. Dieses Fatigue-Syndrom kennt man ja als Folge von anderen Infektionen, bei Covid-19 ist das ein oft genanntes Symptom. Dazu kommen die Muskelschmerzen, die in unterschiedliche starker Ausprägung immer wiederkehren. Dazu kommt wie aus dem Nichts ein Tinnitus. Corona ist wie ein Feuerwerk - es kann jeden Tag irgendwo anders im Körper gezündet werden. Und man selber weiß nie wo.

Wie sieht Ihre Behandlung aus?

Zum Glück habe ich hier in Kulmbach sehr gute Fachkräfte an meiner Seite. Ich bekomme unter anderem Ergo- und Osteopathie mit Hirnleistungstraining bei "Die Therapeuten", dazu gehe ich regelmäßig ins Curtanum zum Reha-Sport und zur Physiotherapie, weil mich die Muskelschmerzen sehr beinträchtigen. Inwiefern in Zukunft Medikamente für dieses Krankheitsbild entwickelt werden, muss sich erst noch zeigen. Derzeit kann mir kein Arzt was verabreichen.

Welche Angebote gibt es noch für Betroffene?

Da habe ich leider auch ein paar unschöne Erfahrungen gemacht. Nachdem ich in der Presse Anzeigen unter anderem der Tagesklinik "Post Covid" in Nürnberg und der Sozialstiftung Bamberg gesehen habe, habe ich mich dort gemeldet. Das Angebot klang gut: Es ging um Neurologie, Kardiologie, Psychosomatik, also ein breitgefächerter Ansatz Meine Bewerbung auf einen Platz war ein Reinfall. Ich habe das Gefühl, es stecken gut gemeinte Absichten dahinter und es wird auch viel Geld investiert - aber sobald man dort anruft, wartet man ewig auf einen Termin, die wenigen Plätze seien überbucht, heißt es. In Bamberg sagte man mir sogar, man wisse von dem in der Presse beworbenem Angebot gar nichts. Was soll man da noch sagen?

Wo hatten Sie Erfolg?

Das war ganz klar mein Aufenthalt in Heiligendamm an der Ostsee im November 2021. Die dortige Reha-Klinik hatte sich als einer der ersten in Deutschland auf Post-Covid-Patienten spezialisiert. Als ich da eintraf, drehte gerade Eckhart von Hirschhausen seine Dokumentation "Corona ohne Ende" für die ARD. Ich dachte zunächst, er ist dort selber Patient... Der Aufenthalt war schon deswegen wichtig für mich, weil ich unter Gleichgesinnten war. Diese Gespräche mit anderen Betroffenen haben mir viel gegeben. Dass wir nicht als Geheilte die Einrichtung verlassen, war uns von Anfang an so gesagt worden. "Genesen" klingt gut, aber für viele gilt das eben nicht. Leider waren von der Rentenversicherung nur drei Wochen bewilligt worden, aber ich konnte einiges mitnehmen und habe mich dann immer weiter in das Thema eingearbeitet.

Das Regularium sahen ja vor, dass in vielen Bereichen 2G gilt: also genesen oder geimpft. Wie lautete denn Ihr Status?

Das war vielleicht die komplizierteste Geschichte. Ich fiel da quasi durchs Raster. Mein Genesenen-Status galt nicht mehr. Aber zugleich hatte ich nachweislich eine derart hohe Zahl an Antikörpern im Blut, dass meine Ärztin mich nicht impfte. Es war auch nicht absehbar, wie die Impfung und meine Post-Covid-Symptome reagieren. Das Problem: Das Attest, das mir dafür ausgestellt wurde, ist mir hier in Bayern von den Behörden nicht anerkannt worden. Während ich in Heiligendamm in Restaurants und Museen gehen konnte, durfte ich hier in meiner Heimat fast gar nichts mehr.

Sind Sie mittlerweile geimpft?

Das bin ich. Vor allem, um nicht weiter aus dem familiären und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu sein. Ohne meine Familie hätte ich das bis heute sowieso nicht so geschafft. Und nicht zuletzt wegen meiner Pflegetätigkeit, sonst hätte ich womöglich nicht mehr arbeiten können. Die Impfung hat mich die Infektion aber wie im Zeitraffer nochmals durchleben lassen. Das war kein Spaß.

Apropos Arbeit: Sie sind berufstätig in einer Pflegeeinrichtung. Konnten oder können Sie zum Dienst erscheinen?

Ich bin nach meinem Aufenthalt in Heiligendamm zunächst tatsächlich wieder zur Arbeit gegangen, weil ich als arbeitsfähig galt - wobei ich sagen muss: Auf der Reha habe ich unter den anderen Patienten keinen einzigen getroffen, der wieder arbeiten gegangen ist. In meiner Einrichtung in Kulmbach bin ich halbtags angestellt. Ich bin also bis mittags zum Dienst - und danach musste ich mich mehrere Stunden hinlegen und schlafen, obwohl ich sonst eher ein Nachtmensch bin. Ich war wie erschlagen. Meine Beschäftigung empfand ich trotz all dieser Beschwernisse auch ein Stück weit als Therapie: Es war wieder etwas rauskommen aus dem Teufelskreis Corona, sowas wie Normalität. Aber irgendwann ging das nicht mehr, ich bin regelrecht zusammengebrochen. Seit diesem Zeitpunkt bin ich krankgeschrieben. Es ist eine Wellenbewegung: An einem Tag könnte man gefühlt Bäume ausreißen - und am nächsten Tag schaffe ich keine drei Stufen. Ob das jemals aufhört, kann mir heute keiner sagen.

Long/Post Covid: Wie viele es trifft und was die Anzeichen sein können

Das Robert-Koch-Institut (RKI) führt in seinem täglichen Corona-Lagebericht neben der Zahl der Infizierten auch jene der Genesenen auf. Mitte Februar galten neun Millionen Menschen in Deutschland als von Covid-19 genesen. Was aber bedeutet das?

Der viel beachteten Mainzer Gutenberg-Studie zufolge berichteten sechs Monate nach der Infektion etwa 40 Prozent der Genesenen von ungewöhnlichen Symptomen oder Beschwerden. Befragt wurden Personen, die zwischen Oktober 2020 und Juni 2021 positiv auf das Virus getestet wurden. Sie gaben als häufige Auffälligkeiten Geruchs- und Geschmacksstörungen, Müdigkeit, Gedächtnis- und Schlafstörungen sowie Kurzatmigkeit an. Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt noch eine Reihe weiterer Beschwerden auf: Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Muskelschmerz, Druckgefühl auf der Brust, Depressionen und Angstzustände.

Daten aus den USA und Australien belegen, dass es ein Jahr nach einer Infektion häufiger zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommt, vor allem zu Herzmuskelentzündungen. Ein Forschungsprojekt der Uniklinik Ulm zeigt, dass 20 Prozent der Patienten der dortigen Long-Covid-Sprechstunde unter Organschäden litten, die zu diversen Symptomen führten.

Halten diese länger als vier Wochen nach der (eigentlich überstandenen) Infektion an, spricht man von Long oder Post Covid. Allerdings liegen repräsentative Daten zum Anteil der Erkrankten mit Langzeitfolgen an der Gesamtzahl der Infizierten laut Gesundheitsministerium noch nicht vor. Unklar ist bisher auch, ob bestimmte Virusvarianten Long Covid begünstigen. Jüngste Studien haben ergeben, dass es offenbar einen Unterschied macht, ob man geimpft war und sich dann angesteckt hat oder ob man als Ungeimpfter Covid-positiv war.

Untersucht wurde weltweit, ob es Menschen gibt, die eine größere Wahrscheinlichkeit für Long Covid haben als andere. Potenziell scheinen Frauen etwas häufiger betroffen zu sein als Männer. Signifikant ist: Wer schwer an Covid-19 erkrankt war, hat auch ein höheres Risiko für Long Covid. Das Alter spielt eine Rolle, ebenso die Immunantwort des Körpers: Wer wenig Antikörper gebildet hat, leidet später häufiger an Long Covid. Und: Asthma-Patienten sind gefährdeter als andere.