Ein Radwege-Konzept für Kulmbach? Da war doch mal was?

Richtig: Fast ein Jahr ist es her, dass die Stadt Kulmbach zur Bürgerwerkstatt in die Dr.-Stammberger-Halle geladen hatte. Gut 70 Menschen, die meisten von ihnen regelmäßige Radler, diskutierten damals darüber, welche Hürden es für Radfahrer im Stadtgebiet gibt und welche Verbesserungen sie sich wünschen. Man wolle, so hieß es damals, das Thema Radfahren grundlegend angehen. Die Bürger wolle man dabei von Anfang an einbeziehen.

Phase der Zielfindung

Passiert ist seither: Nichts. Jedenfalls nichts, was einen merkbaren Niederschlag in der Öffentlichkeit gefunden hätte. Zwar hat die Stadt Kulmbach Ende Januar dieses Jahres den Auftrag für ein umfassendes Radwege-Konzept an das Büro R + T Verkehrsplanung in Darmstadt vergeben. Ergebnisse gibt es von dort aber bislang noch nicht.

Man befinde sich "in der Phase der Zielfindung und Bestandsanalyse", heißt es dazu aus der Pressestelle im Rathaus. Corona-bedingt komme es dabei zu Verzögerungen.

Ein Ende der langen Geschichte "Radfahren in Kulmbach" (siehe auch Beitrag unten) ist also nicht in Sicht. Noch immer bewegen sich Fahrradfahrer in Kulmbach auf einem Radwege-Netz, das diesen Namen nicht wirklich verdient: Wege, die im Nichts enden. Wege, die so schmal sind, dass ein Rad mit Anhänger dort keinen Platz hat. Kreuzungen, auf denen der Radler einem vierspurigen Autoverkehr ausgeliefert ist, eine Beschilderung, die stellenweise eher verwirrt denn informiert.

Dieses "Konzept", das eigentlich ein Stückwerk ist, stammt aus einer Zeit vor der Jahrtausendwende, als das Fahrrad eher eine Randerscheinung im Straßenverkehr war.

Das hat sich seither geändert. Immer mehr Menschen nutzen das Rad als alltägliche, klimafreundliche Alternative zum Auto. Der E-Bike-Boom hat den Radverkehr insgesamt schneller gemacht. Und mit Aktionen wie dem "Stadtradeln" (Start am 5. Juli) wird versucht, noch mehr Menschen das Radfahren schmackhaft zu machen.

Liste der Unzulänglichkeiten

"Aber die Rahmenbedingungen für die Nutzung des Fahrrads im Alltagsverkehr schauen weiterhin trostlos aus", sagt Volker Wack, ehemals Stadtrat der Grünen/Offenen Liste, der schon vor Jahren Verbesserungen forderte - und bei seinen Vorstößen mit hämischen Reaktionen mancher Stadtratskollegen rechnen musste. Schlecht angepasste Ampelschaltungen, grober Schotter auf den Wegen, kombinierte Geh- und Radwege, die nicht im mindesten den gesetzlichen Anforderungen entsprechen: Wenn Wack seinen Weg von seinem Wohnort Niederndobrach in die Kulmbacher Innenstadt beschreibt, ist das eine Liste der Unzulänglichkeiten.

Die ließe sich schier endlos fortsetzen. Schon im Jahr 2011 hatte die Bayerische Rundschau in einer Gemeinschaftsaktion mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) eine Bestandsaufnahme vorgenommen. Vieles wurde seinerzeit als problematisch erachtet - und ist es in vielen Bereichen heute noch.

Kleine Verbesserungen

Folglich fiel auch der Fahrradklima-Test, zu dem der ADFC im Jahr 2018 bundesweit aufgerufen hatte, für die Stadt Kulmbach alles andere als ruhmreich aus: Die Stadt landete im Ranking vergleichbarer Orte auf dem vorletzten Platz.

Einiges habe man seit dem Test und der Bürgerwerkstatt immerhin verbessert, heißt es dazu aus dem Rathaus. So wurde beispielsweise ein Fahrradständer am Holzmarkt durch ein neues, komfortableres Modell ersetzt.

An der Einmündung der Flessastraße in die Wilhelm-Meußdoerffer-Straße sollen Stopp-Schilder dazu beitragen, dass Radler nicht mehr übersehen werden. Und Am Goldenen Feld, wo der Radweg in schlechtem Zustand ist, soll im Rahmen der Fortführung des städtischen Straßensanierungsprogramms dafür gesorgt werden, dass die ärgsten Stolperstellen beseitigt werden. Sofern es sich finanzieren lässt. Kleinigkeiten, die sinnvoll sind - aber den großen Wurf und die grundlegende Verbesserung nicht ersetzen.

"Bin gespannt"

Er sei gespannt, wie sich die Angelegenheit unter der neuen Führung im Rathaus entwickle, sagt Jürgen Tesarczyk, damals wie heute Sprachrohr des ADFC in der Region. Hoffnung auf eine schnelle Lösung nach langem Warten hat er freilich nicht. "Nur mit einem neuen Konzept ist ja noch kein Meter Radweg gebaut und keine Radroute ausgeschildert."

Radfahren in Kulmbach: Viele Schwachstellen - und kein Ende in Sicht

Es ist nicht gerade eine unendliche, aber doch eine ziemlich lange Geschichte: Seit Jahren klagen Radfahrer in Kulmbach über unzureichende Verhältnisse, über Radwege, die im Nichts enden, fehlende Radspuren oder gefährliche Kreuzungen. Getan hat sich in den letzten Jahren nicht viel. Eine Chronologie: Der Stammtisch Im Juli 2011 starten zwei leidenschaftliche Radfahrer eine Initiative, um die Verhältnisse im Kulmbacher Straßennetz zu verbessern. Der Kulmbacher Jürgen Tesarczyk (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) und der Neuenmarkter Johannes Faßold (Verkehrsclub Deutschland) rufen einen monatlichen Stammtisch ins Leben, an dem über die Probleme diskutiert und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht werden sollte. Sie bitten die Kulmbacher, zu melden, wo es hakt im Radverkehr. Der Ortstermin Im August 2011 stattet Bernd Sluka, damals wie heute Vorsitzender des Landesverbands Bayern im Verkehrsclub Deutschland (VCD), Kulmbach einen Besuch ab. Gemeinsam mit vielen Interessierten fährt er eine Reihe von "Problemzonen" ab und übt harsche Kritik: "In Kulmbach gibt es kein Konzept, sondern nur Stückwerk". Der Fahrradklima-Test Nachdem über Jahre hinweg das Thema Radfahren immer wieder einmal aufploppt, ohne dass die Öffentlichkeit davon groß Kenntnis nimmt, kommt es im April 2019 zum Paukenschlag: Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) legt die Ergebnisse des Fahrradklima-Testes 2018 vor - mit einem verheerenden Ergebnis für Kulmbach: In der Gruppe der Städte zwischen 20 000 und 50 000 Einwohnern landet die Bierstadt auf Rang 310. Das ist der vorletzte Platz. Die erste Reaktion aus dem Rathaus ist verhalten. Man habe das Thema auf der Agenda, heißt es, unterliege aber in der historischen Altstadt mit ihren engen Gassen gewissen Zwängen. Die Bestandsaufnahme Die Redaktion der Bayerischen Rundschau beschließt im Juli 2019, sich gründlicher als bisher dem Thema Radfahren zu widmen. Schließlich hatte es im Fahrradklima-Test auch für die mediale Berichterstattung schlechte Noten gegeben. Eine ausführliche Bestandsaufnahme kommt zu dem Ergebnis: "Kein guter Platz für Radler". Die Bürgerwerkstatt Die Stadt Kulmbach reagiert nun doch auch auf die schlechte Beurteilung durch den ADFC und startet eine Initiative, bei der die Bürger mit eingebunden werden sollen. Die Kulmbacher zeigen sich sehr interessiert. Mehr als 200 Hinweise gehen bei der Stadt ein; an einer "Bürgerwerkstatt" im Juli 2019 in der Dr.-Stammberger-Halle beteiligen sich rund 70 Interessierte. Das neue Konzept Im Nachgang zur "Bürgerwerkstatt" sammelt die Stadt Kulmbach im letzten Jahr weitere Anregungen und sucht nach einem Planungsbüro, das auf dieser Basis ein Konzept entwickeln kann. Parallel dazu läuft die Fördermittelakquise. Einige kleine Maßnahmen werden durchgeführt. So werden zum Beispiel Löcher auf Radwegen ausgebessert. Mittlerweile ist ein Planungsbüro beauftragt. Ergebnisse gibt es aber noch nicht.