Jede Gemeinde im Landkreis Kulmbach will etwas für ihre Jugendlichen bieten, auch die Stadt Kulmbach. Aber was genau wünschen sich die jungen Leute? Was brauchen sie? Das wissen sie selbst besser als jeder Stadtrat und jeder Bürgermeister. Deshalb gibt es seit 2014 die Zukunftswerkstätten, ein Gemeinschaftsprojekt der Landkreisjugendarbeit und des Kreisjugendrings Kulmbach. Daraus sind in Stadtsteinach und Mainleus Jugendparlamente entstanden, die schon viele Ideen verwirklichen konnten.

Der Jugend eine Stimme geben

Ein solches Jugendparlament ist auch für Kulmbach seit Jahren im Gespräch. Doch es blieb bislang bei Worten. Zuletzt war das Thema vor einem Jahr auf der Tagesordnung im Stadtrat, anlässlich eines Antrags der Kulmbacher FDP. Stadtrat Thomas Nagel hatte die Initiative ergriffen, ebenso wie schon einmal im Jahr 2012. Es sei an der Zeit, Jugendlichen eine Stimme zu geben und sie gleichzeitig auch mit in die Verantwortung zu nehmen. "Wir müssen es schaffen, dass wir junge Menschen mehr für die Kommunalpolitik interessieren, und das völlig parteiunabhängig." Dem FDP-Vorschlag hat der Stadtrat im September 2019 einstimmig zugestimmt und beschlossen, auch in Kulmbach eine Zukunftswerkstatt stattfinden zu lassen. Was hat sich seither getan?

Die Verwaltung hat mit dem Kreisjugendring begonnen, eine Zukunftswerkstatt zu planen. Schon im September hätte sie stattfinden sollen, was aufgrund der Corona-Lage nicht möglich war. "Jedoch werden wir, sobald es die Situation zulässt, auf einen neuen Termin hinarbeiten", so Jonas Gleich, Pressesprecher der Stadt Kulmbach auf Nachfrage der BR.

"In diesem Forum können die Wünsche, Sorgen, Anregungen und Kritiken der jungen Menschen gesammelt und besprochen werden. So kann man auch ausloten, ob die Jugendlichen und jungen Erwachsenen bereit wären, in Form eines Jugendparlamentes oder einer ähnlichen institutionellen Einrichtung aktiv an der Entwicklung unserer Stadt mitzuarbeiten."

Im Kulmbacher Rathaus ist man aufgeschlossen für alles, was sich aus dieser Initiative entwickeln kann. Was braucht es also, um eine Art Jugendparlament für die Stadt Kulmbach auf die Spur zu setzen? Jonas Gleich: "Macher und Motivation auf allen Ebenen - bei den Jugendlichen, aber natürlich auch bei den politischen Mandatsträgern."

Dass die Einbindung der Jugendlichen in die kommunalen Entscheidungen eine Bereicherung für die Gemeinden sein kann, beweisen die Stadt Stadtsteinach und der Markt Mainleus. In beiden Kommunen bildeten sich aus den Zukunftswerkstätten heraus Gruppen, die zwar keine offiziellen Jugendparlamente sind, weil man sich die dazu notwendigen aufwendigen Formalitäten ersparen wollte, die aber sehr effizient die Interessen der Jugend vertreten. Und die bewiesen haben, dass sie nicht nur an sich, sondern an das Wohl aller in der Gemeinde denken. Sehr zur Freude der beiden Bürgermeister Roland Wolfrum (SPD, Stadtsteinach) und Robert Bosch (CSU, Mainleus).

Gruppen sind gut organisiert

In beiden Gruppen sind aktuell zehn feste Mitglieder zwischen 14 und 21 Jahren aktiv, die sich regelmäßig treffen und Vorschläge erarbeiten. Die Jugendlichen organisieren sich selbst, halten über WhatsApp-Gruppen Kontakt, präsentieren sich auf Instagram und Facebook.

Dass man es als Jugendvertreter weit bringen kann, zeigt das Beispiel von Lena Badstieber aus Stadtsteinach. 2014 war sie bei der ersten Jugendwerkstatt dabei, gehört seither fest zum Team, übernahm vor ein paar Jahren dann die Leitung der Gruppe. Ihr Engagement brachte ihr viel Wertschätzung ein. Bei der Kommunalwahl im Frühjahr wurde die 21-jährige Auszubildende zur Euroindustriekauffrau sogar für die SPD in den Stadtrat gewählt. Dort fungiert sie jetzt als Jugendsprecherin und hat gleichzeitig weiter das Jugendparlament unter ihren Fittichen.

Lena Badstieber rät allen Jugendlichen in Kulmbach, die Chance zu nutzen, sobald die geplante Zukunftswerkstatt für die Stadt stattfindet. "Es lohnt sich, da mitzumachen. Die Zukunftswerkstatt ist dafür da, dass Jugendliche gehört werden, und wir wurden und werden gehört", sagt sie. "Wir haben die Chance, Themen ins Gespräch zu bringen, von denen unsere Stadträte nie gedacht hätten, dass sie uns beschäftigen."

Ideen für Stadt von morgen

Beispiele? "Im Stadtrat hat niemand erwartet, dass wir uns Gedanken über Ausbildungsplätze in der Nähe unseres Wohnortes machen oder über bessere Busverbindungen. Es geht uns dabei nicht nur um unsere Freizeit. Es geht uns auch um gute Strukturen für unsere Stadt, für die Senioren, für Familien mit Kindern. Deshalb sind wir auch beim Stadtentwicklungskonzept dabei."

Viele Ideen hat das junge Team in Stadtsteinach schon auf den Weg gebracht und umgesetzt. Neben dem Jugendraum mit viel Eigenleistung waren das Ausflüge, Open-air-Veranstaltungen, Mitwirkung beim Stadtfest, die Skaterbahn.

"Dieses Jahr war durch Corona leider der Wurm drin. Wir konnten den Jugendraum noch nicht richtig nutzen, keine Veranstaltungen machen." Dennoch war die Jugend nicht untätig. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern hat Lena Badstieber die Ausgestaltung des Jugendraums vorangetrieben. Dort soll es künftig auch offene Freizeitgestaltung für alle Interessierten mit festgelegten Öffnungszeiten geben." Um die Aufsicht kümmern sich die jungen Leute des Jugendparlaments selbst.

Noch nicht so lange aktiv wie die Stadtsteinacher, aber ebenso engagiert sind die Mainleuser Jugendlichen. Hier hat Sahin Wißlicen den Hut auf, kümmert sich um alles Organisatorische. Im November 2018, kurz nach der Zukunftswerkstatt, hat sich die Gruppe erstmals getroffen. Die ersten Aktionen waren Ausflüge nach Geiselwind, am 30. Oktober 2019 organisierten die Jugendlichen dann eine Halloween-Vorparty. "Wir waren positiv überrascht, wie groß das Interesse war. Es kam etwa 100 Leute", so der 17-Jährige.

Ein Wunsch der Jugendlichen war eine Eisdiele. Die konnte die Gemeinde nicht herbeizaubern, aber eine Lösung improvisieren: Zweimal pro Woche kam eine mobile Eisdiele zum Rathaus.

Auch die Mainleuser freuen sich auf einen eigenen Jugendraum. "Der wird gerade in der Spinnstube gebaut und wird nächstes Jahr fertig. Wir beteiligen uns da an der Planung.

Es gibt keine Denkverbote

Die Jugendgruppe "JuMa336" hat nicht nur ihre eigenen Interessen im Sinn, sondern plant auch Projekte für Ältere Menschen. Wir haben ein Dorfkino in der Sommerhalle geplant. Da soll es Filme für Jugendliche geben, aber auch Filme, die besonders die Senioren ansprechen."

Aktuell tragen die Jugendlichen mit viel Spaß zur Ortsbildverschönerung bei. Im ersten Lockdown hatten sie sich einen Graffiti-Workshop gewünscht. Und bekommen. Die Künstlerin Cornelia Morsch schulte die Jugendlichen, die nun den alten "Konsum"-Laden der Spinnerei mit einem selbstgestalteten großen Bild aufhübschen.

Kreisjugendpfleger Jürgen Ziegler freut sich schon auf den Tag, an dem die Kulmbacher Jugendwerkstatt über die Bühne gehen kann. Er weiß aus Erfahrung, dass sich das Projekt lohnt: "Nirgends ist es leichter für Jugendliche, ihre Wünsche zu äußern. Es gibt keine Denkverbote."

Erst im zweiten Schritt geht es dann um die Fragen, die sich aus den gesammelten Vorschlägen ergeben: Was lässt sich realisieren? Und wer macht was?

Kommentar: Jugend kann und will

Null Bock? Alles haben, aber nichts dafür tun wollen? Vielleicht gab es diese Haltung bei Jugendlichen mal, vielleicht wurde sie ihnen nur angedichtet. Auf die Mehrheit trifft sie sicher nicht zu.

Mehr denn je machen sich junge Leute stark für das, was ihnen wichtig ist. Sie haben etwas zu sagen und wollen gehört werden. Und wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Einsatz sich lohnt, dann geben sie alles, damit es gut wird.

Klimaschutz und Tierwohl sind Beispiele dafür, aber neben den großen Zukunftsthemen beschäftigt die Jugendlichen auch das, was in ihrer Heimatgemeinde passiert. Da sind Freizeitangebote wichtig, aber auch der gesellschaftliche Zusammenhalt, ob es eine vernünftige Busverbindung gibt, günstige Wohnungen, genug Arbeitsplätze, Angebote für die Älteren. Auch da können und möchten sie mitreden.

Lassen die Verantwortlichen in den Rathäusern das zu, gewinnen sie Mitstreiter, die frühzeitig lernen, Projekte und Veranstaltungen zu organisieren und eigenverantwortlich umzusetzen.

Die Stadt Kulmbach hat gute Karten, wenn sie demnächst daran geht, eine Jugendvertretung aufzubauen, - egal ob als offiziell gewähltes Jugendparlament oder so wie in Stadtsteinach und Mainleus als informelle Gruppe. Sie kann von den vielfältigen Erfahrungen der Akteure in den beiden Gemeinden profitieren und hat mit Kreisjugendring und Kommunaler Jugendarbeit am Landratsamt versierte Partner an ihrer Seite, wenn es darum geht, aus Wünschen Werke zu machen.