Als "Little Berlin" ist Mödlareuth in die Geschichte eingegangen. Das Dorf mit etwa 50 Einwohnern, das zu einem Teil in Bayern und zum anderen Teil in Thüringen liegt, war Jahrzehnte durch die Mauer geteilt. Auch die kleine Ortschaft Vogtendorf ist geteilt - 21 Bürger wohnen auf der Stadtsteinacher Seite, zehn Vogtendorfer sind de facto Guttenberger. Vogtendorf ist also "Klein Mödlareuth"? Von wegen!

Die Anfänge Vogtendorfs - zumindest des Guttenberger Teils - lassen sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Der Bauernhof des Vogts, was so viel wie Bürgermeister bedeutet, gehörte damals zu den Besitzungen der Adelsfamilie derer zu Guttenberg. Wenige Meter davon entfernt entstanden (vermutlich später) Höfe, die sich bereits auf dem Gebiet der heutigen Kommune Stadtsteinach befanden und bis zur Gebietsreform die kleinste Gemeinde Bayerns bildeten.

Dabei waren die Vogtendorfer, so erzählen Bürgermeister Eugen Hain und Harald Kraß, früher eigentlich immer mehr nach Guttenberg orientiert. "Dort gingen sie zur Schule, zur Kirche und ins Wirtshaus."

Mit der Gebietsreform 1972 wurden die Kommunalgrenzen dann sozusagen zementiert. Und die Umorientierung der Stadtsteinacher Vogtendorfer begann - hin zum katholischen Stadtsteinach, hin zum Schulstandort Stadtsteinach und hin zum Verwaltungssitz Stadtsteinach. Die Guttenberger Vogtendorfer taten es in die Gegenrichtung - ins evangelische Guttenberg, in die (inzwischen aufgelöste) Guttenberger Schule und ins Guttenberger Rathaus.

Dass es deswegen auch im täglichen Leben Vogtendorfer und Vogtendorfer geben würde, ist zum Glück nicht der Fall, wie Otto Kreil und Bernhard Geyer bestätigen. Der eine - seines Zeichens auch Gemeinderat in Guttenberg - fungiert als Vorsitzender der Dorfgemeinschaft, der andere - möglicher Kandidat für den Ortssprecherposten im Stadtsteinacher Stadtrat - als dessen Stellvertreter.

Die Sache mit dem Trinkwasser

Und doch gibt es die eine oder andere Besonderheit in der Ortschaft. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Trinkwasser, wie Oswald Strößner und Otto Kreil berichten. Da es in früheren Zeiten noch viele Landwirte und entsprechend viel Vieh in der Ortschaft gab, Quelle und Versorgungsleitungen aber von der Stadtsteinacher Seite kamen, mussten es die Guttenberger Vogtendorfer akzeptieren, dass ihnen im Falle der Wasserknappheit der Hahn zuerst abgedreht wird.

Diese Vereinbarung existiert bis heute und muss bei Bauvorhaben wie im Fall von Otto Kreil unterzeichnet werden. Und natürlich muss einen Bauantrag auf Guttenberger Grund auch der Stadtsteinacher Stadtrat absegnen - eben zwecks der Wasserversorgung.

Der Neun-Jahre-Deal

Wenn ein Drittel der Vogtendorfer zu Guttenberg gehört und zwei Drittel eigentlich Stadtsteinacher sind, warum übernimmt die Stadt Stadtsteinach dann neun Jahre am Stück in ganz Vogtendorf bis hinunter nach Guttenberg den Winterdienst auf den Straßen, während die Kollegen aus Guttenberg erst im zehnten Jahr gefordert sind? Die richtige Antwort auf diese Frage kennen nur Experten wie der Guttenberger Bürgermeister Eugen Hain und sein Stadtsteinacher Kollege Roland Wolfrum: Es liegt nicht an der Überzahl der Stadtsteinacher, sondern an der Tatsache, dass die Gemeinde Guttenberg als erste Vogtendorf mit einer ordentlichen Straße erschlossen hat. "Die Straße nach Stadtsteinach kam erst in den 1980er Jahren", weiß Bernhard Geyer. Die 9-zu-1-Regelung ist also quasi eine Entschädigung.

Wer bezahlt denn eigentlich den Strom für die Straßenbeleuchtung in Vogtendorf? Das ist eine einfache Geschichte, wie Johannes Pöhlein sagt. Geliefert wird die Energie von Stadtsteinach, Guttenberg zahlt seinen Vogtendorfer Verbrauch.

Ein bisschen komplizierter wird es wieder bei der Postzustellung. Das eine Vogtendorf hat Stadtsteinacher Postleitzahl, das andere die Guttenberger. Gut, dass Vogtendorf inzwischen zentral mit Post bedient wird. Ein Kenner der Materie sollte der Zusteller trotzdem sein: In Vogtendorf gibt es alle Hausnummern doppelt...

Die evangelische Autowäsche

Und dann ist da noch die Sache mit den Feiertagen. Harald Kraß kann sich noch gut daran erinnern, dass sein (evangelischer) Vater Hans ganz schön stinkig war, als auf einem (katholischen) Hof in der Nachbarschaft ausgerechnet am Buß- und Bettag gearbeitet wurde. Im Gegenzug kam es früher nicht besonders gut im katholischen Vogtendorf an, wenn an Mariä Himmelfahrt evangelische Autos gewaschen wurden...

Heute ist das anders. "Wir Vogtendorfer nehmen heute alle einfach jeden Feiertag mit, ob evangelisch oder katholisch", verrät Johannes Pöhlein und ist sich evangelischer Zustimmung gewiss.

Apropos Feiertag: Das Wochenende, an dem die Vogtendorfer zum Dorffest einladen, hat inzwischen Feiertagscharakter. Besucher aus dem ganzen Umland kommen in die Ortschaft und lassen sich unterhalten und verköstigen. Dass sich der kleine Ort dann wie aus dem Ei gepellt präsentiert, ist Ehrensache. Die Wenigsten wissen allerdings, dass das die Vogtendorfer - die Stanicher wie die Guttenberger - das ganze Jahr über so halten. Pflege öffentlicher Grünflächen durch Mitarbeiter aus den Bauhöfen? Fehlanzeige! Selbst ist der Vogtendorfer...

Der Überschuss, der beim Fest herauskommt, wird regelmäßig für die Ortsverschönerung oder für caritative Zwecke verwendet. In diesem Jahr ist eine neue Sitzecke aus Stein am Dorfteich angeschafft worden. Auch die politischen Kommunen haben dazu etwas beigesteuert - im Verhältnis zwei Drittel zu ein Drittel, versteht sich...
Was es denn noch an Vogtendorfer Eigenheiten gibt? "Das ist ein ganz fruchtbarer Boden", ergänzt Otto Kreil nach kurzer Überlegung und längerem Schmunzeln: "Wir haben jetzt im Ort schon zum dritten Mal Zwillinge."

Auch wenn Vogtendorf eigentlich geteilt ist, auseinanderdividieren lassen sich die 31 Einwohner nicht - selbst wenn am Ortseingang aus Richtung Guttenberg mit "Stadt Stadtsteinach" eigentlich der falsche Zusatz geschrieben steht...