Darüber ist der Vorsitzende Richter gar nicht erfreut: Gerade hat Michael Eckstein die psychologische Sachverständige entlassen, da muss er ihr sogleich den Justizwachtmeister hinterherschicken. Der Mann ist gut zu Fuß und bringt Gabriele Drexler-Meyer in den Gerichtssaal zurück, wo die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Bayreuth seit sieben Monaten mit einem nicht enden wollenden Vergewaltigungsprozess befasst ist.


Tatsächliche Erlebnisse

Der Grund für die Rückrufaktion am 33. Verhandlungstag: Der Anwalt der Hauptbelastungszeugin und Tochter des Angeklagten, Frank K. Peter, zerreißt das Glaubwürdigkeitsgutachten der Sachverständigen in der Luft. Er hat "eklatante Mängel" und "handwerkliche Fehler" ausgemacht und beantragt, noch ein Gutachten einzuholen. Es werde beweisen, dass die Angaben seiner Mandantin nicht erfunden sind, sondern auf echten Erlebnissen basieren.

In dem Verfahren muss sich ein 71-jähriger Unternehmer wegen Vergewaltigung seiner Tochter, seiner Ex-Frau und sexuellen Missbrauchs von Kindern verantworten. Die Nebenklägerinnen - darunter auch zwei Enkelinnen und eine Freundin - belasten den Angeklagten schwer. Dessen Verteidiger, Rechtsanwalt Johann Schwenn aus Hamburg, versucht, den Spieß umzudrehen, und unterstellt dem Frauenclan eine Verschwörung gegen den Familienpatriarchen.

Die Sachverständige hat Ungereimtheiten in der Aussage der Hauptbelastungszeugin festgestellt. Sie könne falsche Angaben mit aussagepsychologischen Methoden nicht ausschließen, so Drexler-Meyer vor vier Wochen.


In Inzestfamilien nicht unüblich

Sie hört am Montag schweigend zu, als Rechtsanwalt Peter erklärt, dass er das Gutachten von der Trauma-Transform-Consult GmbH in Köln habe überprüfen lassen. Er kommt zu dem Schluss, dass hier mangelnde Qualität vorliegt. Peter kritisiert die Feststellung von Drexler-Meyer, dass die Nebenklägerin (48) in all den Jahren keine Strategie entwickelt habe, um den Übergriffen ihres Vaters zu entgehen. Dies sei in Inzestfamilien nichts Ungewöhnliches, denn die Opfer wollen die Bindung aufrechterhalten, auch wenn sie damit sich selbst gefährden.

Bei mehrdimensionalen Abhängigkeitsbeziehungen - hier emotional und finanziell - und bei geringem Selbstbewusstsein, sei es schwer, so der Wormser Anwalt, sich zur Wehr zu setzen. Zumal seine Mandantin auch von ihrem Ehemann nicht unterstützt worden sei. Sie habe sich darum bemüht, den Anschein einer intakten Familie aufrechtzuerhalten.


"Viel Lärm um nichts"

"Viel Lärm um nichts", meint der Verteidiger. "So sieht es aus, wenn einem die Felle davonschwimmen, und dann kommen solche Anträge." Es sei gar nicht die Aufgabe einer Sachverständigen, die Glaubwürdigkeit der Zeugin festzustellen, "das bleibt immer die Entscheidung des Gerichts."

Wie es nun weitergeht, hat die Kammer noch nicht entschieden. Aber der Vorsitzende macht schon deutlich, dass er von der Vorgehensweise der Nebenklage, den zehnseitigen Schriftsatz nicht anzukündigen, alles andere als begeistert ist.


Auch ein Enkel belastet den Großvater

Im Gegensatz zu den Frauen hat bisher kein Mann der "Inzestfamilie" (O-Ton Rechtsanwalt Peter) eine Aussage gemacht. Der Angeklagte schweigt, sein Schwiegersohn sowie die beiden Enkel berufen sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht. Am Montag aber erfährt das Gericht zumindest indirekt, was der ältere Enkel bei der Polizei ausgesagt hat. Eine Kriminalhauptkommissarin berichtet von dessen Vernehmung.

Demnach ist der Angeklagte von dem jungen Mann ebenfalls belastet worden. Er habe gesehen, wie seine Mutter und seine beiden Schwestern vom Großvater begrapscht worden sind. Sexistische Kommentare seien bei ihm nicht selten gewesen.

Dagegen hat die Tochter des Angeklagten kein Interesse, erneut vor Gericht auszusagen. Als der Verteidiger die Hauptbelastungszeugin befragen will, erklärt ihr Anwalt, dass sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebraucht mache. Sie habe, so Peter, neunmal vor Gericht und achtmal bei der Polizei ausgesagt und umfassend zur Aufklärung beigetragen. Sie müsse sich nicht vom Verteidiger auf einen Nebenkriegsschauplatz manövrieren lassen.


Notbremse gezogen?

Anwalt Schwenn kommentiert die Vorgehensweise seines Kollegen so: "Sie haben die Notbremse gezogen, weil's Ihnen nicht passt."

Was den Verteidiger noch verwundert: die neue Konstellation auf der Nebenklagebank. Für die Coburger Rechtsanwältin Kristina von Imhoff vertritt nun Julia Hoffmann die jüngere Enkelin. Und Rechtsanwalt Wolfram Schädler aus Wiesbaden hat neben der anderen Enkelin mit deren Freundin eine zweite Mandantin dazubekommen.

Schwenn möchte wissen, was die zwei Nebenklägerinnen "zu diesem späten Pferdewechsel" bewogen hat. Aufgrund der gleichlautenden Begründung - Vertrauensverhältnis gestört und Inaktivität in der Verhandlung - mutmaßt er, dass der frühere Opferbetreuer des Weißen Rings wieder tätig gewesen ist.

Durch ihre Bestellung sei der Beweisantrag Schwenns überholt, betont Rechtsanwältin Hoffmann, die mit ihrem Kollegen Peter in Worms eine Bürogemeinschaft unterhält. Dem Verteidiger gehe es nur darum, Einblick in ein internes Mandatsverhältnis zu bekommen.


Gutachten des LKA liegt vor

Pünktlich wie versprochen ist beim Gericht das LKA-Gutachten zum Tagebuch der älteren Enkelin eingegangen, die mit den Einträgen - lange vor dem Prozess - den Missbrauch durch ihren Großvater verarbeitet haben will. Die Annahme des Verteidigers, dass die Aufzeichnungen erst während des Verfahrens angefertigt worden sind, kann das LKA weder bestätigen noch ausschließen: Der bei den Zeichnungen verwendete Stift sei seit 2007 erhältlich gewesen und der Kugelschreiber seit 1995.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.