Tiere leiden, wenn sie zur Schlachtbank geführt werden. Auch in Kulmbach. Die Aufnahmen, die im ARD-Magazin "Report Mainz" zu sehen waren, haben vor Augen geführt, dass Schweine bei der Betäubung im Schlachthof mit Elektrozange und Kohlendioxid qualvolle letzte Momente erleben, ehe ihrem Leben mit einem Stich in die Halsschlagader ein Ende bereitet wird. Es sind Bilder, die Fernsehzuschauer aufschrecken, Bilder, die aber auch Schlachthofleiter Dirk Grühn nicht kaltlassen. "Ich bin mit beiden Methoden, Elektrozange und CO 2 , unzufrieden", hat Grühn schon im Februar unserer Zeitung gesagt, als wir über das Thema berichtet haben - Monate, bevor die Schockbilder veröffentlicht worden sind. In der ARD hat der 46-Jährige selbst von einer "suboptimalen Methode" gesprochen, die zugelassen sei, dem Tierwohl aber nicht entspreche.

Als "Mörder" tituliert

Dass Grühn die derzeit übliche Betäubungsmethode ablehnt, haben all die nicht zur Kenntnis genommen, die ihn nach dem Fernsehbeitrag angefeindet haben. Der gelernte Landwirtschaftsmeister hat am Telefon anonyme Drohungen erhalten, wurde in Mails beschimpft und beleidigt. Als "Mörder", Tierschänder" und "Tier-KZ-Betreiber" wurde er tituliert. Es gipfelte in der Aussage: "Du gehörst selbst vergast." Es ist eine Hetzjagd, die veranstaltet wird ("Anzeige habe ich aber nicht erstattet, weil da ja eh nichts rauskommt") und an ihm zehrt.

Der Betriebsleiter leidet

"Ich bin schockiert. Das geht nicht spurlos an mir vorüber", sagt der 46-Jährige, der in den vergangenen Wochen schlecht geschlafen und kaum Appetit hatte. "Mir ging es nicht gut. Ich habe in der kurzen Zeit acht Kilogramm abgenommen." Er werde attackiert, habe aber - unter anderem von Kunden - auch Unterstützung erfahren. "Das hat mir Kraft gegeben, um den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, der an unserem Kulmbacher Schlachthof ein Ziel hat: eine bessere Betäubungsmethode zu finden."

Grühn hat es sich reiflich überlegt, ob er sich mit uns zu einem Gespräch im Schlachthof treffen soll, weil er die Befürchtung hat, dass die Emotionen weiter hochkochen, dass wieder schwere Geschütze aufgefahren werden, von Menschen, die offenbar keine Grenzen kennen. Er weiß, dass man als Schlachthofleiter nie ein großer Sympathieträger sein wird. Doch er will zumindest eines: anständig behandelt werden.

Bei Großbetrieben sieht es anders aus

Wer ihn an seinem Arbeitsplatz besucht, dort, wo das Leben von Rindern und Schweinen endet, sieht, dass unter seiner Regie etwas für das Tierwohl getan wird, was in anderen regionalen Betrieben nicht erfolgt, was bei Großschlächtern undenkbar ist. "An vielen Schlachthöfen werden die Tiere vom Lkw abgeladen und direkt in die Betäubungsanlage geführt", weiß der Thurnauer Jürgen Müller, der nicht nur Metzgermeister, sondern auch Viehhändler ist. Von der Fahrt noch aufgewühlt, bleibe für die Schweine dort dann keine Zeit zum Durchatmen. Jürgen Müller: "Die Tiere sind aufgewühlt, und das merkt man dann auch an der schlechteren Fleischqualität."

"Der Verdienst von Dirk Grühn"

In Kulmbach wird versucht, die Schweine nach dem Transport erst einmal zu beruhigen. Die Tiere werden aufgestallt. Gummimatten liegen aus, die einen weichen Untergrund bieten. Eine Berieselungsanlage sorgt dafür, dass die Schweine abgekühlt werden. Ein Futterautomat ist aufgestellt, es gibt große gelbe Spielbälle, die das Borstenvieh mit der Schnauze anstupst. "Das gefällt den Tieren. So können sie runterfahren", sagt Jürgen Müller, der weiß, wer diese positiven Maßnahmen angestoßen hat: "Das ist einzig und allein das Verdienst von Dirk Grühn. Wenn er jetzt angegriffen wird, ist das eine Riesensauerei." Was auch ein Bio-Rinderzüchter aus Wunsiedel so empfindet, der seine Tiere in der E.-C.-Baumann-Straße schlachten lässt. "Kulmbach ist der beste Schlachthof weit und breit", stellt er fest.

Helium statt Kohlendioxid

"Ich kenne keinen Schlachthofleiter, der das Tierwohl so im Blick hat wie Dirk Grühn", sagt Professor Klaus Troeger, der Initiator eines weltweiten Pilotprojektes ist, das die Stadt Kulmbach mit der Bernd-Tönnies-Stiftung auf den Weg gebracht hat. Nicht mit Kohlendioxid, sondern mit dem Edelgas Helium sollen die Schweine künftig betäubt werden, was den Tieren einen grausamen Todeskampf ersparen soll. Anders als es beim bis dato üblichen Einsatz von Kohlendioxid der Fall ist, bei dem die Tiere ein Erstickungsgefühl haben und mitunter qualvolle letzte Momente erleben. Tröger: "Die Versuchsphase mit Helium wird in Kulmbach gestartet. Weil ich weiß, dass hier eine vorbildliche Arbeit geleistet wird."

Eine vorbildliche Arbeit will Dirk Grühn auch weiterhin leisten. Er hofft, dass die Attacken endlich aufhören und versichert: "Wir werden den geplanten Weg der Veränderung, den hin zu einer besseren Methode der Betäubung, am Kulmbacher Schlachthof weiter gehen." Von diesem Kurs will er sich auch durch die Anfeindungen nicht abbringen lassen.

Hierzu auch ein Kommentar von Alexander Hartmann

Der Sündenbock

Er ist das Gesicht des Kulmbacher Schlachthofs: Dirk Grühn, der den städtischen Eigenbetrieb, der in die Negativ-Schlagzeilen geraten ist, seit vielen Jahren führt. Der 46-Jährige wurde von vielen zum Sündenbock abgestempelt, nachdem in der ARD das Leid der Schweine bei der Betäubung mit Kohlendioxid gezeigt worden ist, im Magazin "Report" Aufnahmen zu sehen waren, auf denen ein Mitarbeiter unerlaubt zum Elektrotreiber gegriffen hat. Weil Grühn die Verantwortung trägt, ist er Zielscheibe der Kritik. Er wird beschimpft und beleidigt, dabei sogar als "Tier-KZ-Leiter" tituliert

Nicht zu tolerieren

Es sind Anfeindungen, die nicht zu tolerieren sind, die jegliches Maß der durchaus erlaubten Kritik am Tötungsverfahren weit überschreiten. Dabei hat sich wieder mal gezeigt: Gerade in der Anonymität der sozialen Medien kennen viele keine Grenzen. Man überbietet sich in der Schärfe der verbalen Attacken, und das oft, ohne sich offenbar vorher mit der Materie befasst zu haben. Dass Grühn den Verstoß des Mitarbeiters nicht toleriert, war nachzulesen. Die Tatsache, dass nicht allein in Kulmbach die mitunter qualvolle CO 2 -Betäubung praktiziert wird, sondern das Verfahren weltweit Standard ist, hat all die, die sich vermeintlich um das Tierwohl sorgen, den Menschen aber niedermachen, nicht interessiert.

Für weniger Qualen

Der Tod ist nicht vegan. Wo geschlachtet wird, werden Tiere immer leiden. Dabei verfolgt gerade der viel gescholtene Dirk Grühn das Ziel, dieses Leid zu minimieren. Er arbeitet mit an einem Pilotprojekt, das die letzten Momente im Leben der Schweine durch eine Betäubung mit Helium erträglicher machen soll. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Wenn es gelingt, könnte das die Schlachtindustrie aber revolutionieren.