Kulmbacher Realschüler besuchen jede Woche die Bewohner des Heiner-Stenglein-Senioren- und Pflegeheims der Arbeiterwohlfahrt Am Rasen. Die Beziehungen sind herzlich: Die Jugendlichen bringen frischen Wind in den Alltag, lernen aber auch viel von den Senioren. Seit Jahren gibt es diese Treffen, auf die sich beide Seiten freuen. Doch seit dem Beginn der Corona-Pandemie ist Schluss. Besuche im Heim sind schon seit dem Frühjahr nicht mehr möglich.

Lehrerin Linda Bär, die den Besuchsdienst seitens der Schule organisiert, bedauert das ebenso wie die Schüler und überlegt: Wie ist es möglich, bei den alten Menschen präsent zu sein, ohne dafür tatsächlich im Heim anwesend sein zu müssen. Gerade in der Vorweihnachtszeit fehlen die Kontakte nach außen. Linda Bär hat eine Idee: einen Adventskalender erstellen - mit von den Schülern gesprochenen Texten, die im Heim vorgespielt werden können.

Sie sucht und findet das perfekte Buch für ihr Projekt. Den Adventskalender "Geschichten für Senioren". Darin finden sich 24 Geschichten und Gedichte sowie Rätsel, die speziell die ältere Generation ansprechen sollen und auch für Menschen mit Demenz geeignet sind.

In Eigenregie zuhause produziert

Mitstreiterinnen zu finden, ist einfach: Alle Schülerinnen, die sie anspricht, ob sie mitmachen wollen, sind sofort begeistert dabei. Neun Mädchen, die meisten aus der siebten Klasse, einige aus der neunten und zehnten Klasse, nehmen sich je zwei Geschichten mit nach Hause und kommen mit fertigen Audiodateien wieder in die Schule.

Linda Bär ist beeindruckt und sehr glücklich über das Ergebnis: "Die Schülerinnen haben das einfach perfekt gemacht. Das berührt jeden, der es hört."

Clara Köstner aus der 7d hat die Aufgabe viel Spaß gemacht. "Ich habe das mit dem Handy aufgenommen, dann noch einmal nachbearbeitet." Wo Fehler waren oder der Text nicht so schön gesprochen, hat die Zwölfjährige die Passagen rausgeschnitten und sie noch einmal neu aufgenommen. "Es sollte ja schön werden!"

Claras Mitschülerinnen Amelie Schneider und Aileen Schuster gefällt die Mischung der Texte. Amelie erzählt den Senioren beispielsweise eine Rätselgeschichte rund um den Dresdner Christstollen. Sie beschreibt das Gebäck und seine Geschichte, und am Ende müssen die Zuhörer erraten, um welche weihnachtliche Spezialität es geht.

"Es ist ein schönes Gefühl, jemandem eine Freude machen zu können, auch in der Corona-Zeit", sagt Aileen. Und für die Bewohner des Pflegeheims sei das doch jetzt besonders wichtig, da sie kaum noch Besuch bekommen können.

24 MP3-Dateien für jeden Tag vom 1. bis 24. Dezember wurden auf eine CD gebrannt und Sozialpädagogin Silvia Bauernfeind übergeben, die seitens des Pflegeheims den Besuchsdienst betreut. Schulleiterin Monika Hild ist stolz auf das Engagement der Schüler und ihrer Lehrerin: "Das ist eine wunderbare Aktion. Wir haben schon viele Jahre eine enge Verbindung zu den von der Arbeiterwohlfahrt betreuten Senioren. Es ist uns allen wichtig, dass das jetzt nicht durch Corona verloren geht."

Freude und andächtige Gesichter

Silvia Bauernfeind ist begeistert von der Initiative der Schüler. "Ich freue mich sehr, dass die Schüler vom Besuchsdienst unseren Bewohnern so eine große Freude bereiten", sagt sie. "Wir können jetzt jeden Tag in der Adventszeit mit den tollen Geschichten einläuten. Wenn wir nach dem Frühstück in unsere Adventsrunde einladen und die Stimmen der Mädchen den Raum erfüllen, sehe ich augenblicklich in andächtige Gesichter. Es ist, als wenn die Gedanken des Alltags von allen abfallen und sich der Zauber und die Besinnlichkeit der Vorweihnachtszeit ausbreiten. In dieser Atmosphäre wird sich dann auch noch gerne über die Geschichten ausgetauscht, von Erlebnissen an früheren Advents- und Weihnachtstagen erzählt. Und dann stimmen wir gemeinsam Adventslieder an."

Die Senioren sind glücklich und dankbar für ihren Adventskalender:

Klara Jonak, Heimbewohnerin, 85 Jahre: "Ich finde das klasse, dass die Schüler Zeit haben für uns alte Leutchen. Ich finde die Geschichten sehr gut - mal zum Schmunzeln, mal zum Nachdenken. Die Schüler bereiten uns damit jeden Tag eine Freude und eine besondere Adventsbeschäftigung."

Hannelore Rabitzsch, Heimbewohnerin, 91 Jahre: "Wenn ich die Geschichten und Gedichten höre, geht mir das Herz. Ich staune sehr über die jungen Leute, die sich so viel Mühe machen, um uns alte Leute glücklich zu sehen. Ich selbst habe neun Urenkel im selben Alter, die hoffentlich auch mal auf so eine wunderschöne Idee kommen. Ich danke den Schülern sehr für dieses tolle Adventsgeschenk."

Marianne Müller, Heimbewohnerin, 93 Jahre: "Es freut mich sehr, dass die Schüler so einen besonderen Adventskalender für uns machen. Es ist eine festliche Stimmung, wenn wir die Geschichten hören. Und der Zusammenhalt zwischen Alt und Jung ist dadurch da, wenn die Schüler schon nicht persönlich zu uns kommen dürfen."

Eine Adventsaktion wie die der Carl-von-Linde-Realschüler für die Senioren des Pflegeheims Am Rasen - darüber würden sich auch die Bewohner anderer Seniorenheime freuen. "Das ist eine großartige Initiative", sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold. Aktuell seien leider keine Besuche in den BRK-Altenheimen möglich. "Wenn junge Leute für unsere Häuser eine solche Aktion machen würden, wären wir begeistert", sagt Dippold.

Dass so etwas bei den Bewohnern sehr gut ankommt, weiß Dippold aus den Erfahrungen einer Aktion vom Frühjahr. Damals hatte der Pianist Ingo Dannhorn mit Unterstützung der Raps-Stiftung Videos mit klassischer Musik produziert, die in den Einrichtungen gezeigt wurden. "Das hat ein schönes Stück Kultur in unsere Häuser gebracht."

Vor den beiden Kulmbacher Pflegeheimen der Diakonie stehen in diesem Jahr Wunschbäume, wo jeder, der möchte, Advents- und Weihnachtswünsche für die Bewohner anbringen kann. Die Kindergärten St. Hedwig und Kreuzkirche sowie die "Kleine Strolche" aus Neuenmarkt haben für die Bewohner Gebasteltes gebracht, erzählt Heimleiter Uwe Gieselmann vom Wohnstift.

Intern versuchen alle Senioren- und Pflegeheime, ein bisschen Vorweihnachtsstimmung in ihre Häuser zu bringen. Doch die Besuche von Kindern und Jugendlichen sowie von Musikern - die werden überall schmerzlich vermisst.