Wer ist dieser Mann, der in Lichtenfels vor dem Richter steht? Haben wir es mit einem skrupellosen Giftleger zu tun, dem drei unschuldige Kreaturen zum Opfer gefallen sind und der es auch auf Hunde im Landkreis Kulmbach abgesehen hat? Oder wird der 57-jährige Angeklagte zu Unrecht beschuldigt?

Die Vorgeschichte der Verhandlung am Dienstag, die bis in die späten Abendstunden dauert, ist unstrittig: In Gärtenroth spielt sich vor zwei Jahren ein Tierdrama ab. Die Vorkommnisse beunruhigen die Menschen in dem Dorf, das zu Burgkunstadt gehört, und in den Nachbarorten Schimmendorf und Danndorf (beide Mainleus).


Blau verfärbte Zunge

Im Juli 2014 werden der weiße Schäferhund Rocky (ein Jahr) und Nick, ein Berner-Sennenhund-Mischling (acht Jahre), vergiftet. "Für mich waren die Hunde alles", sagt ihr Herrchen. Bei seiner Aussage vor Gericht kämpft der 50-jährige Maurer, ein gestandenes Mannsbild, mit den Tränen. Frühmorgens habe er Rocky leblos in seiner Hütte gefunden. Er habe sich noch nichts Schlimmes gedacht und das Tier eingegraben. Abends sei auch Nick tot dagelegen - mit auffällig blau verfärbter Zunge. "Das war für mich kein Zufall mehr, und ich habe die Polizei gerufen", so der Zeuge.

Der engagierte Tierschützer, der sich mit dem Würzburger Verein Vox Animalis regelmäßig um ausgesetzte Hunde auf dem Balkan kümmert, holt zwei Hunde aus einer Tötungsstation in Bosnien. Im Oktober nimmt er die Tiere bei sich auf.

Doch die Freude währt nicht lange. Mitte November schlägt der Giftleger wieder zu. Auch Lizzy zeigt Vergiftungserscheinungen. In der Tierklinik Stadtsteinach kann man nichts mehr tun. "Wieder hab' ich einen Hund tot mit nach Hause genommen", sagt der Zeuge.

Doch der Mann ist schon nach dem ersten Vorfall alarmiert gewesen. Viele Nächte sitzt er draußen bei seinen Hunden im Garten und hofft, den Giftleger zu schnappen. Außerdem kontrolliert er regelmäßig sein 16.000 Quadratmeter großes Grundstück. Zunächst findet er einen Giftköder im Hühnerstall: ein mit Benzin getränktes Brotstück. Das Federvieh überlebt.


Leberwurst mit E 605

Den Köder, den Lizzy frisst und verendet, entdeckt der Mann zu spät. Erst am Tag danach fällt ihm ein Stück Leberwurst auf - es ist mit dem verbotenen Pestizid E 605 präpariert, wie das Landeskriminalamt feststellt.

Und jetzt äußert der Geschädigte einen Verdacht: Nachdem er eine fremde Person auf seinem Grundstück gesehen hat, nennt er der Polizei den Namen eines Verwandten aus dem Landkreis Kulmbach. In jener Vollmondnacht habe er die vermummte Gestalt erkannt: am komischen Gang und an der Statur. Dieser Verwandte habe schon vorher mehrmals gedroht, so der Zeuge, seine Tiere vergiften zu wollen. Ein möglicher Hintergrund seien Erbstreitigkeiten, "obwohl ich auf das Erbe von der Oma verzichtet habe", erklärt der Gärtenrother.


Problem: Internet geht nicht

Die Polizei ermittelt gezielt gegen den Verwandten. Ein Lichtenfelser Hauptkommissar gibt an, dass man den Mann acht Wochen lang observiert habe. "Wir wollten wissen, ob er wieder nach Gärtenroth fährt", erklärt der Zeuge. Die Aktion sei aber an technischen Problemen gescheitert: Der am Auto das Verdächtigen angebrachte Peilsender habe keine Daten übermitteln können, so der Polizist, "weil dort das Internet nicht funktioniert".

Die Observierung ist für den Angeklagten völlig neu. "Das wusste ich nicht", sagt er - und bricht in der Verhandlung einmal sein Schweigen. Sonst spricht für ihn nur sein Verteidiger Volker Beermann aus Bayreuth.


Anwesen durchsucht

Trotz des Fehlschlags gibt die Polizei nicht auf und durchsucht das Anwesen des Angeklagten. "Wir haben Riesenmengen von Pflanzenschutzmitteln, Insektiziden, Pestiziden und Rattengift gefunden", sagt der Polizeihauptkommissar. Dazu Einwegspritzen und verdächtige Wurstabschnitte - und eine ganze Flasche mit E 605, die erkennbar in Gebrauch gewesen sei. "Seit wir das E 605 sichergestellt haben, gab es keine Vergiftungen mehr", berichtet der Zeuge. Gerüchte, dass der Giftleger auch für tote Pferde in Schimmendorf und eine verletzte Kuh in Eben bei Gärtenroth verantwortlich sei, hätten sich dagegen nicht bestätigt.

Die Polizei ermittelt weiter, stellt Fragen im Wohnort des Angeklagten und bekommt neue Hinweise. So hat der Jagdpächter ebenfalls ein Wurststück gefunden - wieder ist E 605 beigemengt.

Und es meldet sich ein Zeuge, der im selben Dorf wie der Angeklagte lebt und am Dienstag ebenfalls aussagt. Er habe auf Feldwegen zwei innen deutlich blau gefärbte Wurstabschnitte entdeckt. Einmal habe sein Hund den Giftköder gleich fallenlassen, einmal einen Teil gefressen. Es sei aber weiter nichts passiert, weil der Tierarzt ein Gegenmittel gespritzt habe. Auch hier stellt das LKA fest: zweimal E 605.


Anklage: Wirbeltiere getötet

Staatsanwalt Matthias Schmolke beschuldigt den Angeklagten, drei Wirbeltiere ohne vernünftigen Grund getötet zu haben. Dazu kommt dreimal versuchte Sachbeschädigung. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit unterbricht Richter Stefan Hoffmann die Verhandlung. Sie wird am Montag fortgesetzt.



Pestizid E 605 Das auch als Schwiegermuttergift bekannte Pflanzenschutzmittel E 605 oder Parathion - es wurde für viele Suizide und Morde missbraucht - ist seit 2002 in Deutschland verboten. Die Substanz und ihre Wirksamkeit wurden 1944 vom deutschen Chemiker Gerhard Schrader entdeckt. Die Flüssigkeit wirkt äußerst toxisch gegen Insekten und Warmblüter. Fünf Tausendstel Gramm Gift pro Kilo Körpergewicht sind tödlich. Immer wieder werden auch Vergiftungen von Hunden durch E 605 bekannt (Quelle: Internet).