Er gilt als Klassiker und wird oft als Kultlauf oder "Woodstock der Volksläufe" bezeichnet. Die Rede ist vom GutsMuths-Rennsteiglauf über den Kammweg des Thüringer Waldes, der heuer seine 45. Auflage erfuhr. Ein tolles Phänomen ist die Treue zum Rennsteiglauf, denn kein anderer Lauf in Deutschland zählt so viele "Wiederholungstäter" wie dieser Landschaftscrosslauf.

Einer davon ist der Ludwigschorgaster Michael Kraus (LG Ludwigschorgast), der einen großen Teil der Rennsteiggeschichte miterlebt hat. Er war heuer unter den 16 000 Startern und feierte seine insgesamt 20. Zielankunft. Der 56-jährige Ultraläufer erinnert sich an seine erste Teilnahme:

"Der Rennsteiglauf reizte mich in schon immer, aber als Westdeutscher war die Teilnahme im damaligen Honecker-Staat offiziell nicht möglich. Durch Wirsbergs Bürgermeister Hermann Anselstetter - er startete 1987 auch inoffiziell - , der Kontakte zu Sportsfreunden in der DDR hatte, wurde mir 1988 ein Start ermöglicht.
Doch so einfach war es nicht. Die Sportfreunde aus der DDR, die mir die Startnummer übergeben sollten, kamen nicht zum vereinbarten Treffpunkt "Wartburgkeller". Dem Zufall war es zu verdanken, dass ich den Mittelsmann später in Eisenach getroffen habe. Wir hatten vorher keinen persönlichen Kontakt, und so kam es eben zu diesem Missverständnis: Das Lokal "Wartburgkeller" war nicht auf der Wartburg, sondern eine Kneipe in Eisenach. Woher sollte ich das wissen? Internet und ein soziales Netzwerk gab es damals noch nicht. Außerdem war es ja streng geheim.

Als Westdeutscher war es Pflicht, sich vor Ort beim Volkspolizei-Kreisamt persönlich an- und abzumelden. Mitgereist waren auch meine Frau Silvia und meine Schwiegereltern. Als die DDR-Behörden mitbekamen, dass ich am Rennsteiglauf teilnehme, drohte man mir mit Gefängnis. Ich habe heute noch die resolute Stimme der leicht gereizten Dame - wir sind erst kurz vor Dienstschluss im Kreisamt angekommen - in den Ohren: "Sie können morgen schon mitlaufen, dürfen aber den Bezirk Eisenach nicht verlassen. Ich will Ihnen ja nicht erzählen, was man mit Ihnen alles macht, wenn Sie erwischt werden. Unsere Gefängnisse sind etwas anders als die in der Bundesrepublik..."

In diesem Moment waren wir schon sehr eingeschüchtert. Als wir die Polizeistelle verlassen hatten, meinte meine Schwiegermutter: "Da kannst Du morgen nicht mitlaufen. Denk an Deine Frau und an die Kinder!"


Starten oder nicht?

Die Nacht war kurz, denn um 6 Uhr war schon der Start auf der "Hohen Sonne", eine Waldsiedlung etwa sechs Kilometer südlich von Eisenach. An einen guten Schlaf war überhaupt nicht zu denken. Trotz allem, mein Entschluss stand fest: Ich laufe!

Ich dachte mir, wenn mir auf der Laufstrecke nichts passiert, dass ich mir zum Beispiel ein Bein breche oder ich aus irgendeinen anderen Grund in ein Krankenhaus eingeliefert werde, kann eigentlich nichts schiefgehen. Mich aus etwa 2200 Teilnehmern herauszufischen, wäre schon ein großer Zufall, denn für die Volkspolizei, die die Strecke absicherte, war ich ja anonym. So machte ich mir Mut - ein Restrisiko bleibt immer -, nicht im DDR-Gefängnis zu landen.

Vor dem Start habe ich den DDR-Läufer Frieder Krumsdorf getroffen, der schon mehrmals den langen Kanten von Eisenach nach Schmiedefeld gelaufen war und die Strecke mit all ihren Tücken bestens kannte. Zusammen bewältigten wir die 65 Kilometer in 5:41:20 Stunden und belegten den 108. Platz im Gesamtklassement.


"Ein riesen Erlebnis"

In der Ergebniszeitschrift stand in großen Lettern: "Ein riesiges Erlebnis". Dem ist nichts hinzuzufügen. Es folgten für mich noch weitere interessante 19 Rennsteiglauferlebnisse, aber alle als offizieller Teilnehmer. Zehn Mal bewältigte ich die Königsstrecke von Eisenach bis Schmiedefeld, die zwischen 65 und 76 Kilometer lang war, zehn Mal die Marathonstrecke (42,2 Kilometer bis 45 Kilometer) von Neuhaus am Rennweg nach Schmiedefeld. Insgesamt waren es rund 1150 Kilometer."


Weitere Kulmbacher Läufer am Start

Michael Kraus hat den Rennsteiglauf schon bei den unterschiedlichsten Witterungsbedingungen erlebt: Schneegraupel und Kälte bis hin zu hochsommerlichen Temperaturen. Doch bei seiner 20. Teilnahme in diesem Jahr herrschte optimales Laufwetter.

Kraus startete über 42,2 Kilometer (770 Höhenmeter Anstiegsleistung) und kam nach 3:34:33 Stunden ins Ziel. Dies bedeutete für ihn Rang 13 in der Altersklasse M 55 und 203 im Gesamtklassement unter etwa 2500 Männern.

Seine schnellsten Zeiten lief Michael Kraus im Jahre 1994 auf der damals noch 45 Kilometer langen Strecke in 3:23 Stunden. Für die 76-Kilometer-Strecke (1998) stehen als Bestzeit des Ludwigschorgasters 6:02 Stunden zu Buche.

Bei der 45. Auflage des Rennsteiglaufes waren weitere Athleten aus dem Landkreis Kulmbach am Start. Für den 73-jährigen Kulmbacher Hermann Röder ( LG Ludwigschorgast) war es bereits die 16. Teilnahme auf dem Kammweg des Thüringer Waldes. Seine beste Zeit auf der Supermarathonstrecke liegt bei 7:01 Stunden im Jahre 1995. Heuer bewältigte er den Halbmarathon in 2:34:13 Stunden (3896. Gesamtwertung/ 55. M 70).

Der Mainleuser Thomas Lauterbach (SGB Stadtsteinach), der 2012 eine persönliche Bestzeit im Supermarathon von 6:46 Stunden aufstellte, stand das siebte Mal an der Startlinie. Er lief heuer den Marathon in starken 3:26:27 Stunden und belegte Rang 133 in der Gesamtwertung (26. AK M45).

Noch eine halbe Minute schneller war sein Vereinskollege Rüdiger Bauer (3:25:57), der auf Platz 126 der Gesamtwertung und Rang 13 der Altersklasse M50 kam.

Den Halbmarathon bewältigten Jutta Kratzel (SGB) und Sindy Meier (LG Ludwigschorgast) fast zeitgleich in 1:54:42 Stunden und belegten die Plätze 196 und 197 in der Gesamtwertung. Kratzel wurde 28. der W 45, Meier 22. der W 35.

Ewald Beckstein (2:01:51) von der SGB Stadtsteinach kam als 2215. der Gesamtwertung und 71. der M 60 ins Ziel. M.K.