Es gibt diese eine Szene in der ARD-Dokumentation über Helene Fischer aus dem Jahr 2012, als Dieter Semmelmann einen Kurzauftritt hat. Der großgewachsene Geschäftsmann aus Bayreuth wird dabei nicht als alles beherrschender Konzertveranstalter gezeigt, sondern als geradezu väterlicher Freund der damals 29-Jährigen. Er nennt sie "Chefin" und weiß, was er und was auch die nationale Musik-und Schlagerszene an ihr haben. Die Kooperation wird ein bahnbrechender Erfolg, die folgenden Rekordtouren 2015 und 2017 vereinen jeweils bis zu 1,3 Millionen Menschen glücklich zum Happening, mal unter freier Wolke, mal unterm Hallendach. Es war Dieter Semmelmann, der der semmelblonden Russin zum nationalen Durchbruch verhalf, ihr millionenschwere Tourkonzepte ermöglichte. Das alles scheint nun aber Geschichte.

Es war eher eine Randnotiz, die nach dem Duett der Sängerin mit den Abba-Boys Benny und Björn bei "Wetten, dass...?" in den Netzwerken die Runde machte: Helene Fischer hat angeblich einen Neuen an ihrer Seite - und diesmal war nicht der Lebens-, sondern der Geschäftspartner gemeint. Die Sängerin wird demnach ihre für 2023 angekündigte Tour nicht mehr in die bewährten Hände des Mannes legen, der im "Tanzpalast" in Schwingen, den einst seine Eltern führten, erstmals mit dieser Kunst-Welt in Berührung gekommen war. Die Bildzeitung hatte am Wochenende über das eventuelle Ende der musikalischen Beziehung von Semmelmann und Fischer berichtet. "Wen die Sängerin jetzt abserviert hat" schreibt das Blatt. Dort heißt es, Semmelmann sei enttäuscht und verärgert über das Verhalten seines Zugpferdes. Dann folgt eine offizielle, aber karge Einlassung, die nicht nach Dementi klingt. Darin heißt es: "Helene Fischer hat uns nach 13 Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit darüber informiert, ihr nächstes Tournee-Projekt nicht mit Semmel Concerts Entertainment GmbH umsetzen zu wollen. Wir respektieren die Entscheidung und wünschen der Künstlerin alles Gute."

Auf der Facebook-Seite kein Wort

Auf der Facebookseite der 37-Jährigen wird lediglich der Kartenvorverkauf ab 19. November angekündigt. "Tourneen waren schon immer Meilensteine in meiner Karriere, deshalb wollen wir gemeinsam mit dem Cirque du Soleil echtes Neuland betreten und euch ein Erlebnis bieten, dass es so vorher noch nicht gab. Wir wollen überwältigende Momente voller Emotionen und Welten schaffen und unsere unbändige Freude, endlich wieder live auf der Bühne zu stehen, mit euch teilen!" Kein Wort über den Wechsel des Veranstalters.

Gut unterrichtete Kreise berichten, dass der gebürtigen Russin demnach künftig die Agentur von Marek Lieberberg die Bühne bereiten wird. Der 75-Jährige hatte einst die von ihm gegründete Marek Lieberberg Konzertagentur (MLK) geführt und Showgrößen wie Aerosmith, Bon Jovi, Depeche Mode, Guns N' Roses, Metallica, Bruce Springsteen, Bryan Adams, Dire Straits und viele andere unter Vertrag. Eines seiner bekanntesten Projekte in Deutschland ist das Festival "Rock am Ring". Im August 2015 wurde bekannt, dass Lieberberg gemeinsam mit seinem Sohn André zu "Live Nation Concerts" mit Sitz in den USA wechselt und einer der Geschäftsführer für Deutschland sein wird. Die Ausrichtung sollte fortan internationaler sein und Künstlern hier im Land, aber auch über dem großen Teich Auftrittsmöglichkeiten verschaffen. Dass Helene Fischer sich aufgrund ihrer überragenden Popularität Chancen auf internationalem Parkett ausrechnet, könnte ein Grund für den Wechsel gewesen sein.

Eine offizielle Einlassung von Semmel Concerts gibt es dazu nicht. Presseanfragen blieben bis gestern unbeantwortet. Und auch aus dem Umfeld von Marek Lieberberg gibt es keine Stellungnahme.

Für den Bayreuther Veranstalter dürfte der Verlust schwer wiegen. 2007 kamen Semmelmann und die Sängerin zusammen. Es war der Beginn einer exorbitant erfolgreichen Kooperation, Tourneen wie "Farbenspiel" hievten die Künstlerin mit ihrer Band in für deutsche Verhältnisse ungeahnte Höhen, was den technischen wie den künstlerischen Aufwand angeht. Semmelmann ermöglichte seinem Star Choreografien mit Profi-Tänzern aus Übersee, eigene Bühnen wurden erdacht und gebaut, die Produktionen verschlangen Millionen Euro.

James Last öffnete Türen

Der Jahresumsatz von Semmel Concerts wird mit rund 160 Millionen Euro angegeben. Jährlich verantwortet das Unternehmen mit seinen rund 150 Mitarbeitenden etwa 1500 Veranstaltungen. Einer der renommiertesten Künstler ist Roland Kaiser. Der Sänger, mittlerweile ein enger Freund des Bayreuther Unternehmers, sagt über Dieter Semmelmann: "Du bist ein Mensch, der auch mutterseelenallein mehrheitsfähig ist und bei dem ein Handschlag mehr bedeutet als ein leeres Versprechen." Derzeit läuft die Tour des 69-Jährigen - wenn auch unter schwierigen Corona-Bedingungen.

1996 war Semmelmann sein nach eigenen Angaben größtes Wagnis eingegangen: Er hatte einem der wichtigsten Bandleader aller Zeiten, James Last, zu einem sagenhaften Comeback verholfen. Die Zusammenarbeit mit James "Hansi" Last öffnete zugleich die großen Showbiz-Türen für den studierten Betriebswirt Semmelmann, der selber nie ein Instrument gespielt hat. "Das muss ich nicht, ich agiere gerne lieber im Hintergrund und schaue, dass es den Künstlern organisatorisch an nix fehlt."

Anfänge im "Tanzpalast"

Live-Mucke erlebte Semmelmann, wie erwähnt, schon in jungen Jahren in Schwingen. "Meine Eltern führten dort den ,Tanzpalast', das war sozusagen meine berufliche Prägung. Ich war zehn, als ich mit dieser Art von Business in Berührung kam, damals natürlich auf noch etwas überschaubarerem Niveau als heute." Bis eben besagter James Last kam. Damit legte Semmelmann zugleich den Grundstein für eine erfolgreiche Firmenentwicklung seines Unternehmens, das er vor 30 Jahren gründete. Neben der Zentrale in Bayreuth gibt es Niederlassungen in Berlin, Hamburg, Leipzig, München, Köln und Mannheim. Semmel Concerts gehört zu den drei größten Veranstaltern in Deutschland. Zu den Veranstaltungen kommen jährlich bis zu fünf Millionen Zuschauer.