Es ist herbe Kritik, die im Zuge des Aufsichtsverfahrens gegen die Kulmbacher Awo laut geworden ist. Im Bericht, den Wirtschaftsprüfer (wie berichtet) in dem gegen den Kreisverband eingeleiteten Verfahren erstellt haben. Ins Visier genommen hatten die Prüfer im Auftrag des Bundesvorstands allen voran auch die Rolle von Kreisvorsitzender Inge Aures, der im Vorfeld Vetternwirtschaft vorgeworfen worden war, weil immer wieder Aufträge an das Architekturbüro ihres Ehemannes gegangen sind.

Ein "falsches Spiel"

Ist es mit der "Rüge", die Bundesvorsitzender Wolfgang Stadler bei der Sitzung in Kulmbach dem Kreisverband erteilt hat, getan? Mit der Forderung, künftig mehr Transparenz walten zu lassen, keine Aufträge mehr an das Büro Drenske zu vergeben? Nein, sagen Kritiker, die vom "System Aures" sprechen, in dem Klüngelei und Selbstbereicherung eine bedeutende Rolle einnähmen.

Einer, der das "System Aures" entlarven will, ist Wolfgang Hoderlein. Der frühere SPD-Landtagsabgeordnete war viele Jahre bei der Awo, bis 2010 stellvertretender Kreisvorsitzender. Als Aures 2010 zur Vertreterin des Kreisvorsitzenden Oskar Schmidt gewählt worden war, rückte Hoderlein als Beisitzer ins zweite Glied. Er stellte sich 2014 nicht mehr zur Wahl, weil er einem falschen Spiel auf die Schliche gekommen sei, wie er betont. Schon 2012/13 sei von Aures und Schmidt ein Projekt vorangetrieben worden, das mit dem Aufgabenspektrum der Awo nichts zu tun gehabt habe.

Das Mainleuser Projekt

Hoderlein, der nicht verhehlt, dass auch in seiner Zeit als Kreisvorsitzender einige Projekte an das Büro Drenske gegangen sind ("Da hatte Aures mit der Awo aber noch nichts am Hut"), spricht die Sanierung des Mainleuser Ensembles Hornschuchshausen an, bei dem die Awo seinen Worten zufolge zunächst Bauträger und späterer Betriebsträger sein sollte. "Ich war massiv dagegen, weil in den Statuten nirgends zu lesen ist, dass sich die Awo um den Kauf und die Sanierung denkmalgeschützter Gebäude zum Zweck der Errichtung von Sozialwohnungen zu kümmern hat." Anfangs sei von Kosten in Höhe von 7,3 Millionen Euro die Rede gewesen. "Mir war klar, dass 7 Millionen nie reichen. Aber man war damals im Kreisvorstand nicht willens oder nicht in der Lage, das zu erkennen." Bauträger ist heute nicht die Awo, sondern die Gemeinde. Die Bausumme sei in die Höhe geschossen, so Hoderlein. Nicht zum Schaden von Aures: "Das Büro Drenske hat ja den lukrativen Auftrag bekommen."

Hoderlein: Schuldeingeständnis?

Nach dem Aufsichtsverfahren gegen die Awo hatte der Bundesvorstand erklärt, dass keine Aufträge mehr an das Büro ihres Mannes vergeben werden, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Der Bezirksverband, dessen stellvertretende Vorsitzende Aures ist, hatte in der Folge festgestellt, dass das Büro seit 2016 keine Aufträge mehr erhalten habe. "War das ein Schuldeingeständnis?", fragt Hoderlein, der feststellt, dass die Awo seit 2016 keine großen Bauvorhaben mehr gestartet hat.

Die letzte große Maßnahme war der Umbau des Pflegeheims Am Rasen. Auch da wurde, so Hoderlein, geschickt agiert, um nicht den Anschein zu erwecken, Aures würde ihren Mann mit Aufträgen eindecken. In einer Sitzung im September 2014, die letztmals der scheidende Kreisvorsitzende Oskar Schmidt geleitet habe, seien die Weichen gestellt worden. Vier Wochen später sei Aures Vorsitzende gewesen. "Ein komischer Zufall", so Hoderlein, der mitteilt, dass der Vorschlag, Drenske zu beauftragen, von Schmidt gekommen sei. "Aures hat bei der Abstimmung den Raum verlassen und so offiziell an der Vergabe nicht teilgenommen." Es sei ein abgekartetes Spiel gewesen.

"Vorstand hat keine Grenzen gesetzt"

Hoderlein spricht von einer Klüngelei, der der erweiterte Vorstand keine Grenzen gesetzt habe. Aures und Schmidt hätten eine "Gesellschaft auf gegenseitige Nutzung des Wirtstiers Awo" gebildet. So habe Aures 2014 vorgeschlagen, Schmidt zum Ehrenkreisvorsitzenden zu ernennen und ihm die Aufgabe des Bauherrenvorstands zu übertragen. Schmidt mit der Überwachung des Umbaus am Rasen zu beauftragen, sei eine Farce. "Dieser war Rentner, hätte von der Awo keinen Cent mehr erhalten dürfen." Es sei Aures darum gegangen, ihn mit kontinuierlichen Zahlungen weiter zu bedienen.

Oskar Schmidt habe aber nicht für seine Bauüberwachung Geld bekommen. Nach seinem Ausscheiden als Geschäftsführer habe er als ehrenamtlicher Vorsitzender noch über Jahre eine Entschädigung erhalten. "Was ich dem Grund nach für richtig halte. Aber Zahlungen an Schmidt hätten mit dem 18. Oktober 2014 ihr Ende haben müssen, als Aures den Vorsitz übernommen hat." Schmidt soll für seine Tätigkeiten bis 2017 insgesamt eine stattliche sechsstellige Summe erhalten haben (Anmerkung der Redaktion).

Gemeinnützigkeit in Gefahr

Hoderlein vermutet, dass auch durch die Bezahlung von Schmidt der Awo wirtschaftlicher Schaden zugefügt worden ist. Sollte vom Finanzamt festgestellt werden, dass das Vermögen unrechtmäßig geschmälert worden ist, müsse man befürchten, dass der Arbeiterwohlfahrt der Status der Gemeinnützigkeit aberkannt wird.

"Befreit von jeglicher Zivilcourage"

Auch den Kreisvorstand nimmt Hoderlein ins Visier. Dessen Mitglieder nähmen seit vielen Jahren ihre Kontrollfunktion nicht wahr, agierten "befreit von jeglicher Zivilcourage". Und so befürchtet er, dass die im Aufsichtsverfahren geäußerte Kritik keine großen Auswirkungen auf das künftige Vorgehen haben wird. "Der Bundesvorstand hat die Bereitschaft innerhalb der Kulmbacher Awo, etwas zu ändern, überschätzt."

Petzoldt spricht von "Aures-Hörigkeit"

Stellvertretender Kreisvorsitzender Rudolf Müller hatte 2019 die Reißleine gezogen und seinen Rücktritt erklärt. Ein Grund, so hat er im März gegenüber unsere Zeitung erklärt, sei die Befürchtung gewesen, dass durch die Vergabe von Aufträgen an Drenske möglicherweise gegen die Antikorruptionsregeln verstoßen worden ist. "Ja, ich gebe zu, dass ich Probleme auf mich und meine Tätigkeit zukommen sah", sagte Müller. Probleme, die auch das Noch-Vorstandsmitglied Udo Petzoldt sieht, der bedauert, dass die Mehrheit seiner Vorstandskollegen ("Obwohl sie sicher mit Herzen für Awo sind") nicht erkennt, "in welches gefährliches Fahrwasser sich der Kreisverband begeben hat". Petzold spricht von einer "Aures-Hörigkeit", in der kaum einer zu einem objektiven Urteil fähig sei.

Auch Vorstand übt Kritik

Wie Hoderlein sieht er die Gefahr, dass durch die Bezahlung der ehrenamtlichen Tätigkeit von Oskar Schmidt die Awo den Status der Gemeinnützigkeit verlieren könnte. Petzoldt wird, wie er mitteilt, Widerspruch gegen das Prüfverfahren einlegen, "weil dieses auf falscher Basis entstanden ist". Aures habe wichtige Unterlagen zurückgehalten, die Grundlage für eine objektive Beurteilung gewesen wären. Er meint den Fragenkatalog, den die Prüfer vorab zugestellt und den die Vorstandsmitglieder nicht erhalten hätten. So wisse man auch nicht, welche Unterlagen Aures den Prüfern zur Prüfung zur Verfügung gestellt habe. Petzoldts Schlussfolgerung: "Aures hat sich damit zur Richterin der gegen sie gerichteten Anklage gemacht." Hierzu auch ein Kommentar von Jochen Nützel Wischi-Waschi-Mahnung nutzt gar nichts Die Diskussion um die Arbeiterwohlfahrt ist beileibe nicht lokal auf Kulmbach begrenzt. Sogenannte Skandale in Frankfurt oder Wiesbaden haben die Bevölkerung aber endlich aufgeschreckt. Dort haben sich Wenige die Taschen voll gemacht auf Kosten des gesamten Konstrukts und der Gutgläubigkeit der ehrenamtlichen Mitglieder.

Wenn jetzt in Kulmbach die Kreisvorsitzende Inge Aures wegen der Vergabe von Architekturleistungen an das Büro ihres Mannes sowie die Weiterbeschäftigung eines ehemaligen Kreisvorsitzenden für eine durchaus stattliche Summe in der Kritik steht, mag das gefühlt berechtigt sein. Und trotzdem gilt die Kernfrage: Ist das a) verwerflich und b) im Sinne des Awo-Ehrenkodex' justiziabel? Es gibt kein "Sowohl als auch".

Wenn der Awo-Bundesverband jetzt eine Wischi-Waschi-Mahnung absondert nach dem Motto:"Dudu, liebe Inge, das war aber nicht schön, das machst fei nimmer", hat dies das Niveau von Sandkasten-Rabulistik. Entweder hat Inge Aures mit ihrem Vorgehen gegen (interne) Richtlinien verstoßen - dann muss das persönliche Konsequenzen haben. Oder aber sie hat es nicht, dann sollte sich der Bundesverband auch nicht zu fein sein und das benennen, statt nebulös von "bitte künftig mehr Transparenz" zu faseln. Wenn ein solches Bundesgremium als zahnloser Papiertiger daherkommt, sollte man schleunigst seine Daseinsberechtigung prüfen. Man könnte sonst böswillig mutmaßen, auch diese Ebene ist nichts weiter als eine reine Postenbesorgungsmaschinerie.

Wenn es Anti-Korruptions-Regeln gibt, die offenbar nach Belieben interpretiert oder verändert werden können, sind sie schlicht das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Und wenn Mitglieder eines (erweiterten) Vorstands das System mittragen - sei es aus Unwissenheit oder, schlimmer, Feigheit vor Konfrontation -, macht es das in keiner Weise besser. Aber es ist dann eben so, mit allen Konsequenzen für das Gesamtgebilde. Nur: Rausreden allein hilft nicht weiter, jeder sollte sein Verhalten ernsthaft hinterfragen. Wer sich die Causa Awo auf vielen Ebenen ansieht, muss konstatieren: Ein Kreisverband mit Hunderten von Angestellten und Millionen-Umsatz lässt sich nicht länger als Verein führen. Punkt. Auf diesen Trichter sind einige andere Kreise bereits gekommen und passen sich an.

Zugegeben: Nicht jede andere Rechtsform, in der etwa ein Aufsichtsrat verpflichtend vorgeschrieben ist, ist gefeit vor Missbrauch; die Beispiele diverser Landesbanken sollten noch unschön in Erinnerung sein. Und trotzdem wäre eine solche Kontrollinstanz zwingend nötig, das bei vielen auf den Hund gekommene Vertrauen in einen so wichtigen Sozialverband nicht voll gegen die Wand zu fahren.