Der Vorfall liegt schon lange zurück. Am 30. August 2013 soll der Angeklagte seine Freundin, die damals 18 Jahre alt war, in seiner Wohnung zum Oralsex gezwungen und dabei körperliche Gewalt angewendet haben. Er habe sie aufs Bett geworfen, sich auf ihre Arme gekniet und ihr seinen Penis in den Mund geschoben, sagte die junge Frau, die bei der Schilderung vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Kulmbach in Tränen ausbrach. Sie habe sich gewehrt und versucht, den Kopf wegzudrehen, doch ihr damaliger Freund habe ihr mit der Hand gewaltsam den Mund geöffnet, so ihre Darstellung.

Diese Vorwürfe wies der Angeklagte von sich: "Das ist nicht passiert. Sowas mache ich nicht. Das ist unmenschlich."

Im Verlauf der Befragung versuchten Vorsitzende Richterin Nicole Allstadt und Staatsanwalt Matthias Eichelsdörfer die Wahrheit zu ergründen.
Das gestaltete sich als schwierig, denn die Aussagen der Beteiligten und weiterer Zeugen waren ungenau oder widersprüchlich.


Er wollte Sex, sie nicht


Ende April hatten sich die beiden kennengelernt und wurden in den folgenden Wochen ein Paar. Küssen und streicheln gehörte für die junge Frau aus dem Landkreis dazu, "aber für mehr war ich noch nicht bereit". Ihr Freund wollte gerne mehr und sprach dies auch öfter an. "Ich habe mir das schon gewünscht, aber sie brauchte mehr Zeit, und die wollte ich ihr auch geben und keinen Druck auf sie ausüben."

Erschwert wurde die Beurteilung des Sachverhalts für das Gericht dadurch, dass die junge Frau die angebliche Vergewaltigung erst vier Wochen später nach einem heftigen Streit mit gegenseitigen Schlägen bei der Polizei anzeigte und sich in der Zwischenzeit wieder mit ihrem Freund versöhnt und Geschenke von ihm angenommen hatte. Zweifel ergaben sich weiterhin aus der Auswertung der Handy-Kommunikation per SMS und WhatsApp: Nachdem er einige Wochen nach dem Vorfall nicht zu ihrem Geburtstag gekommen war, schrieb sie ihm, dies sei das Schlimmste, was er ihr je angetan habe. "Schlimmer als die angezeigte Vergewaltigung?" fragte Rechtsanwalt Frank Stübinger nach, der den Angeklagten verteidigte. "Ich war wütend", so die Reaktion.

Ein wenig Licht in die komplizierte Beziehung brachte eine Cousine des angeblichen Opfers, die sie zur Polizei begleitet hatte. "Das Verhältnis war ziemlich kindisch. Sie haben wegen jeder Kleinigkeit gestritten." Allerdings ist sie keine neutrale Beobachterin: Sie hatte eine sexuelle Beziehung mit dem Angeklagten, während dieser mit ihrer Cousine zusammen war.


"Ein anderes Verhalten erwartet"


Wie glaubwürdig ist die Aussage der 21-Jährigen hinsichtlich der Vergewaltigung? Das zu untersuchen, war die Aufgabe von Diplom-Psychologin Gabriele Drexler-Meyer aus Nürnberg. Die Persönlichkeit der jungen Frau sei von einer überdurchschnittlichen Emotionalität geprägt. Sie habe Erfahrungen mit Dominanz, Wut und Angst sowie Schwierigkeiten mit der Impuls- und Affektkontrolle. Die Angaben zur ihrem Sexualleben seien teilweise nicht stimmig, ebenso ihr Verhalten nach der angeblichen Vergewaltigung. Sie habe von der Tat keine Details angegeben, nichts über ihren emotionalen Zustand oder Ekelgefühle danach erzählt. Ganz im Gegenteil sei sie unmittelbar danach zu einer Tanzparty gegangen, habe sich am nächsten Tag wieder mit ihrem Freund getroffen. Sie wirke relativ unbelastet. "Bei ihrer sonst so impulsiven, leicht erregbaren Art, würde ich nach einem so traumatischen Erlebnis ein anderes Verhalten erwarten."

Hat sich der Vorfall so zugetragen, wie von der 21-Jährigen geschildert? Das könne er anhand der Beweisaufnahme nicht mit Sicherheit sagen, so Staatsanwalt Matthias Eichelsdörfer. Im Zweifelsfall habe der Angeklagte als unschuldig zu gelten. Deshalb beantragte er einen Freispruch. Dieser Auffassung schloss sich Verteidiger Stübinger an: "Wir haben nicht viel gehört, was die Glaubwürdigkeit der Zeugin gefördert hätte."

Als Nebenklage-Vertreter forderte Rechtsanwalt Walter Brandl eine Verurteilung im Sinne der Anklage, wobei die Höhe der Strafe zweitrangig sei. Zwar gebe es Ungereimtheiten, aber die Grundaussage seiner Mandantin halte er für glaubwürdig.

Das Schöffengericht folgte in seinem Urteil dem Antrag von Staatsanwalt und Verteidigung. "Ein Ereignis dieser Tragweite erscheint im Kontext unwahrscheinlich", so Richterin Allstadt. Die Kosten des Verfahrens und die Auslagen des Angeklagten trägt die Staatskasse.