Im Gewusel lässt sich als Außenstehender leicht der Überblick verlieren. Kabelsalat am Boden, Reste von Trockenbauwänden, dazwischen Ziegelsteine, Verbindungsstücke für Rohrleitungen, Akkuschrauber und Mörteleimer. Das Kratzen von Maurerkellen dringt aus verschiedenen Ecken, aus einem Baustellenradio dröhnt Lady Gagas "Pokerface", hallt wider von nackten Wänden und Decken, aus denen Anschlüsse baumeln. Kaum zu glauben, aber in diesem Konglomerat aus Halbfertigem soll im nächsten Sommer universitärer Betrieb stattfinden.

Die Mammutaufgabe, in der alten Spinnerei die 7. Fakultät für Lebensmittelwissenschaften der Uni Bayreuth einzurichten, fordert alle: das Team um Gründungsdekan Stephan Clemens ebenso wie Architekt Stefan Eckl und Tiefbauamtsleiter Bernd Ohnemüller. Die beiden Letzteren haben derzeit eine eher undankbare Aufgabe: die Mangelverwaltung. "Eigentlich sollte die Decke schon geschlossen sein", sagt Stefan Eckl und deutet aufwärts. Hier, in einem der geplanten neuen Seminarräume, klafft oben ein Loch. "Wir warten händeringend auf Dämmmaterial. Das sollte eigentlich schon vergangene Woche kommen - jetzt heißt es: in 14 Tagen, vermutlich. Zum Glück sind unsere Handwerker findig und haben alternative Lösungen parat."

Weithin sichtbare Fortschritte kann Bernd Ohnemüller an der Außenfassade verkünden. Dort wuchtet sich der Fluchtreppen-Turm in die Höhe. Einige der Pressevertreter, die gestern zum Rundgang durch das Areal geladen sind, wundern sich über den Rost auf dem neu angebrachten Metall. Kann das sein - jetzt schon? Alles gewollt, sagt Ohnemüller, denn die Optik des Neuen soll sich später dem Industriedenkmal anpassen, das 1863 als "Mechanische Baumwollen-Spinnerei Kulmbach" aus der Taufe gehoben wurde.

Hörsaal im Turbinenhaus?

Höchst modern soll es dagegen im Inneren zugehen, wie Nicole Kaiser erläutert. Sie ist Deutschlands jüngste Uni-Kanzlerin und weiß, dass es bis zur Freigabe der Spinnerei noch ein weiter Weg ist. "Daher hoffen wir, dass wir als Ausweichquartiere wieder den Konferenzraum der Stadthalle zu unserer Verfügung haben können." Ein weiterer Standort für die derzeit etwa 150 eingeschriebenen Studierenden ist die Kulmbacher Volkshochschule. Dritter Anlaufpunkt: das Kino. "Das ist aber suboptimal für einen geordneten Lehrbetrieb", wirft Professor Clemens ein.

Insofern werde über weitere Räume beraten. Auf dem Gelände der Firma Raps fänden bereits einzelne Lehrveranstaltungen statt. Für vier bis fünf Seminarräume, je nach Aufteilung, biete das Industriegebäude Platz. "Eigentlich bräuchten wir sechs, wenn wir, wie geplant, im nächsten Wintersemester bis zu 250 Studierende hier haben wollen." Als Hörsaal eignete sich womöglich das frühere Turbinenhaus.

Während im ersten Obergeschoss künftig unter anderem die Mensa ihren Platz finden soll (bisher werden die Studierenden im BRK versorgt), biete das zweite Geschoss Platz für die Bibliothek und Computersäle. "Das ist extrem wichtig für einen digital vernetzten und interdisziplinär ausgerichteten Studiengang wie dem unseren", so Clemens.

Im Fritz-Gebäude muss man sich bis in den siebten Stock bemühen, um die universitären Büros und Labore zu bestaunen - dafür wird man mit einem tollen Blick über Kulmbachs Zentrum belohnt. Das Umfeld wie auch der Forschungsgegenstand scheinen in der Branche positiv anzukommen. Das belegen die geplanten Besetzungen weiterer Professorenstellen. Laut Clemens stehen die Chancen gut, eine renommierte Genetikerin des Helmholtz-Instituts München sowie einen Forscher des King's College aus London nach Kulmbach zu locken.