Unbeschwert feiern gehen, ins Restaurant ohne Corona-Impfnachweis, verreisen, ohne ellenlange Formblätter auszufüllen - die Menschen sehnen ein Ende der Corona-Pandemie herbei. Doch noch ist sie nicht vorbei. Die Infektionszahlen mit dem Omikron-Typ BA.2 liegen auf Rekordniveau. Trotzdem hat die Politik Lockerungen beschlossen, die teilweise schon greifen. Die Situation bleibt ernst, solange die Impfquoten stagnieren, sagt Professor Birgitta Wöhrl, die an der Universität Bayreuth das Fach Molekulare Virologie lehrt. Im Interview mit der Bayerischen Rundschau erklärt sie, welche Impfstoffe inzwischen auf dem Markt sind, wie sie wirken und wie verträglich sie sind. Und warum ein neues Medikament Hoffnung macht.

Welche Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 sind aktuell in Deutschland zugelassen?

Prof. Birgitta Wöhrl: Mit dem neu zugelassenen Impfstoff Nuvaxovid der Firma Novavax gibt es in Deutschland fünf Impfstoffe gegen Covid-19. Es gibt noch die mRNA-Impfstoffe Comirnaty von Biontech und Spikevax von Moderna sowie die Vektorimpfstoffe Vaxzervia von AstraZeneca und das Covid-19 Vaccine Janssen von Johnson & Johnson. Der Impfstoff von AstraZeneca wird allerdings in Deutschland zurzeit nicht mehr eingesetzt.

Worin unterscheiden sich die Impfstoffe?

Alle führen dazu, dass das Immunsystem des Körpers Abwehrstoffe, Antikörper und T-Zellen, gegen das sogenannte Spike-Protein des SARS-CoV-2 Virus bildet. Bei den Vektor- und mRNA-Impfstoffen wird die genetische Information, also die Bauanleitung für die Herstellung des Spike-Proteins, verimpft. Der Körper muss das Spike-Protein selbst herstellen. Für den Impfstoff von Novavax wird das Spikeprotein selbst verwendet, welches aus Zellkulturen gereinigt wird. Zusätzlich enthält der Impfstoff noch einen Wirkverstärker.

Sind alle gleich wirksam?

Die mRNA-Impfstoffe, der Vektorimpfstoff von AstraZeneca sowie der neu zugelassene Impfstoff Nuvaxovid haben eine sehr hohe Wirksamkeit. Das bedeutet, das Risiko schwer an Covid-19 zu erkranken, wird bei vollständig geimpften Personen um rund 90 Prozent verringert. Die Wirksamkeit des Impfstoffs von Johnson & Johnson lag bei ca 65 Prozent. Bei Nuvaxovid muss man einschränkend sagen, dass die Wirksamkeits-Studien für die Zulassung zu einer Zeit gemacht wurden, als die Alpha-Variante des Coronavirus vorherrschend war. Wie gut der Impfstoff gegen die Omikron-Variante wirkt, kann erst verlässlich bestimmt werden, wenn mehr Personen geimpft sind. Insgesamt kann man sagen, dass alle Impfstoffe gegen Omikron schlechter wirken, deshalb ist eine vollständige Impfung, also Grundimpfung plus Auffrischung besonders wichtig.

Ist Novavax besser verträglich als die Impfstoffe von Biontech oder Moderna?

An den klinischen Studien, die mit Nuvaxovid gemacht wurden, waren ca. 40.000 Personen beteiligt. Der Impfstoff war bis auf die bekannten Impfreaktionen, wie Schmerzen an der Einstichstelle, Muskel- Gelenk- und Kopfschmerzen, sehr gut verträglich. Menschen, die auf einen der mRNA Impfstoffe allergisch reagiert haben, können mit Nuvaxovid geimpft werden, da dessen Zusammensetzung völlig anders ist.

Machen wir uns insgesamt zu viele Sorgen um Nebenwirkungen der Impfung?

Ich denke schon. Die Gefahr durch eine SARS-CoV-2 Infektion schwer und langanhaltend zu erkranken, ist wesentlich höher als durch die Impfung. Bei den mRNA-Impfstoffen traten zum Beispiel als sehr seltene Nebenwirkungen Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen auf. Dabei beachten viele Menschen nicht, dass diese Entzündungen bei einer Coronainfektion viel häufiger auftreten können. Es sterben in Deutschland immer noch etwa 200 Menschen pro Tag an Covid-19. Das ist so, als ob jeden Tag ein voll besetztes Flugzeug über Deutschland abstürzen würde - nur nicht so spektakulär, sondern die Patienten sterben auf den Intensivstationen.

Der Novavax-Impfstoff soll Unentschlossenen Anreiz zur Impfung geben. Doch entgegen aller Erwartungen entpuppt sich der von Impfskeptikern erst vehement geforderte Totimpfstoff bislang als Ladenhüter. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ich bin darüber auch etwas verwundert, da Nuvaxovid ähnlich hergestellt wird, wie die bereits seit längerem verwendeten Impfstoffe gegen Hepatitis B, Influenza oder Gebärmutterhalskrebs. Offenbar sind die meisten Nicht-Geimpften keine Impfskeptiker, die Angst vor den neuartigen Impfstoffen haben, sondern kategorische Impfgegner.

Welche Folgen hat eine geringe Impfquote?

Ich halte es für problematisch, dass rund 25 Prozent der Menschen in Deutschland immer noch nicht geimpft sind. Da das Virus nicht mehr aus unserem Leben verschwinden wird, wäre eine Erhöhung der Impfquote dringend notwendig. Sonst werden wir im Herbst wieder Einschränkungen in Kauf nehmen müssen.

Für die Corona-Therapie befindet sich ein Medikament auf dem Markt. Wie wirkt es?

Das Medikament besteht aus zwei Wirkstoffen: Nirmatrelvir hemmt ein wichtiges Virusprotein. Ritonavir verlangsamt den Abbau von Nirmatrelvir in der Leber und verlängert dessen Wirkung. Dadurch kann die Virusvermehrung effektiv gestoppt werden. Paxlovid ist für Erwachsene vorgesehen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Das Medikament verringert das Risiko von Krankenhauseinweisungen und Todesfällen bei Covid-19 Patienten um 89 Prozent. Allerdings muss es frühzeitig, spätestens fünf Tage nach Beginn der Symptome, eingenommen werden, um wirksam zu sein. Eine Behandlung von leichten Verläufen ist deswegen nicht empfohlen.

Ist Paxlovid gut verträglich?

Eine abschließende Nebenwirkungsbeurteilung ist noch nicht möglich. Typisch sind Geschmacksstörungen, Durchfall, Kopfschmerzen und Erbrechen. Da aber durch den Ritonavir-Anteil des Medikaments wichtige Abbauprozesse in der Leber gehemmt werden, können Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten. Paxlovid darf auch nicht bei schweren Leber- und Nierenstörungen eingenommen werden.

Doppelt geimpft, geboostert und trotzdem krank. Das erleben viele Menschen und fragen sich: Nutzt die Impfung überhaupt?

Uneingeschränkt Ja! Wichtig ist doch nicht, dass man vor einem leichten Schnupfen geschützt wird, sondern davor schwer zu erkranken und oder gar zu sterben. Und das leistet die Impfung auf jeden Fall.

Das Interview führte Dagmar Besand.