Es hört sich im ersten Moment unwirklich an: In Kulmbach wird mit Hilfe der Familie Tönnies, deren Name in Deutschland zuvorderst mit Fleischskandalen in Verbindung gebracht wird, ein Pilotprojekt gestartet, um das Leid der Schweine bei der Schlachtung zu mindern. Beim genaueren Hinsehen wird jedoch deutlich: Es handelt sich nicht um Schlachtmogul Clemens Tönnies, der nicht nur von Tierschützern an den Pranger gestellt wird, sondern um die Familie seines Neffen Robert, die über eine Stiftung ein Kooperationsprojekt mit der Stadt Kulmbach eingegangen ist.

Gegen die Schlachtindustrie

Robert Tönnies ist Mitgesellschafter des Fleischkonzerns in Rheda-Wiedenbrück. Wie die "Wirtschaftswoche" berichtet, arbeitet er seit einem Jahr zusammen mit dem Kulmbacher Professor Klaus Tröger, der früher am Max-Rubner-Institut tätig war, an einer Alternative zur CO 2 -Betäubung, an der schonenderen Variante mit dem Edelgas Helium. Robert Tönnies stellt sich damit quasi gegen die Schlachtindustrie, die bis dato vor allem auch aus Kostengründen an der üblichen Schlachtung mit Kohlendioxid festhält.

Kritik nach "Monitor"-Beitrag

Aufnahmen, die die Tierschutzorganisation "Soko Tierschutz" veröffentlich hat und die im ARD-Magazin "Report Mainz" zu sehen waren, hatten zuletzt den quälenden Todeskampf der Tiere im Kulmbacher Schlachthof gezeigt, wo sie bis dato mit CO 2 betäubt werden.

Von einem Glücksfall, der zur Zusammenarbeit mit der Bernd-Tönnies-Stiftung geführt hat, die nach Robert Tönnies Vater benannt ist, spricht Kulmbachs Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD). "Die Stiftung hat von den Forschungen Professor Trögers im Bereich der Helium-Betäubung erfahren und daraufhin Kontakt mit ihm aufgenommen", teilt Lehmann mit. Die Stiftung sei dann auf die Stadt zugekommen und habe die Bereitschaft signalisiert, die Kosten für die Entwicklung einer entsprechenden Anlage zu übernehmen. Der Kooperationsvertrag sei bereits im September 2020 unterzeichnet worden.

OB: Seit Oktober 2020

Mit Blick auf die Kritik, die nach den Fernsehberichten aufgekommen war, sagt Lehmann: "Dies verdeutlicht, dass die Entwicklung einer neuen Betäubungsmethode nicht erst mit den Vorfällen der vergangenen Wochen und der damit verbundenen Berichterstattung aufkam, sondern dass bereits im vergangenen Jahr die Grundlagen hierfür geschaffen wurden." Seit Oktober 2020 seien Prototypen für eine Helium-Betäubungsanlage entwickelt worden. Die finale Variante wird laut Lehmann derzeit in Holland produziert. Bereits im Oktober 2021 soll die Anlage in Betrieb genommen werden.

Das will die Stadt

Wie die "Wirtschaftswoche" berichtet, wird das Pilotprojekt in Kulmbach von der Stiftung, in der Robert Tönnies als Vorsitzender des Kuratoriums fungiert und seine Frau die Geschäfte führt, mit einem Millionensumme unterstützt. Robert Tönnies stellt sich damit gegen die gesamte deutsche Schlachtindustrie, die Veränderungen in der Betäubungsmethode ablehnt. Die will aber die Stadt Kulmbach. "Das langfristige Ziel der Zusammenarbeit mit der Stiftung ist es, die Erfahrungen, Schutzrechte und Patente im Anschluss auch anderen Schlachtbetrieben zur Verfügung zu stellen, um eine nachhaltige Verbesserung im Bereich der Tierbetäubung erreichen zu können", teilt OB Ingo Lehmann mit.

Professor Tröger ist der Initiator

Dass mit Helium eine wesentlich schonendere, für die Tiere stressfreiere Variante der Betäubung möglich ist, versichert Professor Klaus Tröger im Gespräch mit unserer Zeitung. Wie er mitteilt, ist Robert Tönnies auf ihn zugekommen, nachdem ein Video im SWR ausgestrahlt worden war, in dem ein Versuch der Betäubung mit Helium im Kulmbacher Schlachthof gezeigt worden sei. Tröger freut sich, dass das Projekt mit den Stiftungsgeldern nun vorangetrieben werden kann. Er hofft, dass im Herbst die Testphase an der Pilotanlage startet, in der Erfahrungen gesammelt würden und wohl auch nachjustiert werden müsse.

Es wäre ein großer Erfolg

Ob die neuartige Betäubungsmethode in der Fleischwirtschaft flächendeckend eingeführt wird, hängt seinen Worten zufolge dann vor allem davon ab, ob es gelingen wird, die Kosten für das Verfahren mit Helium, die weit über dem mit CO 2 liegen, auf ein für die Wirtschaftsbetriebe akzeptables Maß herunterzufahren. Es wäre für Tröger ein großer Erfolg. Ein Erfolg zum Wohle der Tiere.