Es ist kurz nach 1 Uhr in Wirsberg. Blaulicht erhellt die Nacht. Die Polizei begleitet zwei Schwertransporter aus dem Jerichower Land bei Magdeburg von der Autobahn in den Luftkurort. Am Platz unterhalb des Rathauses, wo sonst die Glascontainer stehen, bleibt der Konvoi stehen. Die Fahrer Karsten Pirk und Ralf Röwer steigen aus, besprechen sich kurz mit ihren Begleitern. Denn ohne die geht nichts. Nur Pirks Freundin Heike Glock, die ausnahmsweise mitgefahren ist, weil ihr Freund erzählt hat, dass der Transport etwas ganz Besonderes und sicher spektakulär sei, bleibt im Führerhaus sitzen und schaut etwas ratlos aus dem Führerhaus. "Man muss den Fahrern vertrauen, die können das", sagt Heike Glock. "Ich habe frei, deshalb bin ich mal mitgefahren. Mein Freund hat mir erzählt, dass es in Wirsberg ziemlich eng ist", verrät sie und ist beim Anblick der engen Ortsdurchfahrt schon ein bisschen schockiert.

Karsten Pirk schlägt das Lenkrad ein. Er muss den mehr als 80 Tonnen schweren und 25 Meter langen Tieflader samt dem riesigen Teil für den Windradsockel auf Straße und Parkplatz wenden und ihn dann rückwärts durch das Nadelöhr beim Rathaus bugsieren. Anfangs klappt alles wie am Schnürchen. Schon nach wenigen Versuchen steht der Tieflader quer. Das Windradteil steht quer zur Straße. Wie eine Wand. Die Schnauze der Zugmaschine rangiert haarscharf an den Engeln vorbei, die auf dem gegenüberliegenden Platz stehen. Karsten Pirks Begleiter räumt noch ein Halteverbotsschild zur Seite.

"Wir haben extra die Glascontainer entfernt", sagt Bürgermeister Hermann Anselstetter. Doch das waren nicht die einzigen Vorbereitungen. Eine Laterne, die im Weg gewesen wäre, wurde abmontiert, sogar ein Baum musste gefällt werden. Außerdem wurde der Boden mit Schwerlastmatten ausgelegt, damit der Lkw den Untergrund nicht völlig kaputt macht. Sicherheitshalber waren Experten vor Ort, die eingreifen hätten können, wenn es zu Problemen an einer Leitung gekommen wäre oder ein Hydrant beschädigt würde.
Dann plötzlich ein unangenehmes Geräusch. Der Tieflader schrammt über den Boden. Der Gehsteig ist tiefer, das Gelände leicht abschüssig. In dicken Schichten wirft die schwere Ladung den Kies auf. Bürgermeister Anselstetter zückt den Fotoapparat. Ihm wird es ein bisschen mulmig.

"Kein Problem"


Einweiser Udo Schmolke schaut kurz nach, als es hinten am Auto zu qualmen beginnt. "Kein Problem", meint er. Der Fahrer manövriert den Lkw mit ohrenbetäubendem Geknirsche ums Eck, rangiert dann mit der Schnauze auf Schwertransporter Nummer zwei zu - wieder Richtung Ortseinfahrt. Es ist Zentimeterarbeit. "Noch 30 Zentimeter", ruft der Einweiser, der sich seiner Verantwortung bewusst ist. Der Platz, der genau berechnet worden ist, reicht aus. Nach mehrmaligem Bugsieren steht der Tieflader mit seiner schweren Fracht Schnauze an Schnauze mit Schwertransporter Nummer 2 - genau parallel zur Fahrbahn. Jetzt manövriert Karsten Pirk das Riesen-Gefährt im Dunkel der Nacht durch die Engstelle beim Rathaus-Torbogen - und stellt sich noch ein Stück weiter nach hinten. Schließlich muss auch Sattelschlepper Nummer zwei die selbe Prozedur durchlaufen. Wenden auf der Fahrbahn, rückwärts durch die Engstelle. Er hat aus dem Manöver seines Vorgängers schon gelernt, fährt ein bisschen schräger auf den Platz. Dadurch kommt er höher, hat nicht die Probleme mit dem Aufsetzen. "Bloß nicht blitzen, sonst seh' ich nichts mehr", flachst Ralf Röwer noch aus dem Fenster. Ihm macht es nichts aus, mitten in der Nacht unterwegs zu sein. Solche Einsatzzeiten ist er gewohnt. Sein Arbeitgeber, die Spedition Meier und Sohn, hat 40 Lkw dieser Art im Einsatz und bringt Windkraftanlagen in ganz Europa an ihren späteren Bestimmungsort.

Schon schlängelt Röwer sein Gefährt durch die Engstelle. In den umliegenden Häusern schauen die Menschen aus den Fenstern. Hunde bellen, ein Baby schreit. Auch einige Schaulustige haben sich eingefunden, um das Spektakel nicht zu verpassen. Denn in Wirsberg hat es so etwas noch nie gegeben. Die bereits stehenden Windräder sind an Ort und Stelle betoniert worden.
"So, ich bin durch", sagt Fahrer Nummer zwei. Inzwischen hat sich der Blaulichtkonvoi mit dem ersten Teil schon Richtung Sessenreuther Berg in Bewegung gesetzt.

Schrittgeschwindigkeit am Berg


In Schrittgeschwindigkeit ziehen die beiden Lastwagen mit den Windradteilen den Berg hinauf, haarschaf an den Häusern vorbei. "Es kommen in der Nacht noch zwei Transporter", verrät Bürgermeister Anselstetter. Und auch in der Nacht zum Mittwoch werden noch Teile angeliefert. "Weil am Donnerstag Feiertag ist, wird es erst nächste Woche weitergehen", erklärt Anselstetter und, dem ein Stein vom Herzen gefallen ist, dass der Transport so reibungslos geklappt hat.
Zwei neue Mühlen entstehen auf der Sessenreuther Höhe. Es sind Bürgeranlagen mit einem Investitionsvolumen von 8,39 Millionen Euro und einem Beteiligungsvolumen von 2,5 Millionen Euro. Noch in diesem Jahr sollen die beiden High-Tech-Räder ans Netz gehen. Sie können dann, das bereits aufgestellte Windrad mitgerechnet, insgesamt 3500 Drei-Personen-Haushalte mit Strom versorgen.