Es wird wieder umgebaut im historischen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Bayreuth. Zu Beginn des Missbrauchsprozesses hat Verteidiger Johann Schwenn den Zeugenplatz verrutscht, weil er, so der Anwalt, Gesicht und Mimik der Zeugen bei ihrer Aussage sehen wolle. Am Mittwoch ein weiteres Stühlerücken: Jetzt positioniert der neue Rechtsbeistand der Hauptbelastungszeugin, Frank K. Peter aus Worms, die Nebenklage gegenüber der Verteidigerbank. Soll heißen: Wir sind auf Augenhöhe.


Tochter zeigt Präsenz

Erstmals seit ihrer eigenen Aussage zeigt die Nebenklägerin Präsenz. Die Tochter des Angeklagten, die ihren Vater der mehrfachen Vergewaltigung bezichtigt, hat es bisher vermieden, dem Prozess persönlich zu folgen. Auch bei der Aussage ihrer Mutter und ihrer beiden Töchter, die den 71-jährigen Angeklagten ebenfalls schwer belasten, ist die 48-jährige nicht anwesend im Gerichtssaal.

In einem Schreiben an ihren Psychiater deutet sie an, dass sie vor Gericht mit "Grausamkeiten und einer Re-Traumatisierung" konfrontiert sei. "Unvorstellbar, was dort mit Opfern gemacht wird."

Zeigt die Nebenklägerin nun Flagge, weil die Verteidigung Oberwasser zu bekommen scheint? Immerhin ist der Haftbefehl gegen den Angeklagten komplett aufgehoben worden, und die Verteidigung hat Alibis für zwei Tatvorwürfe in den Jahren 2010 und 2011 präsentiert. Möglicherweise deshalb rüstet die Nebenklage auf und zieht mit dem Wormser Juristen einen erfahrenen Opferanwalt bei, der gleich andeutet, dass er den Konflikt mit Starverteidiger Schwenn nicht scheut.

Insgesamt bietet sich dem Prozessbeobachter nach wie vor ein verwirrendes Bild. Immer neue Fragen, immer neue Details tauchen auf, und die Strafkammer ordnet mehrmals polizeiliche Nachermittlungen an. Dabei geht es stets um die Frage: Haben wir es mit sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung zu tun oder, wie die Verteidigung meint, mit der Verschwörung eines Frauenclans gegen den Familienpatriarchen?


Flashback und Alpträume

Ein Psychiater aus Bamberg, bei dem sich die Hauptbelastungszeugin in Behandlung befindet, attestiert seiner Patientin eine posttraumatische Belastungsstörung. Er habe bei ihr Symptome wie Unruhe, Schlafstörungen, Flashback-Erlebnisse und Alpträume festgestellt.

Dem Verteidiger reichen die Angaben des Arztes nicht. Schwenn will wissen, auf welche objektiven Tatsachen er seine Diagnose stützt. Teilweise, so der Zeuge, habe er es gesehen und gespürt, aber vor allem habe er der Patientin geglaubt. Denn es sei nicht seine Aufgabe als Psychiater, wie ein Detektiv nachzufragen. "Und es gibt leider noch keine Möglichkeit, Alpträume sichtbar zu machen", erklärt der Zeuge, der die Klaviatur der Ironie genauso beherrscht wie der Verteidiger. Der reagiert gereizt und motzt: "Sie müssen nicht versuchen, mich auf den Arm zu nehmen."


Gar kein "cooler Opa"

Noch weniger gefällt dem Anwalt die Aussage einer 24-jährigen Verkäuferin, die zur Patchworkfamilie der Hauptbelastungszeugin gehört. Die Tochter aus erster Ehe ihres Mannes hat den Angeklagten schon als Kind kennengelernt und zunächst für einen "coolen Opa" gehalten. Bis es zu einem Vorfall kommt, als die Zeugin etwa zehn Jahre alt ist. Sie habe sich zu ihm aufs Bett setzen müssen. Er sei unter der Decke unbekleidet gewesen und habe angefangen, sie zu berühren. "Ich habe ihn weggeschubst und bin rausgerannt", sagt sie und versichert "Die Bilder kommen immer wieder hoch."

Hernach kritisiert Schwenn, dass Mitglieder des Gerichts der Aussage mit Wohlwollen gefolgt seien. Offenbar habe man sich von den Tränen der Zeugin beeindrucken lassen.

Dann stellt eine Mitarbeiterin im Unternehmen des Angeklagten ihrem Chef ein tadelloses Zeugnis aus. Sie wird haarklein nach einem Wochenende befragt, an dem sich die Belegschaft der Firma zur Weihnachtsfeier ("war sehr schön") getroffen hat. Damals soll es auch zu einer Vergewaltigung gekommen sein. Davon habe sie überhaupt nichts mitbekommen, so die Frau.


"Irrelevante Fragen"

Wieder ist Schwenn unzufrieden: "Diese Zeugin weint nicht, und ihr schlägt so viel Misstrauen entgegen." Als auch noch der Nebenklagevertreter nach ihrem Verdienst fragt, schimpft der Verteidiger: "Es nervt, ständig diese irrelevanten Fragen."

In dem Prozess tritt nun wieder eine längere Pause ein: Fortsetzung am 24. November.