Lutherisch zu sein, bedeutet eigene Überzeugungen auszusprechen und Verantwortung vor Gott und den Menschen wahrzunehmen. Das hat Regionalbischöfin Dorothea Greiner bei einem Vortrag beim Kulmbacher Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing festgestellt.

Im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 sagte Greiner, dass es keine Heldenverehrung geben werde. Mit dem Jubiläum würden in erster Linie das Evangelium und Jesus Christus gefeiert, nicht Martin Luther. Zum ersten Mal seit 500 Jahren begehe man das Jubiläum zusammen mit der katholischen Kirche im ökumenischen Sinn. "Ich habe die Hoffnung, dass uns das Reformationsjubiläum wieder näher zueinander bringt", sagte die Regionalbischöfin.


Kreuz als Zeichen des Vertrauens


Für Greiner ist Martin Luther der "Leib- und Magentheologe". Vieles, was heute als lutherisch empfunden werde, sei es gar nicht. Als Beispiel nannte sie, dass man gemeinhin glaube, sich zu bekreuzigen sei nicht lutherisch. Luther habe sich sogar selbst bekreuzigt und er habe allen Glaubenden empfohlen, sich täglich zu bekreuzigen. Nicht Luther habe uns das Kreuzzeichen genommen, sondern der Säkularisierungsschub des Rationalismus ab Ende des 17. Jahrhunderts. Greiner: "Ein ausdrucksstärkeres Zeichen unseres Vertrauens auf Gott in Christus, das wir täglich anwenden können, haben wir nicht als das Kreuzzeichen."

Ähnlich verhalte es sich mit dem Abendmahlsbesuch. Im Sinne Luthers wäre ohne Zweifel der wöchentliche Gang zum Tisch des Herrn. Er habe vermutlich sogar täglich Abendmahl gefeiert. Luther hing am biblischen Vorbild. Mit dem "Brotbrechen" in der Apostelgeschichte sei die Feier des Abendmahles gemeint. "Lutherische Frömmigkeit ist Abendmahlsfrömmigkeit", sagte die Regionalbischöfin.


Komplett in deutscher Sprache


Die evangelischen Kirchen seien schon immer weniger traditionsgebunden und stärker gegenwartsbezogen als die katholische Kirche gewesen. Dadurch habe sich der moderne Rationalismus im Protestantismus auch wesentlich stärker ausgewirkt. Er führte nach den Worten Greiners zu einer Selbstsäkularisierung des Glaubens, die bis heute Auswirkungen habe.

Überhaupt sei Luther in der Gottesdienstgestaltung sehr konservativ gewesen und habe so weit wie möglich den bisherigen katholischen Gottesdienst übernommen. Entscheidende Änderungen seien gewesen, dass die Messe komplett in deutscher Sprache war, dass die Kirchenmusik einen bisher nie gekannten Aufschwung genommen hatte, dass die Heiligenanrufungen gestrichen und der Messopfergedanke entfernt und dass am Ende der Aaronitische Segen gesprochen wurde.


Laien werden beteiligt


Nach den Worten der Regionalbischöfin stellen die Lutheraner in der Konfessionsfamilie der evangelischen und protestantischen Kirchen mit weltweit rund 70 Millionen Mitgliedern einen großen Teil der evangelischen Konfessionsfamilie. Als typisch lutherisch bezeichnete Greiner die echte Beteiligung von "Laien" und dass bei Lutheranern anders als bei Katholiken die Sakramente auf Taufe und Abendmahl beschränkt sind.

Auch auf Martin Luthers nicht unumstrittene Aussagen über die Juden und das Judentum kam Greiner zu sprechen: Der frühe Luther habe Politik und Kirche geraten, liebevoll und freundlich mit Juden umzugehen und sie nicht zu unterdrücken. Doch der enttäuschte späte Luther sei bitter geworden. Seine späten Äußerungen nannte Greiner theologisch falsch, menschlich grausam und missbrauchbar im Dritten Reich.


"Entsetzlicher Irrtum"


Dorothea Greiner: "Martin Luther war zwar kein rassistischer Antisemit, aber religiöser Antijudaist." Luther habe gemeint, Christus zu dienen, indem er jüdisch-religiöses Leben vernichtet und Juden vertreibt. "Da irrte Luther entsetzlich", sagte Greiner.

Auch moderne Klöster und Ordensgemeinschaften gehörten zur lutherischen Kirche. Greiner sprach dabei beispielhaft die Christusbruderschaft in Selbitz an, einen lutherischen lebendigen Orden, der nach dem Krieg gegründet wurde. Zum Orden gehören heute 120 Schwestern und Brüder, die zölibatär und besitzlos ihre Sendung durch Christus in einer Ordensgemeinschaft leben.