Der Tod der 92-jährigen Kulmbacherin, die (wie berichtet) von einer Nachbarin leblos im Essighaus in der Spitalgasse entdeckt worden war, gibt der Polizei nach wie vor Rätsel auf. Dabei ist die Kripo mit einem Fall befasst, in dem sie wohl nie Ermittlungen aufgenommen hätte, wäre der Leichnam der Seniorin in Bayreuth oder Hof eingeäschert worden.

Nachbarin findet Seniorin

Eine Nachbarin hatte die 92-Jährige, die in der seniorengerechten Anlage in der Spitalgasse mit Blick auf den Eku-Platz lebte, am Samstag, 15. August, gegen 16 Uhr in ihrer Wohnung entdeckt und die Rettungskräfte alarmiert. Die Seniorin lag bewusstlos auf dem Boden. Der Notarzt leitete zwar Reanimationsmaßnahmen ein, doch verstarb die Frau kurze Zeit später. Hinweise auf eine Fremdeinwirkung haben die Ärzte in der Wohnung nicht erkannt. Sie sind von einer natürlichen Todesursache ausgegangen und haben das im Totenschein vermerkt.

Ins Krematorium nach Thüringen

Aus dem Todesfall wurde nur deshalb ein Kriminalfall, weil ein Kulmbacher Bestatter den Leichnam in ein Krematorium nach Thüringen gebracht hat. Denn in Thüringen ist - anders als in Bayern - eine zweite Leichenschau Pflicht. Bei dieser hat ein Rechtsmediziner dann auch festgestellt, dass es Gewalteinwirkungen auf den Körper der Seniorin gegeben hat.

Es sind Fälle wie diese, die Experten aufrütteln. "Oft ist die wahre Todesursache eine ganz andere als im Totenschein von den Ärzten angegeben", sagt etwa Rechtsmediziner Klaus-Peter Philipp von der Universität Greifswald, der in einem Artikel der "Zeit" erklärt hat, dass Ärzten bei der ersten Leichenschau viele Fehler unterlaufen. Die in den allermeisten Fällen in Bayern nicht korrigiert werden können, denn der Freistaat ist das einzige Bundesland, in dem es keine zweite Leichenschau gibt.

Viele offene Fragen

Wie die 92-jährige Kulmbacherin ums Leben gekommen ist? Darüber gibt das Polizeipräsidium Oberfranken auch über einen Monat nach der Tat noch keine Auskünfte. "Aus ermittlungstaktischen Gründen", sagt Pressesprecher Alexander Czech. Man wolle kein Täterwissen preisgeben.

Die Polizei war erst am vergangenen Freitag an die Öffentlichkeit gegangen und hatte um Hinweise gebeten. Ob sich Zeugen gemeldet haben, ob hilfreiche Informationen eingegangen sind? Czech wollte sich auch dazu nicht äußern. "Wir wollen keine Zwischenstandsmeldungen abgeben." Was er mitteilte: "Die Polizei hat etliche Spuren in der Wohnung der Toten sichern und Vernehmungen im Umfeld der Frau vornehmen können." Einen Tatverdächtigen gebe es zum jetzigen Zeitpunkt nicht.

Ob der Fall jemals aufgeklärt werden kann, ist fraglich. Fraglich ist auch, ob in Bayern die Bestattungsgesetze und -verordnungen dahingehend geändert werden, dass auch hier eine zweite Leichenschau Pflicht wird. Auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hat die Staatsregierung im Februar erklärt, dass sie aus fachlicher Sicht die generelle Durchführung einer zweiten Leichenschau begrüßen würde. "In einem Flächenland wie Bayern ist es aus personellen, organisatorischen und finanziellen Gründen jedoch nicht möglich, jeden der knapp 135 000 Verstorbenen pro Jahr durch einen Amtsarzt oder Rechtsmediziner erneut untersuchen zu lassen", heißt es in dem Antwortschreiben. Man beabsichtige, lediglich in den Fällen der Feuerbestattung eine zweite Leichenschau im Krematorium einzuführen. "Bei Erdbestattungen kann der Leichnam, sofern sich nachträglich der Verdacht eines Tötungsdeliktes ergibt, exhumiert und als Beweismittel herangezogen werden." Dem Umstand, dass dies nach Feuerbestattungen nicht möglich sei, wolle man Rechnung tragen.

Wäre das schon jetzt gesetzlich verankert, wäre wie in Thüringen wohl auch bei einer Leichenschau im Krematorium in Hof oder Bayreuth entdeckt worden, dass die 92-Jährige keines natürlichen Todes gestorben ist, sondern es sich um ein Gewaltverbrechen gehandelt hat.