Der Landkreis Kulmbach galt bislang nicht gerade als Storchenparadies. Jahrzehntelang fühlte sich Meister Adebar nur in Altdrossenfeld und in Melkendorf zu Hause. Doch in dieser Saison haben die Weißstörche Kulmbach entdeckt - und hatten fast alle Bruterfolg.

Nicht nur auf den Mainwiesen sind sie inzwischen zu beobachten, auch in Untersteinach, Stadtsteinach und Himmelkron fühlten sie sich sehr wohl. "Seit diesem Jahr ist die Storchenpopulation für unsere Verhältnisse geradezu explodiert", freut sich Hans-Jürgen Pohl, Fachkraft für Naturschutz beim Landratsamt Kulmbach.

Angst, dass sich dies negativ auf andere Arten auswirken könnte, hat der Experte nicht. "Eine heimische Population kann nie eine andere ausrotten", so Pohl.

Schuld an der neuen Vorliebe der Störche, sich im Landkreis Kulmbach niederzulassen, ist der Klimawandel. Die wärmeren Temperaturen sorgen dafür, dass die Störche in der Region überwintern oder zumindest nicht mehr so weit in den Süden fliegen müssen. In ganz Bayern war in diesem Jahr ein Storchen-Rekord zu verzeichnen: mehr als 800 Brutpaare wurden gezählt. An den Flußauen sind manchmal bis zu 180 Störche zu sehen.

Erich Schiffelholz vom Landesbund für Vogelschutz beobachtet die Störche im Landkreis Kulmbach, dokumentiert Ankunft und Bruterfolge. Zum Beispiel die eines Storchenpaars in Untersteinach: Der männliche unberingte Storch und das beringte Weibchen probierten einige Tage das vorbereitete Nist-Quartier der Gemeinde aus. Die Untersteinacher haben eigens einen stattlichen Horst auf das Feuerwehrhaus gebaut. Dann gab es Querelen mit anderen Störchen.

Auf gekappter Eiche gebrütet

Die Störche zogen um und ließen sich auf einer gekappten Eiche an der Stadtsteinacher Straße nieder. Die Eiche hatte eine Plattform - die Voraussetzung, die nötig ist, um den schweren Storchenhorst überhaupt tragen zu können. Ein ungeschütztes Stromkabel wurde eigens vom Bayernwerk umgebaut, um die Störche nicht zu gefährden.

Obwohl die Störche sich zum ersten Mal in Untersteinach niedergelassen hatten, schafften sie es, zwei Jungvögel auszubrüten. "Wir hatten noch zwei weitere Erstbesiedelungen im Landkreis: In dieser Saison brütete zum ersten Mal ein Storchenpaar auf der Mainleuser Schule und eines auf dem Mönchshof-Schlot in Kulmbach", so Schiffelholz. Jeweils zwei Jungstörche zogen die Paare auf: echte Kulmbacher Störche.

Ein deutsch-tschechisches Storchenpaar, das in der Melkendorfer Hauptstraße den Mast wiederbesiedelte, musste seinen Horst auch gegen andere verteidigen, ehe der Brutbeginn anstehen konnte. Drei Jungvögel schlüpften. "Als einer der Jungvögel aus dem Horst fiel, wurde das Tier einem Storchenpaar in Trübenbach untergeschoben", erzählt Schiffelholz. Die Rettungsaktion war erfolgreich. Das Storchenjunge ist inzwischen ausgeflogen.

Leider gingen nicht alle Storchen-Geschichten so positiv aus. In Himmelkron überlebten drei Küken nicht.

Und im Storchendorf Altdrossenfeld kamen in diesem Jahr gar keine Jungstörche zur Welt, obwohl ein Paar dort nistete. "Es waren die Regenschauer im Mai und Juni - und die Kälteperiode, die für einige Verluste gesorgt haben", bedauert der LBV-Experte diese Entwicklung. Großen Einfluss auf die Bruterfolge haben vor allem die Flugrouten der Störche. "Ein Großteil der Störche, die über die Westroute in den Süden ziehen, überwintern inzwischen direkt in unseren Nachbarländern, vor allem in Spanien. Früher zogen sie nach Afrika, waren der Gefahr, dass sie gejagt wurden oder dass sie verunglückten, ausgesetzt", schildert Schiffelholz. Auch die Tatsache, dass die Flugrouten jetzt kürzer sind, tut den Störchen gut. Sie sind nicht mehr entkräftet, starten bei besten Kräften in die Brutsaison.

Der LBV hat in diesem Jahr vier Jungstörche mit kleinen GPS-Sendern ausgestattet. Diese Sender liefern Informationen über Nahrungsflächensituation im Brutgebiet, über Zugrouten und Gefährdungsfaktoren auf dem Flug ins Winterquartier, teilt Oda Wieding vom Landesbund für Vogelschutz auf Nachfrage mit.

Störche hatten noch nie Probleme mit der Nähe zu Menschen, im Gegenteil. Sie lieben Kamine, lassen sich auch von Verkehrslärm oder Siedlungen nicht stören. Die Chance, dass sich auch in den kommenden Jahren im Landkreis Kulmbach mehr Störche niederlassen, ist daher groß. "Ansiedlungswillige Paare lassen sich gerne in der Nähe bestehender Nester nieder. Manchmal dauert es aber einige Jahre, bis ein Nest angenommen wird", sagt Erich Schiffelholz - und ist schon gespannt, ob das neue Storchennest in Untersteinach in der nächsten Saison Gefallen findet. "Das Weißstorchprogramm trägt Früchte. Generell müssen wir allerdings schon von einer Wohnungsnot für Störche sprechen. Wir überlegen aktuell, wieder neue Quartiere zu schaffen", sagt Schiffelholz. Der Landesbund für Vogelschutz prüft bei neuen Ansiedlungen nämlich immer vorher die Statik der vorgeschlagenen Gebäude. Denn ein solcher Horst wiegt bis zu tausend Kilo.