Politikwechsel in Kulmbach: Die Stadt steigt ein in die Produktion von grünem Strom vom Acker. Ein Projekt, das im Februar 2019 noch mit der Mehrheit von CSU und WGK eingestampft worden war, wurde jetzt auf den Weg gebracht.

2019 noch abgeschmettert

Der Stadtrat leitete gestern die Änderung des Flächennutzungsplans für Grafendobrach ein, damit eine Freiflächen-Photovoltaikanlage auf zwölf Hektar gebaut werden kann. Die Stadt will zusammen mit der Firma Münch Energie, Rugendorf, eine Betreibergesellschaft bilden. Die Energiewende ist im Stadtrat angekommen.

Rückblende: Im Februar 2019 wurde die bei Grafendobrach geplante Freiflächen-Photovoltaikanlage auf 13,7 Hektar Ackerland von der CSU/WGK/FDP-Mehrheit abgeschmettert. Nur sieben Stadträte (5 SPD, Grüne, 1 WGK) stimmten damals für das Projekt von Münch Energie. Die Gegner beriefen sich auf einen zehn Jahre alten Grundsatzbeschluss, Photovoltaik nur auf Dachflächen zu genehmigen.

Aus der Schublade geholt

Später hob der Stadtrat den Grundsatzbeschluss auf, so dass das Münch-Projekt nun wieder aus der Schublade geholt werden konnte. Einzelheiten dazu nannte Stadtwerkechef Stephan Pröschold. Mit der Stromnetz Kulmbach GmbH habe man bereits eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Nun wolle man auch bei der lokalen Produktion regenerativer Energien neue Wege gehen. Hier gebe es bei der Photovoltaik das größte Potenzial.

Laut Pröschold wollen die Stadtwerke zweigleisig fahren: einerseits auf Industrie und Gewerbe, aber auch auf private Hausbesitzer zugehen und Angebote für PV-Anlagen auf Dächern unterbreiten - und andererseits Photovoltaik in der Freifläche nutzen.

Bürger sollen beteiligt werden

In Grafendobrach solle eine Pilotanlage entstehen. Wenn es das Pandemiegeschehen zulässt, werde man die Bürger über Beteiligungsmöglichkeiten informieren. Bei der Betreibergesellschaft, so Pröschold, sollen die Stadtwerke die Mehrheit der Anteile halten. Es sei geplant, zwölf Hektar mit PV-Modulen zu bestücken und die Anlage mit heimischen Gehölzen einzugrünen.

"Damit sind wir auf dem richtigen Weg", sagte Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD). Eine Meinung, die nicht alle Stadträte teilten. WGK-Fraktionsvorsitzender Ralf Hartnack wiederholte die Bedenken aus dem Vorjahr. Die drei vorgesehenen Grundstücke seien "eine riesige Fläche" - Land, das man für die Lebensmittelproduktion brauche. Er plädierte für Photovoltaik auf Dachflächen. "Es kann nicht die Zukunft sein, mit Photovoltaik Strom zu erzeugen", sagte Alexander Meile (WGK). Er war dagegen, eine Fläche von "20 Fußballfeldern zuzupflastern".

Für Gelächter sorgte Georg Hock (AfD). Er war der Ansicht: "Das Klima muss und will auch nicht geschützt werden."

CSU denkt um

Dass bei der CSU ein Umdenken stattgefunden hat, machte Jörg Kunstmann deutlich. "Erneuerbare Energien sind eine Pflicht für uns. Das wird kommen, das ist alternativlos", sagte er. Er sprach sich dafür aus, "maßvoll einzusteigen", und betonte: "Wir pflastern nicht die Stadt Kulmbach zu, sondern wir starten mit Projekten, die Akzeptanz bei der Bevölkerung finden." Sein Fraktionsvorsitzender Michael Pfitzner erklärte, dass damit kein Automatismus eintrete, sondern dass über jeden Einzelfall separat entschieden werde. Wichtig sei, dass die örtliche Bevölkerung etwas davon haben muss.

Wie im Vorjahr signalisierte auch MdL Rainer Ludwig (WGK) Zustimmung. Der energiepolitische Sprecher der FW-Landtagsfraktion sprach sich für den gezielten Ausbau von PV-Freiflächenanlagen aus. Voraussetzung dafür seien die Akzeptanz der Bürger und eine bürgerfreundliche Realisierung.

Für die Grünen bezeichnete Dagmar Keis-Lechner das Energie-Projekt als doppelt sinnvoll: Man habe so die beste Wertschöpfung und könne der heimischen Wirtschaft und der Bevölkerung günstige Strompreise anbieten.

Mit Zwei-Drittel-Mehrheit gab es eine breite Zustimmung. 21 Ja-Stimmen kamen von OB Lehmann und der SPD, von den Grünen, von MdL Ludwig (WGK) und von der CSU.