Künstler und Kulturschaffende leiden unter der Corona-Krise besonders. Alle Veranstaltungen sind abgesagt, ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Fest eingeplante Einnahmen brechen weg - das kann schnell existenzbedrohend werden. Wir haben im Kulmbacher Land einmal umgehört.

Von Hundert auf Null

Wenn Karsten Friedrich auf der Bühne steht, ist gute Laune garantiert. Nicht nur, weil er ein Sonnyboy ist, sondern vor allem deshalb, weil er mit seinen Bands "Barfly" oder "Pik 10" einfach gute Musik macht. Ob am Schlagzeug oder am Piano, ob mit Evergreens oder Jazz, wo der Kulmbacher auftritt, genießen die Menschen den Abend. Mehr als hundert Auftritte pro Jahr in ganz Deutschland waren vor der Krise normal. Jetzt sind alle storniert.

"Meine Einnahmen sind komplett auf null runtergefahren. Es besteht ja ein Berufsverbot. Von einem Tag auf den anderen war alles aus", sagt Friedrich. Für ein Foto setzt er sich an sein Schlagzeug und setzt sein strahlendes Bühnengesicht auf.

In seinem Inneren sieht es ganz anders aus. Denn auch sein zweites Standbein ist weggebrochen: Karsten Friedrich bringt normalerweise tagsüber 35 Schülern das Schlagzeugspielen bei. "Ich habe einen Honorarvertrag in der Städtischen Musikschule und bekomme nur die Stunden bezahlt, die ich auch gebe", klagt er. Jetzt hofft er, dass einige Schüler in der Corona-Krise auch den Online-Musikunterricht nutzen möchten. Möglich wäre es. "Aber die Teilnahme ist freiwillig", sagt der Musiker resigniert.

Hartz IV beantragt

In den letzten Wochen hat Friedrich seine Rücklagen aufgebraucht. "Ich hoffe, dass im Mai die Musikschule wieder losgeht. Wir können die Hygieneauflagen erfüllen", sagt er. Soforthilfe hat er nicht bekommen. Jetzt hat er Arbeitslosengeld II, umgangssprachlich Hartz IV, beantragt. Er hat zur Kenntnis genommen, dass der Staat Künstlern mit 1000 Euro monatlich aus der Patsche helfen will. Doch selbst das deckt seine Unkosten nicht. "Wenn man die Anträge bearbeitet, ist das ein sehr unschönes Gefühl. Ich fühle mich zwangsenteignet. Ich kann nichts dafür. Mir fehlt mein Job. Ich fühle mich meiner Freiheit beraubt", sagt er.

Und auch die Auftritte, der Applaus, die sozialen Kontakte fehlen. "Ich denke, die Welt ist im Wandel. Ich denke zur Zeit viel nach. Warum werde ich als Künstler vernachlässigt, wenn Firmen wie Adidas sofort Hilfe bekommen? Und wenn Spahn sagt, dass Musik, Unterhaltung und Veranstaltungen nicht nötig sind, ist das ein Schlag in die Magengrube. Jede Absage tut weh", erklärt Friedrich. Jeder Tag sei schwer, aber dennoch versuche er, die Zeit auch ein bisschen zu genießen. "Alles ist entschleunigt, das ist gut, das haben wir gebraucht. Ich wandere, fahre Rad, gehe spazieren. Aber es ist auch eine schwere Zeit. Und sie wird immer schwerer, je länger sie dauert."

Etwas anderes als Musik zu machen, das kann sich Friedrich nicht vorstellen: "Ich habe meine Aufgabe gefunden. Ich kann Schülern etwas beibringen, ich kann dem Publikum eine schöne Zeit machen. Und das ist doch die wichtigste Aufgabe der Welt." Er hofft, dass wenigstens die Buchungen für das nächste Jahr klappen. Denn viele Veranstaltungen würden ein Jahr im Voraus geplant.

Viel lockerer geht Rüdiger Baumann mit der Situation um. "Ich mache jetzt all das, wozu ich sonst keine Zeit habe", sagt er. Baumann ist bei Theaterbegeisterten in Kulmbach eine Legende, er hat in Ziegelhütten sein eigenes Theater aufgebaut. "Der Vorteil ist, dass meine Frau Grundschullehrerin ist. Sie verdient Geld, wir kommen durch. Wir sparen ja auch ein bisschen an Kosten - wir brauchen weniger Strom. Bisher hat meine Frau von dem bunten Leben profitiert, jetzt ist es andersrum."

Zeit ist ein Geschenk

Er räumt das Büro aus, fährt hängerweise Schutt weg, sortiert die Schrauben, die bei Auf- und Abbauarbeiten immer unsortiert in Eimerchen landen. "Das, was ich durch die Coronakrise geschenkt bekomme, ist Zeit. Und das ist nicht mit Geld zu bezahlen. Ich bin auch in der Krise kreativ", kann er die Corona-Krise sogar ein bisschen genießen.

Auf einem Tisch hat er schon unzählige Boote aus alten Zeitungen gefaltet: "Narrenschiffe" nennt Baumann dieses Projekt. Mit vielen Schiffen möchte er bei "Spinnalto", einem im Juli geplanten Kunstprojekt in der alten Spinnerei in Mainleus, den "Strom der Zeit" darstellen und zeigen, wie schnell Wichtiges doch unwichtig werden kann. "Wenn keine Zuschauer kommen dürfen, mache ich halt ein Video, dann kann sich das jeder von zu Hause aus ansehen." Aktuell arbeitet Rüdiger Baumann noch an einem "Theater to go"-Projekt. Jeder, der sich daran beteiligten möchte, bekomme einen Text und ein Handy-Stativ. Am Ende werde er die eingereichten Videosequenzen veröffentlichen. "Und wer die schönste Idee hat, der bekommt für 2021 freien Eintritt", sagt er.

Baumann programmiert derzeit auch noch die Internetseite "Erdenrechte". "Die Vorstellung, ohne Vorstellungen auskommen zu müssen, hatten wir uns nie gemacht. Und jetzt müssen wir uns das nicht mal vorstellen, denn die Vorstellungen fallen aus. Das Theater ist mein Lebensmittelpunkt und unverzichtbar. Ich hätte nie selbst eine Pause gemacht. Aber jetzt ist das so - bei allen. Keiner überholt den anderen und ich mache das Beste draus", bewahrt er sich in der Krise seinen typischen Humor.

Der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Krebs hatte noch gar keine Zeit, um Trübsal zu blasen. "Ich hatte die Thurnauer Schlossfestspiele organisiert, jetzt musste ich alles wieder rückwärts abwickeln. Das ist eine riesige Arbeit", sagt der Macher des Thurnauer Schlosstheaters.

"Die Leute tragen uns"

Auch ihm fehlen derzeit die Einnahmen. "Aber wir haben eine Gutscheinaktion gestartet, die Leute können Theatergutscheine kaufen. Das hilft uns sehr. Und es tut auch gut, dass die Leute uns so durch die Krise tragen. Wir fühlen gerade, dass ganz viele Menschen möchten, dass es nach der Krise weitergeht", sagt Krebs.

Er möchte die Krise zu mehr Aktivitäten im Freien nutzen. "Ich habe jetzt 35 Jahre lang so viel auf der Bühne gemacht. Jetzt muss ich mal nicht auf die Bühne, Internet und Youtube ist nicht so mein Ding", sagt er und hofft, dass im Herbst zumindest wieder kleine Veranstaltungen möglich sein werden. Dann möchte Wolfgang Krebs wieder mit Frische und Elan auf der Bühne stehen. Auf die Treue des Publikums verlässt er sich: "Die Stimmung ist trotz allem nicht schlecht."