"Als ich Ärztin geworden bin, habe ich nie gedacht, dass ich einmal so etwas erleben würde." Melanie Rathmann-Feyer ist fassungslos. Am Donnerstag hat sie mit ihrer Kollegin Birgitta Olszewski beschlossen, die SiedlerPraxis für zwei Tage wegen Krankheit zu schließen. Die beiden Ärztinnen und das gesamte Helferinnen-Team konnten sich von Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten. "Wir können nicht mehr."

Es wurden Kollegen für die Vertretung am Donnerstag und Freitag gesucht, vereinbarte Termine soweit wie möglich abgesagt, Schilder an die Tür gehängt, dass wegen Krankheit geschlossen ist. "Aber viele Patienten wollten das einfach nicht akzeptieren. Sie haben an die Tür und die Fenster getrommelt, geschrien, gedroht. Das war wie in einem Horrorfilm."

Stress und raue Sitten

Kein Virus hat das Team außer Gefecht gesetzt, sondern schlicht Überlastung. Die resultiert zum Teil aus der Arbeitsmenge, vor allem aber aus dem Umgangston, den viele Patienten in der Praxis anschlagen. "Die Leute werden ausfällig, wenn wir keinen Impfstoff haben, wenn sie warten müssen, wenn sie nicht sofort bekommen, was sie wollen,", sagt Rathmann-Feyer. "Wir geben Tag für Tag unser Bestes und müssen uns noch beschimpfen lassen. Jeder denkt nur noch an sich, an das, worauf er glaubt, Anspruch zu haben." Freilich gebe es auch freundliche und geduldige Patienten, aber die seien gefühlt in der Minderheit.

Wie es sich anfühlt, als Prellbock alle Launen unzufriedener Patienten abzubekommen, weiß Ingrid Beck, die an der Rezeption Dinge ins Gesicht gesagt bekommt, bei denen ihr die Antwort im Halse stecken bleibt. "Wir haben weit über unsere Grenzen gearbeitet. Es gab oft Tränen hinter den Kulissen, weil wir die Aggressionen, die Beleidigungen und die Respektlosigkeit neben dem normalen Corona-Alltag stemmen mussten."

Ohnehin habe die Corona-Pandemie das Team an seine Grenzen gebracht. "Wir haben phasenweise unter Vollschutz und FFP2 gearbeitet. Wenn wir frei hatten, hatten wir keine Kraft mehr, irgendetwas anderes zu tun als uns hinzulegen. Jetzt können wir nicht mehr!" sagt Ingrid Beck. "Als wir die Schilder aufgehängt haben, konnte ich nicht glauben, was passiert ist. Keiner hat respektiert, dass wir schließen müssen. Wir sind beschimpft worden, es wurde gegen Fenster und Türen gehauen und getreten. Verbal ist die Situation vollkommen aus dem Ruder gelaufen.

Mittlerweile sind wir einiges gewohnt, aber das, was sich am Donnerstagmorgen abgespielt hat, lässt sich kaum beschreiben. Wir mussten einzeln die Praxis durch den Nebeneingang verlassen und durch Seitenstraßen schleichen, um unbehelligt zu unseren Fahrzeugen zu gelangen. Es gab Momente, in denen ich dachte, wir müssen die Polizei holen."

Ihre Chefin ist wütend, frustriert, enttäuscht, traurig - alles zugleich. "Das ist Wahnsinn, was sich seit Monaten in unserer Praxis abspielt. Wir mussten vor zwei Wochen die Impftermine einiger Patienten absagen, weil wir den benötigten Grippeimpfstoff nicht geliefert bekamen. Da haben Leute herumgeschrien, uns die Schuld gegeben, sogar Drohungen ausgesprochen. Das darf doch alles nicht wahr sein."

Im Grunde arbeite sie sehr gerne, sei Ärztin geworden, weil sie den Menschen helfen wolle. "Aber in letzter Zeit bin ich nicht mehr gern zur Arbeit gegangen."

Ist die Situation in der Siedler-Praxis ein Einzelfall? "Leider nicht", sagt Thomas Koch, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Kulmbach. Er sieht einen allgemeinen Trend: Die Erwartungen der Patienten sind hoch, die Arbeitsbelastung hat deutlich zugenommen. Das sehen wir auch an der Menschenmenge, die wir durch unsere Praxis schleusen. 200 Menschen an einem Tag, die irgendetwas von der Praxis wollen, nicht nur einen Termin, oft nur ein Rezept oder eine Überweisung, das war früher die absolute Ausnahme, jetzt haben wir das fast jeden Tag. Wir laufen alle auf der Felge."

Einer der Gründe dafür ist, dass Kochs Praxis als Abstrichstelle für das Gesundheitsamt tätig ist. "Da kommen auch Leute, die sonst nichts mit unserer Praxis zu tun haben, zum Beispiel Lehrer, die sich vorsichtshalber alle zwei bis drei Wochen abstreichen lassen sollen. Das ist sehr aufwendig und kommt auf unsere normale Arbeit noch obendrauf. Ich bin seit 34 Jahren niedergelassener Arzt. Diese Arbeitsbelastung hatte ich noch nie."

Und der Umgangston seitens der Patienten? "Meine Helferinnen klagen auch, dass immer mehr Leute ausgesprochen unfreundlich reagieren, wenn sie nicht sofort bekommen, was sie wollen." Ein wenig dieser Übellaunigkeit sei sicher auf die Corona-Situation zurückzuführen, auf den Frust, den mancher verspürt. Und Stress wegen fehlenden Impfstoffs gibt es auch in Kochs Praxis. "Es wurde uns versprochen, dass ausreichend Dosen vorhanden sind. Aber das stimmt nicht. Ich kriege bei weitem nicht so viel wie ich bräuchte."

Und wie geht es jetzt für die Ärztinnen und Helferinnen in der Siedler-Praxis weiter? "Wir hoffen, dass es am Montag wieder besser ist und wir wieder aufmachen können", so Melanie Rathmann-Feyer. "Wir wollen weiter für unsere Patienten da sein, aber so wie in den letzten Wochen darf es nicht weitergehen. Das kann kein Mensch auf Dauer aushalten."

Kommentar: Das geht zu weit!

Was ist da los in unserem Land? Sind wir auf dem Weg, ein Volk von Rüpeln zu werden, Egoisten, die nur noch ihr eigenes Wohlstands-Universum vor Augen haben und jeden Anstand vermissen lassen, wenn sie glauben, zu kurz zu kommen?

Was sich da am Donnerstag in der Siedler-Praxis abgespielt hat, scheint nur ein Ausschnitt eines wachsenden Problems zu sein. Von vielen Ärzten, aber auch von Physiotherapeuten, hört man immer öfter, dass Patienten sich im Ton vergreifen. Da hat sich eine Anspruchshaltung manifestiert: Ich habe das Recht auf dieses und jenes. Und das will ich jetzt. Sofort. Und wehe, ich kriege es nicht..."

Wenn ich krank bin, gehe ich zu meiner Ärztin. Und bin dankbar, wenn sie mir hilft. Das ist ihr Job, und sie macht ihn gern. Trotzdem schadet ein Dankeschön niemals.

Motzen, dass kein Grippe-Impfstoff lieferbar ist? Das ist genauso wenig die Schuld der Ärzte wie die Tatsache, dass die Krankenkassen nicht alle Leistungen bezahlen, die man gerne hätte.

Wir dürfen uns darüber ärgern. Wir dürfen auch von der Corona-Situation genervt und mal ein wenig dünnhäutig sein. Aber was gar nicht geht: unseren Frust ungezügelt an den Überbringern der schlechten Nachricht auslassen! Wenn sich ein Praxisteam zur Hintertür rausschleichen muss, um den Beschimpfungen wütender Patienten zu entkommen, dann ist das gleichermaßen bizarr und erschreckend. Da wird definitiv eine Grenze gerissen, die niemals überschritten werden sollte. Und wir müssen uns schon alle fragen: Wollen wir eine Gesellschaft sein, die ein solches Verhalten toleriert?