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Kulmbach
Tempolimit

Tempo raus, Lebensqualität rein: Das planen Kulmbacher Politiker für die Stadt

SPD und Grüne bringen einen Vorschlag in die Diskussion, um die Lebensqualität in Kulmbach zu erhöhen und mehr Leben in die Innenstadt zu bringen.
 
Freitag- und Samstagabend für Autos gesperrt: Nach den Vorstellungen von SPD und Grünen soll künftig in den Sommermonaten der Verkehr ab der Buchbindergasse nicht mehr durch die Altstadt rollen.
Freitag- und Samstagabend für Autos gesperrt: Nach den Vorstellungen von SPD und Grünen soll künftig in den Sommermonaten der Verkehr ab der Buchbindergasse nicht mehr durch die Altstadt rollen. Foto: Achim Zeitler

Es hört sich fast an wie die Quadratur des Kreises: mehr Leben in die Altstadt bringen und die Lebensqualität der Anwohner verbessern. Wie könnte so etwas gehen? Die SPD und die Grünen haben ein Konzept ausgearbeitet, das sie jetzt erstmals zur Diskussion stellen.

Der gemeinsame Vorschlag der zwei Stadtratsfraktionen sieht im Kern vor, das Tempo im Bereich zwischen Buchbindergasse und Obere Stadt sowie Spitalgasse und Oberhacken auf zehn Stundenkilometer zu reduzieren. Freitag- und Samstagabend soll der Bereich für den Durchgangsverkehr - ausgenommen Anlieger und Rettungskräfte - komplett gesperrt werden, damit die Menschen hier flanieren können und die Gastronomie mehr Platz im Freien hat. Die Umleitung ist über Grabenstraße und Schießgraben problemlos möglich, heißt es.

Lebensqualität verbessern - Tempo runter

"Es ist an der Zeit, neue Wege zu gehen und Impulse für das Leben in der Altstadt zu geben", so die beiden Fraktionsvorsitzenden Matthias Meußgeyer (SPD) und Dagmar Keis-Lechner (Grüne). Mit dem Großversuch solle im Sommer gestartet werden, wenn es das Pandemiegeschehen zulässt.

Die Altstadt sei im Zusammenspiel mit der Plassenburg ein Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen. Meußgeyer: "Und wir glauben, dass es zeitgemäß ist, das Tempo in der Altstadt auf zehn Stundenkilometer zu reduzieren. Beispiele anderer Städte zeigen, dass so die Aufenthaltsqualität verbessert wird."

Die Entschleunigung bringe mehr Verkehrssicherheit durch einen respektvollen Umgang der Verkehrsteilnehmer, weniger Lärm und mehr Flair für das historische Stadtzentrum. In Gesprächen mit einer Reihe von Bürgern seien die Ideen gut angekommen, so der SPD-Stadtrat.

Geschwindigkeit reduzieren und mehr Raum für Kultur und Sport schaffen

Mehr Raum für Kultur- und Sportangebote, Straßentheater oder Musik, ohne dass man groß was absperren muss, mehr Freiraum für die Gastronomie - so eine attraktive Kneipenmeile stehe der Uni-Stadt Kulmbach gut zu Gesicht, glaubt Keis-Lechner. "Wir sehen unsere Initiative als einen wichtigen Beitrag zur Belebung der Innenstadt."

Mit der Verkehrsberuhigung verfolge man nicht das Ziel, tagsüber den Autoverkehr aus dem Altstadtbereich fernzuhalten, betonen SPD und Grüne. Man sei sich bewusst, wie wichtig die unkomplizierte Erreichbarkeit für Einzelhändler, Gastronomie, Markthändler, Ärzte und Apotheken ist. Es gehe um die Verbesserung der Aufenthaltsqualität.

Was denken die Betroffenen, Altstadtbewohner und Gastwirte, über solche Veränderungen? "Gegen eine Temporeduzierung hätte ich nichts. Das verstehe ich total", sagt Ursula Lauterbach von der gleichnamigen Metzgerei, die auch am Marktplatz wohnt. Sie beobachte täglich, dass die Buchbindergasse als Rennstrecke zweckentfremdet wird.

"Wir brauchen mehr Leben in der Stadt"

Sie befürwortet es, wenn die Innenstadt allgemein mehr belebt würde: "Es sollten mehr Menschen hier wohnen." Vielleicht wäre es sinnvoll, das Parkhaus Basteigasse nur für Anwohnerautos zu reservieren: "Diebstahlsicher abgesperrt, damit kein Fremder reinkommt." Als Bürgerin sage sie auch: "Wir brauchen mehr Leben in der Stadt." Als Anwohnerin habe sie aber Sorge, "dass abends totale Party ist". Gegen einen Modellversuch hat sie nichts einzuwenden.

"Gute Idee, ich bin dafür, dass etwas gemacht wird", sagt Armin Kull, der in der Oberen Stadt wohnt. Es gebe Autofahrer, die rasen, dass es teilweise nicht mehr schön ist. "Wenn man das Tempo drosselt, wäre es ein Segen. Wenn ein Laster die Obere Stadt runterdonnert, vibriert bei mir der Küchentisch." Als Veranstalter ("Wir machen auch die italienische Nacht") befürwortet er die Überlegungen für Freitag- und Samstagabend: "Sensationell, perfekt, es würde dem Handel, der Gastronomie und den Menschen guttun."

Kull ist sich sicher, dass dadurch neue Ideen entstehen: "Wir sind kreativ und würden auch mehr machen." Begeistert zeigt sich Toni Vullo vom Ristorante "La Dolce Vita" am Marktplatz: "Meravigliosa, wunderbar, eine feine Sache, so etwas schwebt mir schon die ganze Zeit vor." Der Vorschlag erinnere ihn an Italien, wo die Leute auch gerne auf der Piazza flanieren und nicht auf den Autoverkehr aufpassen wollen. In der Kulmbacher Altstadt halte sich nicht jeder Autofahrer an die Regeln der Straßenverkehrsordnung: "Manche fahren wie die Sau." Tempo runter - Daumen hoch, meint Vullo.

Vorschlag erinnere an Italien: Leute flanieren auf der Piazza

Skeptischer ist sein Kollege Gerald Hofmann von der "Zunftstube" in der Oberen Stadt. Von einer Sperrung am Abend hält er nichts. Höchstens dann, wenn jemand zusätzlich ein Fest veranstalten will. "Wir haben viele Gäste, die nicht so weit laufen wollen", sagt er. Auch die griechischen Lokale würden ihr Außer-Haus-Geschäft, das gut läuft, verlieren, wenn man nicht mehr reinfahren dürfe. Nach seiner Ansicht reiche auch eine Tempo-30-Zone aus. "Ich würde eher Schwellen einbauen, dass nicht gerast wird."

Für das Konzept von SPD und Grünen gibt es einen - allerdings nicht so weitgehenden - Vorgängervorschlag von der CSU, die schon im Oktober die Sperrung der Buchbindergasse am Freitag- und Samstagabend im Stadtrat beantragt hat. Sauer, dass hier etwas "geklaut" worden sein könnte, ist Fraktionsvorsitzender Michael Pfitzner nicht. "Wir begrüßen jede Idee, die Leben in die Innenstadt bringt und den Einkaufsstandort stärkt", sagt er. Aber man dürfe nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. "Wir sollten erst mal unseren Antrag umsetzen, ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Dann kann man über alles Weitere reden." Von Tempo zehn hält er nicht sehr viel: "Wir bauen auf die Vernunft, nicht auf Verbote und Gebote."