Eine Frau, der finanziell das Wasser bis zum Hals steht, muss sich jetzt auch noch vor dem Amtsgericht Kulmbach verantworten: Schulden, Schufa-Eintrag, Gerichtsvollzieher, Vermögensauskunft - und das Strafverfahren.

Es geht um Betrug. Wegen nicht gezahlter 5239 Euro - eine Forderung der Kindergeldkasse - stand die 30-Jährige aus dem Landkreis Kulmbach bereits mit einem Bein im Gefängnis und sollte eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen. Die Mutter von drei Kindern wurde festgenommen und auf die Kulmbacher Polizeiwache gebracht. Es blieb ihr eine halbe Stunde Zeit, das Geld zu beschaffen, bevor sie in die JVA Bamberg gebracht worden wäre. Ihr Retter war ein Mann, mit dem sie einige Tage vorher angebandelt hatte. Er trieb das Geld auf, von dem er bis zur Gerichtsverhandlung keinen Cent wiedergesehen hat.

Rechtspflege und Corona

Bevor die Verhandlung richtig begann, ermahnte Richterin Sieglinde Tettmann die Angeklagte und ihren Anwalt Christian Lorbach, Bayreuth: "Bitte a bissla auseinanderrücken - wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen." Abstandsregeln gelten eben auch im Gerichtssaal. Und bei der Einlasskontrolle ist eine Selbstauskunft über den Gesundheitszustand obligatorisch. Rechtspflege im Zeichen von Corona.

Dann konnte der Prozess weitergehen. Die zentrale Frage lautete: Hat sich die Frau unter Vorspiegelung falscher Tatsachen einen Vermögensvorteil verschafft? Hat sie dem Mann versichert, das Geld in der Folgewoche zurückzugeben? Wenn ja, wäre es Betrug.

"Hab' ich verseppelt"

Die Angeklagte berichtete, dass es Ärger mit der Kindergeldkasse gegeben habe. Dort sei man der Meinung gewesen, dass das Kindergeld dem getrenntlebenden Vater zustehe. Deswegen sei sie an jenem Samstag im März 2019 verhaftet worden. Zwischenfrage des Gerichts: "Dass gegen Sie ein Strafbefehl vorlag, haben Sie nicht gesehen? Die schreiben Sie x-mal an, bevor eine Ersatzfreiheitsstrafe angeordnet wird." Antwort: "Das ging an mir vorbei, das hab' ich verseppelt."

Bei der Kulmbacher Polizei, so die Frau weiter, habe sie erfolglos versucht, Verwandte zu erreichen, die ihr die Summe hätten leihen sollen. Deshalb habe sie ihren neuen Freund angerufen. "Es war mir megapeinlich. Die Beziehung hatte gerade so angefangen." Er sei gleich vorbeigekommen und habe von sich aus angeboten, ihr zu helfen. "20 Minuten später war er mit dem Geld wieder da. Ich bin ihm heute noch dankbar. Wäre er nicht gewesen, wäre es voll in die Hose gegangen." Sie habe gesagt, dass sie ihm das Geld auf jeden Fall zurückgebe. "Aber nicht an welchem Tag."

Ex-Freund sprang ein

Was ihm die Frau bei der Polizei erzählte, sei ihm glaubhaft und plausibel erschienen, meinte der Geschädigte. Er habe überlegt: "Die können die Mutter doch nicht von ihren Kindern trennen." Deshalb habe er geholfen. Die Frau habe außerdem vorher im Beisein von zwei Polizisten erklärt, "ich kriege das Geld in der nächsten oder übernächsten Woche zurück". Dann habe er von drei verschiedenen Konten jeweils den Höchstbetrag von 1000 Euro abgehoben und den Rest von den Tageseinnahmen seines Geschäfts entnommen, so der 39-Jährige.

Dass es bei der Frau "finanziell eng" war, wie es die Richterin formulierte, habe er nicht gewusst, sagte der Zeuge. Die Beziehung sei nach einigen Wochen auseinandergegangen. Die Angeklagte habe ihn immer wieder hingehalten, wie er mit Handynachrichten belegen konnte.

Aber Urlaub in der Türkei ...

Er habe sich gewundert, dass die Frau mit ihren Kindern zum Urlaub in die Türkei fliegen konnte. "Da war auch Geld da." Als er gar nichts mehr gehört habe, habe er Anzeige erstattet.

Einer der Polizeibeamten bestätigte, dass auf der Dienststelle über die Rückzahlungsmodalitäten gesprochen wurde. "Sie hat ihm versichert, dass er das Geld zeitnah wiederbekommt." Von einem Bausparvertrag oder Kredit sei die Rede gewesen. In der Folgewoche wolle sie sich darum kümmern.

Nachdem sich abzeichnete, dass es für die Frau eng werden könnte, verzichtete die Verteidigung nicht auf die Einvernahme des zweiten Polizisten, der diesmal verhindert war. Daher wurde die Verhandlung unterbrochen. Bis zum Fortsetzungstermin hat der kurzfristig verpflichtete Anwalt auch Zeit, sich in die Akte einzuarbeiten - und in eine zweite Anklage wegen Steuerhinterziehung.