"Sehr speziell und außergewöhnlich", so beschreibt Stefan Sesselmann selbst seine Arbeit. Der Mediziner, der aus Stadtsteinach stammt, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Orthopädie mit Orthopädischer Chirurgie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Speziell und außergewöhnlich ist sein Job aus mehreren Gründen. Die Arbeitsgruppe um Sesselmann erforscht nicht nur als erste weltweit den Einsatz von künstlichen Gelenken aus Keramik, sondern nutzt zur Bestimmung der Lage eines Implantats auch die so genannte Radio-Stereo-Analyse - als eine von vier Einrichtungen in Deutschland.

Messung im Mikrometer-Bereich

Bei dem kurz RSA genannten Verfahren handelt es sich um eine Röntgenmethode, mit der zwei Röntgenbilder gleichzeitig erstellt werden.
Über eine 3D-Computer-Software können dann Verschiebungen eines künstlichen Gelenks im Mikrometer-Bereich festgestellt werden. "Und das, bevor ein Patient Beschwerden hat oder etwas auf einem normalen Röntgenbild zu sehen ist", erklärt der 35-Jährige den großen Vorteil.

Diese Technik ermöglicht es Sesselmann nun, an neuen Materialien für Implantate zu forschen. Zum Beispiel ein Knie komplett aus Vollkeramik. "Das gibt es weltweit noch nicht. Es weiß noch niemand, wie sich der Einsatz von Keramik im Körper bewährt", betont er. Es ist seine Aufgabe, das herauszufinden. Die große Hoffnung, die in den Werkstoff gelegt wird, ist die Haltbarkeit. Denn herkömmliche Implantate nutzen sich ab und müssen deshalb regelmäßig kontrolliert werden.

Exakte Ergebnisse in zwei Jahren

In einer Studie mit einem kleinen Patientenkreis soll herausgefunden werden, ob das neue Material eine hohe Versagensrate hat oder genauso beziehungsweise besser ist als herkömmliche künstliche Gelenke. In zwei Jahren, so schätzt Sesselmann, könne man das schon sehr exakt sagen. Wenn alles gut läuft, rechnet er mit einer Marktfreigabe in etwa drei Jahren.

Die Vorteile von Keramik sind Sesselmann zufolge vielfältig: Keramik löse anders als Metall keine Allergien aus und habe weniger Abrieb. Hinzu komme, dass Patienten mit Keramikgelenken noch im Kernspin-Tomographen untersucht werden können, was mit Metall-Implantaten auf Grund von Artefaktenbildung nicht mehr möglich ist.

Die Entwicklung der High-Tech-Keramiken hat Stefan Sesselmann zufolge in den vergangenen Jahren viele Fortschritte gemacht. In seiner Stabilität grenze der Werkstoff inzwischen an die von Diamanten. Einen Nachteil will er aber auch nicht verschweigen: Sollte die Keramik doch einmal brechen, dann sei es schwierig, das Gelenk weiter zu versorgen, eine Versteifung droht. Sesselmann ist aber zuversichtlich, dass das nicht vorkommen wird. "Das Material ist so stabil, dass man sich an neue Einsatzgebiete heranwagen kann."

Künstliche Kniegelenke kommen nach den Worten des Mediziners bei Verschleißerkrankungen wie Arthrose ebenso zum Einsatz wie bei Knorpel- und Meniskusschäden. "Aber erst, wenn Physiotherapie, Massagen und Medikamente versagen."

Die Liebe zu seinem Beruf wurde Stefan Sesselmann mehr oder weniger in die Wiege gelegt. Denn Vater Manfred Sesselmann betreibt das Familienschuhhaus Orthopädie Schuhtechnik Sesselmann in Kulmbach. Sohn Stefan absolvierte auch eine Ausbildung zum Orthopädieschuhtechniker in Bamberg und war als Nachfolger vorgesehen.

"Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich weitermachen will, weil mein Interesse an der Medizin immer stärker wurde", erzählt der 35-Jährige rückblickend. Sein Vater nehme das inzwischen gelassen: "Wenn er sieht, wie es bei mir läuft, freut's ihn."


Zur Person Stefan Sesselmann


Abitur 1999 am MGF.

Ausbildung Nach seiner Ausbildung zum Orthopädieschuhtechniker begann er 2002 ein Medizinstudium an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg (2002 bis 2008) mit Promotion zum Dr. med. (2006 bis 2009).

Beruf Seine Karriere startete Sesselmann 2008 an der Klinik für Unfallchirurgie des Universitätsklinikums Jena. 2009 kam er zurück an die Orthopädie der Uni Erlangen. Nach einem Zwischenspiel an der Unfallchirurgie des Klinikums Fürth folgte die Rückkehr zum Orthopädischen Universitätsklinikum Erlangen.

Ehrenamt Sesselmann engagierte sich bis 2013 im Hospizverein Kulmbach. Im Rettungsdienst des BRK Stadtsteinach und Fürth hält er noch heute Vorträge im Rahmen der Sanitäter-Fortbildungen (Der 35-Jährige ist leitender Notarzt in Stadt und Landkreis Fürth).

Privat Stefan Sesselmann ist verheiratet und Vater einer Tochter.