Glyphosat, Genome Editing und "Farm to Fork" - an der neuen Fakultät der Universität Bayreuth am Außenstandort in Kulmbach wird an keinem geringeren Thema geforscht als an der Zukunft der globalen Nahrungsmittelproduktion. Der Pflanzenphysiologe Stephan Clemens und der Rechtswissenschaftler Kai Purnhagen erklären im Gespräch, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse Politikern helfen können, sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Wo liegen die Herausforderungen der Welternährung?

Stephan Clemens: Wir müssen Wege finden, wie wir viele Ziele unter einen Hut bringen. Beispielsweise fordert der Weltklimarat, dass wir deutlich mehr Waldflächen brauchen oder dass wir mehr Flächen für Bioenergie einsetzen. Zusätzlich wollen wir die Biodiversität fördern. Dazu müssen ebenfalls Flächen aus der Nutzung genommen werden. Das heißt, wir müssen künftig mehr Menschen ernähren, können aber auf weniger Fläche produzieren unter schlechter werdenden klimatischen Bedingungen. Sie sehen, da gibt es Zielkonflikte auf verschiedenen Ebenen.

Die Europa Kommission hat dieses Jahr die "Farm to Fork"-Strategie auf den Weg gebracht. Sie sehen den Ansatz kritisch. Wo liegt das Problem?

Kai Purnhagen: Die Idee, die hinter der "Farm to Fork"-Strategie steht, ist gut, aber die wissenschaftliche Datenbasis fehlt. Es wurden keine Folgenabschätzungen durchgeführt, sondern lediglich bestimmte Maßnahmen festgelegt. Es ist fraglich, ob diese geeignet sind, die Ziele zu erreichen. Ein Beispiel ist das Hochfahren der Biolandwirtschaft auf 25 Prozent der Flächen. Dadurch fallen Erträge weg, die wir wahrscheinlich durch Importe wieder ausgleichen müssen. Es nutzt nichts, wenn wir uns in Europa zum Musterknaben machen, aber letztendlich die Probleme nur exportieren.

Was machen die Politiker denn falsch?

Clemens: Man darf nicht auf bestimmte Lösungsansätze verzichten aus Gründen, die nicht vernünftig sind, sondern rein ideologiegetrieben. Wir müssen alle Möglichkeiten nutzen, die uns zur Verfügung stehen. Wenn wir beispielsweise auf Genome Editing verzichten, geben wir eines der Werkzeuge aus der Hand, Zielkonflikte zu lösen und landwirtschaftliche Erträge sicherzustellen. Durch Genome Editing kann man sehr effizient das pflanzliche Immunsystem stärken und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren. Allein durch das gezielte Ausschalten gewisser Gene lassen sich Pflanzen schnell züchterisch verbessern. Wir müssen offen sein für Innovationen.

Warum hat Genome Editing so einen schlechten Ruf?

Clemens: Menschen neigen dazu, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit, zu bestimmten Meinungen und damit auch schnell zu Lösungen zu kommen. Zur Gentechnik gibt es noch viele Ressentiments aus alten Zeiten, weil das Thema von bestimmten Organisationen und Parteien gewinnbringend eingesetzt wurde. Nur unmittelbarer Nutzen führt dazu, dass eine neue Technologie akzeptiert wird. Beispielsweise war in den 1980er Jahren die Produktion von menschlichem Insulin in Bakterien ein Schreckensszenario. Heute ist die Methode Standard. Die Diskussion um das Genome Editing muss neu geführt werden.

Welche Rolle spielt die Rechtsprechung dabei?

Purnhagen: Im Europarecht müsste der Rahmen für "Gentechnisch veränderter Organismus" (GVO) neu entwickelt werden. Die wenigsten Verbraucher wissen, dass Getreideprodukte bereits jetzt zu über 80 Prozent aus mutagenisierten Pflanzen bestehen. Das heißt, das Saatgut wurde radioaktiv bestrahlt oder mit Chemikalien behandelt, um so die DNA und damit die Eigenschaften zu verändern. Eine Pflanze, die auf diese Weise entstanden ist, ist rechtlich zwar als GVO definiert, muss aber nicht als solche zugelassen und gekennzeichnet werden - im Gegensatz zur gleichen Pflanze, die mittels Genome Editing entstanden ist.

Was gilt es bei der Neuausrichtung der Agrarpolitik zu beachten?

Clemens: Es gibt keine einfachen Lösungen. Man kann nicht pauschal sagen: Wir verbieten Pflanzenschutzmittel. Sondern, man muss sich jedes einzelne genau anschauen und fragen: Wo wird es sinnvoll eingesetzt und wo ist eine Reduktion möglich? Zum Beispiel Glyphosat, es an richtiger Stelle zu verwenden und entsprechend zu dosieren, macht Sinn. Es wirkt gezielt nur auf Pflanzen, die giftige Dosis für Menschen und Tiere ist geringer als bei Aspirin oder Kochsalz. Kupfer hingegen, das regulär im Ökolandbau eingesetzt wird, ist ein unspezifisches Gift. Es wirkt auf alle Organismen toxisch. Da es aber nicht aus der synthetischen Chemie kommt, ist es erlaubt. Diese Zusammenhänge werden der Öffentlichkeit kaum kommuniziert.

Liegt die Verantwortung allein bei der Politik?

Clemens: Nein, wir brauchen dringend ein verändertes Konsumentenverhalten. Der Fleischanteil in unserer Ernährung muss abnehmen, wir müssen weniger Lebensmittel wegwerfen. Nehmen Sie etwa die heimische Kartoffelproduktion. Die Verbraucher wollen saubere Kartoffeln, doch durch das Bürsten verdirbt die Oberfläche schneller und 20 Prozent des Feldertrags muss aussortiert werden. Das sind riesige Mengen verzehrbarer Lebensmittel, die hier weggeworfen werden. Da muss ein großes Umdenken stattfinden.

Viele Verbraucher wollen alles richtig machen, wissen aber nicht wie. Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Purnhagen: Wir müssen den Verbrauchern reinen Wein einschenken. Man könnte auf der Verpackung angeben, wie viel die Produktion eines Lebensmittels wirklich gekostet hat oder wie viel Klimagas-Ausstoß damit verbunden ist. Auch das Herkunftsland ist derzeit mit Vorsicht zu genießen, denn nur der wesentliche Produktionsschritt muss dort stattgefunden haben. Sie wissen also nicht ob die Milch aus Irland tatsächlich von irischen Weidekühen stammt. Ein Mix aus besserer Information, Verboten und Maßnahmen zur Vereinfachung von Entscheidungen würden das Einkaufen erleichtern.

Ist Regionalität die Lösung?

Purnhagen: Meiner Meinung nach ist die Mischung aus regional und international wichtig. Es macht keinen Sinn, Lebensmittel nur regional einzukaufen. Über 70 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion hängt von Kleinbauern ab. Deren Existenz wiederum hängt an der Einbeziehung in weltweite Handelsketten. Freihandelsabkommen wie Mercosur sind deshalb ein Schritt in die richtige Richtung, weil wir damit auch die Produktionsbedingungen im Ausland beeinflussen können.

Ist mit der "Farm to Fork"-Strategie das Kind nun in den Brunnen gefallen?

Purnhagen: Nein, "Farm to Fork ist eine Absichtserklärung der Kommission. Sie ist nicht bindend, aber bei der Umsetzung wird der Teufel im Detail stecken. Wir versuchen, die regulatorischen Möglichkeiten aufzuzeigen, basierend auf den Erkenntnissen der Nachbarwissenschaften hier am Lehrstuhl. Wir übersetzen die Forschungsergebnisse in rechtliche Mechanismen, publizieren in Fachmagazinen oder beraten in der Politik. Zum Beispiel halte ich Vorträge im EU-Parlament, Stephan Clemens ist bei Bundestagsanhörungen mit dabei.

Kann man also sagen von Kulmbach aus wird Politik gemacht?

Clemens: Wir wollen selbst keine Politik machen, aber Impulse setzen und Informationen bereitstellen, sodass sinnvolle politische Entscheidungen möglich werden. Dazu sind mutige Politiker notwendig, die ihren Kurs verfolgen, auch wenn sie mal einen "Shitstorm" in den sozialen Medien produzieren.