Die Lippe aufgeplatzt, ein Auge blau, Striemen auf dem Rücken: Diese "Andenken" soll Tobias, der Sohn von Elvira und Oliver Schulze (alle Namen geändert), mitgenommen haben aus einer Begegnung mit zwei Bundespolizisten am Kulmbacher Bahnhof. Der 18-Jährige hatte nach Angaben seiner Eltern einen Streit schlichten wollen zwischen einigen Jugendlichen, die er kennt, und den Ordnungshütern aus Selb. Dabei sei er zwischen die Fronten geraten und verletzt worden, so dass er am Klinikum behandelt werden musste. Auch die Mutter habe einen Schlag abbekommen. Die Eltern haben mittlerweile Strafanzeige gegen zwei Beamte wegen Körperverletzung im Amt erstattet.

"Keiner hat gepöbelt"

Das Ereignis soll sich bereits Ende Januar zugetragen haben. Die Eheleute seien an besagtem Tag in der Stadt gewesen, um nach ihrem Sohn zu sehen. Dabei seien die beiden auch zum Bahnhof gekommen.
"Wir haben dort unseren Sohn angetroffen und auch andere Jugendliche, die sich dort aufhielten. Plötzlich gingen Beamte aus der Gruppe der Bundespolizei auf einen 16-Jährigen aus der Clique los", sagt Oliver Schulze. Er betont, dass keiner der jungen Leute zuvor herumgepöbelt oder die Ordnungshüter in irgendeiner Form provoziert habe. Auslöser sei womöglich eine Äußerung, die Elvira Schulze so wiedergibt: "Der 16-Jährige hat den Polizisten gesagt, sie sollten die Clique in Ruhe lassen und sich lieber mal um die frei rumlaufenden Kinderschänder kümmern."

Kurz darauf hätten, so berichtet es die Mutter, zwei Beamte ihre Teleskop-Schlagstöcke ausgefahren und den Jugendlichen in der Wartehalle des Bahnhofs in eine Ecke gedrängt. "Einer hat ihn festgehalten, der andere bearbeitet." Als Tobias seinen Freund aus der Umklammerung befreien wollte, soll er von den Beamten mit dem Schlagstock malträtiert worden sein.

Alles dokumentiert

Die Folgen sind die genannten Verletzungen gewesen. Das Ehepaar habe alles dokumentiert, was seine Schilderung des Vorfalls bestätige. "Wir haben die entsprechenden Unterlagen vom Klinikum und unserem Hausarzt angefordert." Laut der Befunde sei Tobias Schulze zunächst in der Notaufnahme des Krankenhauses aufgenommen und später von seinem Hausarzt krank geschrieben worden.

Was Oliver Schulze ärgert: "Nach der tätlichen Auseinandersetzung haben sich die Beamten geweigert, sich auf meine Anfrage hin auszuweisen. Erst nachdem ich telefonisch mit dem Dienstgruppenleiter in Selb Kontakt aufnahm, zeigten mir die Beamten ihren Personalausweis. Keiner der Betroffenen konnte sich als Beamter ausweisen - weder per Dienstausweis noch mit Dienstmarke."

Laufendes Verfahren

Die Bundespolizei in Selb bestätigte auf BR-Anfrage, dass entsprechende Anzeigen gegen zwei Beamte vorlägen. Allerdings dürfe die Dienststelle keine weiteren Auskünfte erteilen, da sie Beteiligte des laufenden Verfahrens ist. Jedoch bestünden seitens der Polizei an der Schilderung der Eltern erhebliche Zweifel. Die Staatsanwaltschaft in Bayreuth bestätigte den Eingang der Anzeige gegen die Polizisten, konnte jedoch noch nichts zum weiteren Prozedere mitteilen.

Was den 18-Jährigen betrifft, so ist dieser von seinen Verletzungen genesen. Allerdings, so sagte sein Vater Oliver Schulze vorgestern der BR, habe sein Sohn bereits wieder mehrfach Kontakt mit Kulmbacher Polizeibeamten gehabt. "Sie haben ihn gefilzt und ihm das Handy weggenommen, dann musste er mit aufs Revier. Für uns ist das pure Schikane, weil wir uns als Eltern das Vorgehen der Polizei nicht haben gefallen lassen."
Reinhard Eber, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion, sagt hingegen, von Willkür könne keine Rede sein. "Der Betroffene fällt immer wieder auf, deswegen müssen wir vor dem Hintergrund der Gefahrenabwehr oder Ermittlung eventueller weiterer Straftaten auch unserer polizeilichen Pflicht nachkommen."

Nach Angaben der Polizei inspektion war der 18-Jährige erst im Januar dieses Jahres vom Amtsgericht Kulmbach zu einer Jugendstrafe von mehr als zwei Jahren verurteilt worden. Dabei ging es unter anderem um Körperverletzung, Beleidigung und Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz. Allerdings wurde das Urteil noch nicht vollstreckt, da Revision beantragt wurde.

Vor der Haft geflohen

In der Folgezeit fiel der junge Mann weiterhin durch Straf taten auf. Nachdem er Zeugen gegenüber äußerte, er werde sich keinesfalls einsperren lassen, wollten Polizeibeamte den 18-Jährigen auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Bayreuth am Donnerstag festnehmen. Allerdings versuchte der Kulmbacher zunächst sein Heil in der Flucht. Dies konnte jedoch verhindert werden. Gestern nun erging Haftbefehl gegen ihn.