In Zeiten explodierender Energiepreise und vor dem Hintergrund möglicher Versorgungsengpässe raten diverse Experten nicht zuletzt von Wirtschaftsverbänden auch den Kommunen, beim Thema Erneuerbare Energien den Ausbau vor Ort zu forcieren und die Bürger daran zu beteiligen. "Genau das haben wir vor", sagt OB Ingo Lehmann (SPD) und meint damit unter anderem die Freiflächen-Photovoltaikanlage in Grafendobrach. Städte müssten bei der Stromgewinnung neue Wege beschreiten. "Mit unseren Stadtwerken können wir innovativ und vor allem klimafreundlich handeln. Mit dem in Grafendobrach erzeugten Strom können bis zu 20 000 Bürger versorgt werden." Der Clou, so Lehmann: Mittels Crowd-Investing können sich Bürger finanziell an der Anlage beteiligen und von den Erträgen profitieren.

Nach Angaben der Stadt konnte sich - im Rahmen einer Gesamtsumme von einer Million Euro - jeder Grafendobracher exklusiv für einen Zeitraum von fünf Jahren mit einem Betrag zwischen von 100 bis 10000 Euro beteiligen und erhält hierfür eine Verzinsung von vier Prozent pro Jahr. Darüber hinaus sollen in einem nächsten Schritt auch Interessenten außerhalb von Grafendobrach die Möglichkeit zur Investition bekommen. Wann und wie dies vonstatten geht, will die Stadt zu gegebener Zeit mitteilen.

Über das Thema und derlei Modelle berät heute auch der Stadtrat. Es geht um einen Grundsatzbeschluss zur Solarenergie. Zur Erinnerung: Zunächst hatte sich das Gremium 2019 mehrheitlich gegen eine solche Freiflächen-PV ausgesprochen. Ein Beschluss des Stadtrats mit der Nummer 4439 aus dem Jahr 2014 hatte vorgesehen, derlei Freiflächenanlagen zu verbieten und nur Photovoltaik auf Dächern zuzulassen. Module in der freien Landschaft lehnte die damalige Mehrheit von WGK, CSU und FDP noch ab. Der Meinungsumschwung erfolgte schließlich im November 2019.

Das steht drin

Im besagten Grundsatzbeschluss soll unter anderem festgelegt werden, das bereits vorliegende PV-Konzept nicht nur rein energetisch, sondern als städtebauliches Entwicklungskonzept anzusehen und zu beschließen. Dieses Konzept sieht vor, dass die Stadt Kulmbach über rund 4,6 Millionen Quadratmeter potenziell geeigneter Flächen für PV-Anlagen verfüge; 2,3 Millionen Quadratmeter stellten priorisierte und vorrangig zu entwickelnde Flächen dar.

Dabei ist die genannte Freiflächen-Anlage auf knapp zwölf Hektar Ackerland keine Utopie mehr, im Gegenteil: Sie geht ihrer Fertigstellung entgegen und könnte womöglich schon im April den ersten Strom liefern. Die Firma Münch Energie aus Rugendorf und die Stadt Kulmbach mit den Stadtwerken Kulmbach gründeten die Neue Energie Kulmbach GmbH & Co. KG. Sie ist zugleich Eigentümer und Betreiber der Freiflächenanlage in Grafendobrach. Die komplette Investitionssumme beläuft sich auf rund 15 Millionen Euro. Prognostiziert als Jahresleistung sind 20 Millionen Kilowattstunden - umgerechnet mehr als zehn Prozent der Gesamtstromverbrauchsmenge im Stadtgebiet, wobei dies alle Haushaltskunden plus Gewerbe und Industrie einschließt, sagt die Stadtverwaltung.

Bauamtsleiter Jens Ellinghaus bekundet: "Mit einem entsprechenden Grundsatzbeschluss würde sich der Stadtrat zur Energiewende bekennen und einen wichtigen Rahmen für den weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien setzen, hier insbesondere der Solarenergie."

Die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt sowie die Erkenntnisse aus dem Konzept zur Standortbewertung von PV-Freiflächenanlagen zeigten, dass in der Stadt nicht nur eine Energiewende möglich, sondern mit einer nachhaltigen und geordneten Stadt- und Landschaftsentwicklung vereinbar sei. "Es ist grundsätzlich ein hohes Potenzial zur Gewinnung und Nutzung von Solarenergie im Kulmbacher Land vorhanden, obwohl in dem Konzept ein umfangreicher Kriterienkatalog angewendet wurde, um die aus fachlicher und rechtlicher Sicht gut geeigneten Flächen zu ermitteln."

Dabei behalte die Stadt - und damit der Stadtrat - weiterhin die Gestaltungs- und Planungshoheit. Das Konzept diene als "Leitschnur und transparente Entscheidungsgrundlage" für künftige Vorhaben. "Die Stadt Kulmbach geht keinerlei Verpflichtung ein, und es besteht kein rechtlicher Anspruch auf die Entwicklung von PV-Freiflächenanlagen." Eine "unausgewogene Standortentwicklung" kann, so Ellinghaus, vermieden werden. Und: Es obliege dem Stadtrat, Wertschöpfung in der Region zu halten und Bürger von der Entwicklung profitieren zu lassen.

Bei all dem bleibt zu fragen: Was wird aus den landwirtschaftlichen Flächen, die für solche Anlagen benötigt werden? Den Bauern sollen die Produktionsgrundlagen nicht entzogen werden, heißt es seitens der Stadtverwaltung. Mittels der so genannten Agri-Photovoltaik solle eine Doppelnutzung möglich sein. In Grafendobrach sieht das so aus: Um die Module herum weiden Schafe, es wurden Insektenhotels errichtet und spezielle Blühwiesen angesät.

Riesiges Potenzial

Die Forschung ist hier sogar einen Schritt weiter: Um den Bauern eine normale Bewirtschaftung des Bodens zu ermöglichen, kann die PV-Anlage auf so hohen Trägern montiert werden, dass darunter selbst große Traktoren und Erntemaschinen wie gewohnt verkehren können. Das Fraunhofer-Institut hat eine sprunghafte Entwicklung solcher Mehrfachnutzungen registriert. Weltweit stieg demnach die installierte PV-Leistung auf Agrarflächen zwischen 2014 und 2020 von fünf Megawatt auf über 14 Gigawatt. Allein für Deutschland sehen die Experten rein rechnerisch ein Potenzial von bis zu 1,7 Terrawatt - das entspräche der Leistung mehrerer Atomkraftwerke.

Stimmen

OB Ingo Lehmann: "Es tut sich was bei der Energiewende in Kulmbach. Nach der Initiative der Stadtwerke zur Belegung von Dachflächen bei privaten Wohngebäuden sowie Industrie- und Gewerbegebäuden mit PV-Anlagen steigen wir jetzt in die regenerative Stromerzeugung mit PV-Freiflächenanlagen ein. Eine runde Sache und wichtige Initiative für Region, Stadt und Natur."

Werkleiter Stephan Pröschold (Stadtwerke):

Unser Ziel ist klar: die Versorgung unserer Kunden mit nachhaltigem, grünem Strom aus unserer Region. Mit der PV-Freiflächenanlage in Grafendobrach kommen wir dem mit großen Schritten näher. Darauf können wir stolz sein!"

Geschäftsführer Mario Münch: Neben grüner Energie, der Möglichkeit der Bürgerbeteiligung und einer Sicherung der Arbeitsplätze durch langfristig konstante Energiepreise ist dieses Projekt zukunftsweisend, weil die gesamte Wertschöpfung in der Region bleibt."

Stadtrat Rainer Ludwig (WGK), zugleich energiepolitischer Sprecher der Freien Wähler im Landtag: Ich habe mich - auch gegen meine Kulmbacher Fraktion - immer für die PV in Grafendobrach ausgesprochen. Wir brauchen nicht zuletzt mit Blick auf Klimaschutz und die Preisentwicklung beim Strom den ambitionierten und kraftvollen dezentralen Ausbau aller erneuerbaren Energien, wie wir es auch im Landtag fordern. Dazu stehe ich uneingeschränkt."