Sind die Zeiten, in denen Patienten zum Notdienst die Praxis eines niedergelassenen Haus- oder Facharztes aufsuchen, bald vorbei? Es sieht so aus, als müssten all die, die den Notdienst in Anspruch nehmen, sich ab 2017 auf den Weg zum Klinikum machen. Dort ist die Einrichtung einer zentralen Bereitschaftspraxis geplant.
Seit geraumer Zeit wird über die künftige Gestaltung des Bereitschaftsdienstes und die Schaffung einer Bereitschaftspraxis diskutiert. Die Planungen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) haben viele Allgemeinmediziner und Fachärzte, die den Bereitschaftsdienst im Raum Kulmbach stemmen, bis dato auch aus Kostengründen abgelehnt. Es sind Planungen, die neben dem Aufbau der Praxis auch die Zusammenlegung des Bereitschaftsdienstes für Kulmbach, Bayreuth und Pegnitz vorsehen.


Weite Strecken

An dem Dreier-Verbund führt wohl kein Weg vorbei. Das wurde bei einem Treffen mit den KVB-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Krombholz und Pedro Schmelzer deutlich, zu dem MdB Emmi Zeulner (CSU) auch Ärzte geladen hatte. Vorgesehen ist, an den Kliniken in Kulmbach, Bayreuth wie auch Pegnitz eine Bereitschaftspraxis einzurichten. Niedergelassene Ärzte sollen dort "sitzende" Notdienste leisten, im neuen System aber auch Hausbesuche durchführen, die Kulmbacher Mediziner in Extremfällen im Verbundgebiet bis nach Pegnitz führen könnten.


Die Finanzierungsfrage

Die Fahrdienste haben viele hiesige Medizinern bis dato abgelehnt. Sie haben auch befürchtet, dass sie beim Aufbau der Praxis zur Kasse gebeten werden. Das scheint nun vom Tisch zu sein. Die Kassenärztliche Vereinigung wird die Finanzierung übernehmen, stellt KVB-Notdienste-Leiter Gökhan Katipoglu fest, nach dessen Worten der Landkreis Kulmbach Teil einer Pilotregion werden könnte.


Ein "Ärztepool"

Niedergelassene Mediziner hätten zwar grundsätzlich die Notdienst-Pflicht, doch könnten freie Dienste künftig von Medizinern aus dem ganzen Freistaat übernommen werden, die sich einem "Ärztepool" angeschlossen hätten, so Katipoglu. Bayernweit gebe es bereits 500 Ärzte, die in anderen Regionen Notdienste in Praxen oder auch Fahrdienste übernehmen. Ob es sich für einen Nürnberger Mediziner lohnt, in einer Kulmbacher Bereitschaftspraxis zu arbeiten? "Es lohnt sich. Die KVB zahlt auch eine Übernachtungspauschale", erläutert Katipoglu. Ärzte im Fahrdienst bekämen ein Fahrzeug und einen Fahrer zur Verfügung gestellt.


"Ärzte sollen entscheiden"

Ob sich die Kulmbacher Mediziner jetzt für die Reform begeistern lassen? Nicht wenige halten eine Kehrtwende für möglich, da mit der Finanzierung ein bis dato strittiger Punkt gelöst sei.
"Wenn die Kostenfrage geklärt ist und wir Dienste künftig auch abgeben können, bin ich persönlich der Letzte, der sich gegen solche Pläne sperren wird", stellt der Obmann der niedergelassenen Ärzte, Heinrich Behrens, fest. Behrens hofft, dass die KVB das Gespräch mit dem Klinikum sucht und ("Sollte es zu einer Einigung kommen ") die Pläne dann den niedergelassenen Ärzten präsentiert. "Die sind es, die darüber entscheiden sollten, ob sie die Pilotregion wollen."


"System funktioniert"

Einer, der den Verbund mit Bayreuth und Pegnitz ablehnt, ist Orthopäde Ralph Aman. Der Kulmbacher betont, dass es ein funktionierendes Bereitschaftssystem gibt und er wie viele seiner Kollegen keine Notwendigkeit für eine Neuausrichtung sehe. Bei einer Abstimmung im Oktober hätten 54 von 56 Medizinern gegen den Zusammenschluss mit Pegnitz und Bayreuth gestimmt. Aman bedauert, dass die Politik die Notfallversorgung an den Kliniken unterbringen will. Das gehe zu Lasten der niedergelassenen Mediziner. Und auch wenn sich die KVB brüste, die Kosten zu übernehmen: "Zahlen tun es wir Ärzte über die Beiträge, die wir entrichten."
Ganz andere Töne schlägt der Thurnauer Allgemeinarzt Volker Seitter an. Eine zentrale Praxis am Kulmbacher Klinikum würde nicht nur die dortige Notfallaufnahme entlasten, "sondern wäre auch eine Hilfe für die Patienten, die dann einen festen Anlaufpunkt hätten".

Zwei positive Aspekte, die auch Emmi Zeulner herausstellt. Die CSU-Abgeordnete sieht in der Pilotregion, in der Medizinern auch eine "auskömmliche Vergütung" gewährt würde, eine große Chance für Kulmbach. Schon im Januar soll es nähere Informationen geben. "Ich hoffe, dass sich die niedergelassenen Ärzte überzeugen lassen und mitziehen", so die CSU-Abgeordnete.
Emmi Zeulner wünscht sich, dass die Bereitschaftspraxis am Klinikum Mitte 2017 starten kann.


Das sagt das Klinikum

Dass das Kulmbacher Klinikum für eine zentrale Bereitschaftspraxis ist, die auch die dortige Notaufnahme entlasten könnte, daraus macht Geschäftsführerin Brigitte Angermann keinen Hehl.Um eine solche Praxis aufzubauen, müssten allerdings die Rahmenbedingungen passen. So müsse geklärt werden, wer die Ausstattung zur Verfügung stellt, ob die Praxis in die Notaufnahme integriert oder in eigenen Räumen untergebracht werden soll. "Sowohl die niedergelassenen Ärzte als auch das Klinikum würden eine Bereitschaftspraxis in eigenen Räumen präferieren", sagt dazu Brigitte Angermann.

Wie sie ausführt, würde die Bereitschaftspraxis nur zu bestimmten Zeiten betrieben, in den Abendstunden, am Samstag, Sonntag und an Feiertagen. Wann genau, das müsste abgestimmt werden. "Diese Zeiten sind von den niedergelassenen Ärzten oder den Poolärzten abzudecken. In den darüber hinaus gehenden Zeiten würden die ambulanten Notfälle, wie bisher, über die Notaufnahme des Klinikums laufen", erläutert die Geschäftsführerin.

Menschen, die leicht verletzt sind oder auch nur leicht erkrankt, könnten in der Bereitschaftspraxis schneller behandelt werden. "Bisher haben gerade diese Patienten in der Notaufnahme sehr lange Wartezeiten in Kauf zu nehmen", sagt Brigitte Angermann und führt an: "Die Notaufnahme verwendet zur Ersteinschätzung ein standardisiertes Verfahren, das Manchester Triage System. Nach diesem werden Patienten in fünf Dringlichkeitsstufen eingeteilt, nach denen sich die Wartezeit bemisst." Die KVB wolle die Bereitschaftspraxis Mitte 2017 realisieren. Brigitte Angermann: "Dies bedeutet, dass wir bis zur Verwirklichgung des Neubaus eine Übergangslösung realisieren müssten, was aber aus unserer Sicht gut möglich sein sollte."