Lena Radtke ist das, was man eine moderne Frau nennt. Erfolgreich im Beruf, vielseitig interessiert, Sportlerin durch und durch. Eine, die ihr Leben in die Hand nimmt, sich den Herausforderungen stellt, eine, die mutig ist. Doch als die 25-jährige Mainleuserin im vergangenen Jahr an Corona erkrankte, änderte sich ihr Leben schlagartig. Heute ist sie eine Long-Covid-Patientin, zeigt weitreichende Spätfolgen des tückischen Virus.

Das Unheil nahm seinen Lauf

Deshalb gab es für die Erzieherin kein langes Überlegen, als sie ein Impfangebot erhielt. Am Sonntag vorletzter Woche bekam sie die erste von zwei Injektionen - mit Astrazeneca. Dann nahm das Unheil seinen Lauf ...

Doch der Reihe nach. Es ist ein Jahr her, als Lena Radtke mit dem Covid-19-Erreger infiziert wurde. Zusammen mit ihrem ebenfalls erkrankten Partner Andy begab sie sich in Quarantäne. Im Gegensatz zu ihrem Lebensgefährten durchlebte sie einen relativ schweren Verlauf. "Ich bin in kurzer Zeit um 30 Jahre gealtert", sagt Lena ohne Theatralik.

Wenn sie spricht, klingt das alles sehr rational, sachlich, nüchtern und ohne Übertreibung. Das Leben der jungen Frau änderte sich schlagartig. Früher betrieb sie Kampfsport, war Kraxeln in den Bergen, ambitioniert mit dem Mountainbike unterwegs oder lief schon mal problemlos anstrengende Etappen auf dem Jakobsweg.

Nach wenigen Stufen völlig erschöpft

Das ist Geschichte. Wenn Lena heute eine Treppe benutzt, ist sie nach wenigen Stufen völlig erschöpft. Sie wirkt müde, leer, abgeschlagen. Ihre Leistungsfähigkeit hat merklich abgenommen. Lena ist eine Long-Covid-Patientin. Deshalb freute sich die Mainleuserin darüber, dass sie ein Impfangebot bekam. Als Erzieherin einer Bayreuther Kita gehört sie zu einer priorisierten Gruppe.

"Ich wollte die Impfung aus freien Stücken, weil ich sie für sinnvoll halte, gerade in meinem Fall. Weil ich eben schon Corona hatte, habe ich Angst vor einer erneuten Infektion - womöglich mit der noch schlimmeren englischen Mutante", sagt sie.

Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Fieber

Am Sonntag vor zwei Wochen war es dann so weit: Lena bekam im Impfzentrum Bayreuth Astrazeneca. In den ersten Stunden danach war alles noch in Ordnung. Doch am Abend gegen 19 Uhr kamen die ersten Reaktionen: Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Schüttelfrost. Und Fieber. Messungen ergaben zunächst 38,8 Grad und zwei Stunden später 39,3 Grad. Die junge Frau ging zu Bett.

Gegen 1 Uhr wachte sie auf - völlig durchgeschwitzt. Weil es ihr übel war, wollte sie zur Toilette. Deshalb weckte sie ihren Partner, was sich kurz darauf als eine Entscheidung herausstellte, die ihr womöglich das Leben rettete. Der begleitete seine Freundin ins Bad, wo sie plötzlich kollabierte und in Bewusstlosigkeit fiel. Als sie dann Anzeichen von Erbrechen zeigte, erkannte ihr Partner die Brisanz der Lage. In diesem Zustand droht der akute Erstickungstod.

"Meine Sprache war total verwaschen"

Andy setzte einen Notruf ab. Der Rettungswagen brachte die Patientin ins Klinikum Kulmbach. Ihr Zustand war besorgniserregend. Sie zeigte Lähmungserscheinungen und krampfte: "Ich konnte meine Hände und Füße nicht mehr bewegen. Meine Sprache war total verwaschen, meine Zunge pelzig", erinnert sich die junge Frau.

Nach der Behandlung im Klinikum wurde Lena Radtke entlassen. "Hyperventilieren nach Impfreaktion", so lautete die Diagnose. Genauere Angaben finden sich nicht. Als Ursache ausgeschlossen werden können jedenfalls Risikofaktoren, die die heftige Impfreaktion erklären könnten: Weder raucht Lena, noch nimmt sie die Anti-Baby-Pille.

Jetzt, einige Tage nach dem Vorfall, hat sich die Situation etwas beruhigt. Das Fieber ist zurückgegangen, doch andere Symptome sind immer noch präsent. Lena ist es dauerhaft "leicht übel", sie hat Kreislaufprobleme und Schwindelattacken. Ihre Hausärztin schrieb sie krank.

Impfreaktionen dieser Art besonders bei AstraZeneca scheinen bekannt zu sein. So berichten Mitarbeiter im medizinischen Dienst immer wieder von Problemen nach der Verabreichung des englisch-schwedischen Präparats. Zeitweise war dessen Einsatz sogar ganz ausgesetzt. Seit Dienstag empfiehlt die Ständige Impfkommission die Verwendung von Astrazeneca nur bei der Altersgruppe der über 60-Jährigen.

Tödliche Impfreaktionen

Vor wenigen Wochen aber lautete die Empfehlung noch völlig anders: Da sollte das Vakzin bei den über 65-Jährigen nicht verwendet werden - weil die Datenlage für diese Gruppe unzureichend war. Gesichert ist jedoch, dass in Deutschland mittlerweile 31 Hirnsinusthrombosen in Zusammenhang mit Astrazeneca diagnostiziert wurden. Neun davon endeten tödlich. Auch aus anderen Ländern sind Todesfälle bekannt. Betroffen sind überdurchschnittlich oft jüngere Frauen.

In dieser Gruppe macht sich daneben noch eine ganz andere Befürchtung breit: Dass dieser Impfstoff für Fertilitätsstörungen sorgen könnte und Frauen unfruchtbar würden. Offiziell bestätigte Erkenntnisse, dass dem so ist, liegen bisher nicht vor. Experten wie Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar in München, halten dies für eine falsche Behauptung, für die es wissenschaftlich keine Beweise und nicht einmal den "leisesten Hinweis" gibt.

Ein mulmiges Gefühl bleibt

In Anbetracht der neuerlichen Entwicklung haben viele mit Astrazeneca geimpfte Menschen ein mulmiges Gefühl. Das Serum wird in zwei Abschnitten verabreicht, die Termine können bis zu zwölf Wochen auseinander liegen.

Auch Lena Radtke hat einen zweiten Impftermin im Juni. Wird sie ihn wahrnehmen? Lena überlegt. Dann eine ebenso fatalistische wie pragmatische Antwort: "Was soll ich denn tun? Wenn ich die zweite Impfung ablehne, dann war das alles doch umsonst. Also Augen zu und durch." Corona hat Lena viel weggenommen. Ihren Mut jedoch nicht.