Zehntausende Schuhe wurden Jahr für Jahr in Thurnau gefertigt - der weithin bekannte Töpferort war einst nicht nur für die Keramikkunst, sondern auch für sein Schuhhandwerk bekannt. "Wir haben Qualität hergestellt", sagt Kriemhild Geißler, die von 1980 bis 1987 bei der Firma "Amigo" beschäftigt war und sich gerne an die Zeit erinnert, in der sie zunächst in Heimarbeit, über viele Jahre dann aber in den Produktionsräumen in der Hutschdorfer Straße tätig war. Kriemhild Geißler hat im heimischen Wohnzimmer Fersenfutter an das Lammfell für Winterstiefel genäht, im Betrieb später meist die Bodenteile für Halbschuhe aufgenäht.

Die alte Baracke am Bahnhof

Ein Zeitzeuge ist auch Thomas Grelich. Er ist der Sohn der Firmengründerin Elisabeth Becker, die als Vertriebene nach dem Krieg in Thurnau gelandet war und in einer alten Baracke am Bahnhof mit einer Freundin die Fertigung begonnen hatte. "Unter den Vertriebenen waren Schuster, die wussten, wie man Leisten herstellt, die aus alten Reifen Sohlen gemacht haben", berichtet Grelich.

"Die Idee war, etwas herzustellen, was in dieser Zeit jeder gebrauchen konnte." So hat Firmengründerin Elisabeth Becker den Unternehmensstart im Herbst 1945 später selbst zusammengefasst. Dass es eine gute Idee war, mit der Schuhproduktion zu beginnen, zeigte sich an der Entwicklung. 1949 wurde der erste handgenähte Damenstiefel der Bundesrepublik in Thurnau hergestellt. Thomas Grelichs Vater Günther hat die Firma groß gemacht, in die er dann auch selbst eingestiegen ist. In den 1980er Jahren verließen bis zu 70.000 Stiefelpaare im Jahr die Fertigungshalle. Die Belegschaft zählte über 100 Mitarbeiter.

"Orthopädische Bequemschuhe"

Nach der Insolvenz im Jahre 1987 ging es unter anderen Namen weiter. Als "Vitalloflex" und später als "Berkoflex" wurden vorwiegend orthopädische Bequemschuhe gefertigt. Eine, die das "Amigo"-Aus noch mitbekommen hat und bis 1998 in den Nachfolgefirmen beschäftigt war, ist Gaby Förster. "Bei uns herrschte eine ausgesprochen familiäre Atmosphäre", erinnert sich Förster, die Aufträge mit dem Fachhandel abgeschlossen hat, für die Produktionssteuerung und das Marketing zuständig war. Tränen seien 1998 geflossen, als das endgültige Aus besiegelt war. "Auch bei den vielen Heimarbeiterinnen, die teils über Jahrzehnte zuhause vor dem Fernseher den Schaft auf die Sohle genäht hatten", erinnert sich die Thurnauerin, die schon damals erfahren hat, dass die Produktion mehr und mehr ins weniger lohnkostenintensive Ausland verlagert wird.

"Die Arbeit hat Spaß gemacht"

Trotz des harten Endes seien es überwiegend positive Erinnerungen, die sie mit der Zeit in der Schuhfabrik verbinde, sagt Gaby Förster, die dazu beigetragen hat, dass man am Wochenende zu einer Reise in die Vergangenheit aufbrechen kann. Sie hat Prospekte und Bilder, aber auch Schuhe zur Verfügung gestellt, die bei einer Ausstellung im Schoss gezeigt werden, die das Institut für Fränkische Landesgeschichte der Universitäten Bamberg und Bayreuth am Samstag und Sonntag präsentiert. Exponate hat auch Kriemhild Geißer beigesteuert. "Die Arbeit als Näherin hat mir Spaß gemacht", sagt die 75-jährige Kasendorferin, die nach dem Aus der Schuhproduktion nach Kulmbach gewechselt ist. Dort war sie bei der Firma Eckardt beschäftigt, der Gardinenfabrik, die 2007 dasselbe Schicksal ereilt hat. Wie vielen Textilunternehmen hat der Strukturwandel auch Eckardt den Garaus gemacht.

Institut beleuchtet Strukturwandel

Den Strukturwandel, der den nordbayerischen Raum seit den 1970er Jahren durchläuft, will das Institut für Fränkische Landesgeschichte in der Ausstellung darstellen, die beispielhaft die Geschichte der Thurnauer Schuhproduktion beleuchtet. Konzipiert haben diese Studenten des Masterstudienganges "Geschichte in Wissenschaft und Praxis", die mit Zeitzeugen wie Gaby Förster und Kriemhild Geißer Interviews geführt und Exponate gesammelt haben.

Das Wort "Strukturwandel" sei überwiegend negativ besetzt, werde doch damit der Rückgang der industriellen Produktion, die Verlagerung von Betrieben ins Ausland und der Verlust von Arbeitsplätzen verbunden, sagt der Akademische Oberrat Marcus Mühnikel, der deutlich macht, dass der Wandel die Region schwer getroffen und zum Umdenken gezwungen hat. "Neue Industriezweige entstanden und alte Branchen - wie etwa die Textilindustrie - wurden modernisiert."

Die Ausstellung

Die Ausstellung zur Thurnauer Schuhproduktion ist am 2. April (10-18 Uhr) und am 3. April (12-18 Uhr) im Schloss zu sehen. Die Besucher werden gebeten, sich an die aktuell an der Universität Bayreuth geltende 3G-Regelung zu halten und entsprechende Nachweise mitzuführen. Weitere Informationen unter der Adressse https://www.iflg-thurnau.de/red