Kampfplatz Großraum­büro. Meterweise Schreibtische, Angestellte in Reih und Glied. Ein paar Lücken in den Sitzreihen sind auszumachen, ansonsten herrscht normaler Betrieb. Gemurmel in der Kaffeeküche; ein Huster aus der Ecke mit den Druckern. Am Stehtisch beim Eingang zwei Kollegen mit Maske, dazu gesellt sich einer ohne, alle sind ins Gespräch vertieft. - Alltagsszenen, die es in Pandemiezeiten so nicht geben sollte, sagt die Bundesregierung und bittet Unternehmer, ihren Angestellten wo immer möglich zu erlauben, von zu Hause aus zu arbeiten, um Kontakte zu vermeiden. Aber geht da so einfach: Homeoffice? Mobiles Arbeiten? Was soll die Krankenschwester sagen, der Installateur, die Putzfrau, der Vertreter?

Dass Schulen und Kindergärten geschlossen sind, Büros aber wie selbstverständlich offen für zahlreiche Angestellte, stößt in Lockdown-Zeiten nicht überall auf Verständnis. Die Debatte schreit nach Lösungen - das zeigte jüngst ein "Runder Tisch" mit Vertretern der bayerischen Staatsregierung, der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) sowie den Gewerkschaften. Grundtenor: Alle Seiten riefen dazu auf, die bestehenden Anstrengungen zur Vermeidung von Infektionen nochmals zu intensivieren.

Gegebenheiten bedenken

Bei Firmen wie der Ireks steht man dem politischen Vorgehen einer Heimarbeit-Pflicht skeptisch gegenüber, zumal für die Produktionsabteilungen im Unternehmen. Geschäftsführer Stefan Soiné bekundet, man habe - neben allen erforderlichen Hygienemaßnahmen innerhalb der Firma - gefährdeten Personengruppen wie vorerkrankten Arbeitnehmern oder Schwangeren die Möglichkeit des mobilen Arbeitens ohnehin eingeräumt. "Man muss sich angesichts der jüngsten Beschlüsse aber fragen, ob die Entscheidungsträger in Berlin tatsächlich die betrieblichen Gegebenheiten vor Augen haben. Wer hat denn daheim die Möglichkeit, einen angemessen Arbeitsplatz zur Verfügung zu haben? Man darf nicht vom Single im Einfamilienhaus ausgehen, sondern muss die vierköpfige Familie in der 80-Quadratmeterwohnung oder die Alleinerziehende betrachten, die aktuell neben ihrem Homeoffice auch noch Homeschooling bewerkstelligen muss: Das ist doch niemandem zumutbar."

Ihn verwundere, was im Laufe der Zeit an tariflichen Schutzmaßnahmen unter der Homeoffice-Maßgabe wie selbstverständlich ausgehebelt werde. "Mal abgesehen von der nicht wirklich definierten Dauererreichbarkeit des Arbeitnehmers kommt ein Punkt, den ich tarif- und sozialpolitisch für zumindest bedenklich halte: Es gibt zu Hause keine Zeiterfassung. Also heißt es Vertrauensarbeitszeit und Zielvereinbarung. Wo aber ziehe ich da die Grenze zwischen Zielvereinbarung und letztlich einem Werkvertrag? Die ist hauchdünn." Der Geschäftsführer findet es bedenklich, "weil letztlich das Wesen eines Tarifvertrags umgekehrt wird. Eigentlich heißt es, der Arbeitnehmer stellt dem Arbeitgeber die vereinbarte Zeit zur Verfügung. Er schuldet ihm kein Ergebnis, sondern Zeit. Jetzt muss der Beschäftigte sozusagen ein Ergebnis liefern. Das passt nach meinem Dafürhalten nicht in unser gewohntes Sozialgefüge." Er empfehle jedem, der die Homeoffice-Pflichtlösung forciert, von Gerhard Hauptmann "Die Weber" zu lesen. "Die Geschichte basiert eben genau auf der Heimarbeitssituation, in der die Leute buchstäblich ausgebeutet worden sind."

Innerbetrieblich sieht Stefan Soiné noch ein anderes Problem: die Spaltung der Belegschaft. "Die ,Weißkrägen' am Bootssteg mit dem Laptop auf der einen und die ,Blaumänner' in der Fabrikhalle auf der anderen Seite, die sich ohne Alternative Covid aussetzen und sich ab­buckeln müssen: Das ist nicht vermittelbar, das ist sozialer Sprengstoff." Zumal selbst das RKI in seinen Erhebungen stets bekundet habe: Ein Ausbruchs­geschehen am Arbeitsplatz mache demnach gerade zwei Prozent aller Infektionen aus. "Rechne ich da die Nicht-Büroarbeitsplätze raus, komme ich in den Promillebereich. Da muss ich sagen: Auf dieser Zahlenbasis solche drastischen Maßnahmen von oben herab anzuordnen, halte ich für den falschen Weg."

"Nicht unnötig pendeln"

Dass die Ausweitung von Homeoffice-Plätzen insgesamt eine effektive Pandemiebremse sein kann, belege eine Studie der Universität Mannheim. Schon ein Prozentpunkt mehr Arbeitnehmer im Homeoffice kann demnach die Infektionsrate um bis zu acht Prozent verringern. Eva Grill, die als Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie vorsteht, ruft daher die Arbeitgeber erneut auf, Menschen "nicht unnötig an ihre übliche Arbeitsstelle pendeln zu lassen". In die gleiche Kerbe schlägt übrigens der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler.

Trotz aller Aufrufe, sowohl von Seiten der Politik als auch der überörtlichen Gesundheitsbehörden, scheint der Trend zuletzt aber in die gegensätzliche Richtung zu zeigen. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat sich mit der Entwicklung befasst und festgestellt: Der Anteil der Beschäftigten im Homeoffice sei seit Frühjahr 2020 drastisch gesunken. Im ersten Lockdown im April sei der Anteil der Arbeitnehmer daheim auf 27 Prozent gestiegen. Diese Tendenz habe nicht lange angehalten, und so waren im November noch 14 Prozent daheim tätig - und das angesichts stark steigender Infektionszahlen und der vehementen Forderungen aus Berlin an die Arbeitgeber, mobiles Arbeiten "unter allen Umständen" zu ermöglichen.

Wirtschaft meldet positive Zahlen

Diesen Zahlen wiederum widerspricht eine Erhebung der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw). Sie hatte eine Umfrage zur Nutzung von Homeoffice in Bayern unter 5700 Unternehmen mit 1,34 Millionen Beschäftigten veranlasst. Ergebnis: Aktuell werde branchenübergreifend in 64,2 Prozent der bayerischen Betriebe, die entsprechende Arbeitsplätze haben, Homeoffice auch durchgeführt. Dabei liege der Anteil der Beschäftigten im ersten Lockdown - verglichen mit Januar - gleichbleibend bei 29 Prozent. Im Frühjahr erbrachten die Mitarbeitenden davon 60 Prozent der Arbeitszeit im Homeoffice, jetzt seien es 57 Prozent. Diese Werte lägen jeweils deutlich höher als vor der Coronakrise.

Für vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt ein klares Signal. "Im Schnitt sind aus Sicht der Unternehmen fast 40 Prozent der Arbeitsplätze grundsätzlich geeignet für Homeoffice." Jedes zweite Unternehmen gab aber an, bei ihm sei es nicht praktikabel. 33 Prozent der Betriebe erklärten, gar keinen Homeoffice-Arbeitsplatz anbieten zu können. Davon entfällt fast die Hälfte auf die Bereiche Handwerk (25,3 Prozent), Einzelhandel (12,5) und Hotel/Gastronomie (10). Überdurchschnittlich stark ausgeprägt ist Homeoffice hingegen laut Erhebung in der Metall- und Elektro-Industrie.

Bei den Betrieben des Handwerks ist Homeoffice nur sehr bedingt möglich. "Unsere Handwerkerinnen und Handwerker sind überwiegend in Werkstätten, Ladengeschäften oder bei Kunden vor Ort und absolvieren dort ihre praktischen Tätigkeiten", heißt es dazu in einer Stellungnahme der Handwerkskammer Oberfranken Bayreuth. Daran änderten auch die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz nichts. Nichtsdestotrotz fänden Handwerksbetriebe im Einzelfall individuelle Lösungen gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden, etwa im Büro oder der Verwaltung. Und wie hält es die Kammer selber mit Homeoffice? "Bei uns ist das machbar und wird eingesetzt. Aber wie in allen anderen Bereichen auch muss sichergestellt sein, dass die Aufgaben bewältigt werden. Und diese sind gerade in der Pandemie sehr vielfältig."

Homeoffice oder mobiles Arbeiten - was gilt wann?

Beim Thema Heimarbeit purzeln Rechtsbegriffe leicht durcheinander. Was allgemein Homeoffice heißt, fällt per strenger Definition unter "Telearbeit". Die setzt voraus, dass der Arbeitgeber nach den Vorgaben der Arbeitsstättenverordnung und des Arbeitsschutzgesetzes fest eingerichtete Computerarbeitsplätze, Möbel und sonstige Arbeitsmittel im jeweiligen Privatbereich den Beschäftigten zu stellen und einzurichten hat. Aber nicht nur das: Es geht auch darum, zwischen Vorgesetztem und Angestelltem eine wöchentliche Arbeitszeit sowie die Dauer fürs Homeoffice festzulegen.

Etwas anders verhält es sich beim mobilen Arbeiten, wobei hier kein fester Arbeitsort bestimmt ist. Daher gilt auch die erwähnte Arbeitsstättenverordnung nicht, schließlich ist dem Arbeitgeber nicht zumutbar, die Haftung für die Sicherheit eines Privatcomputers, eines Stuhls im Café oder des selbstgezimmerten Schreibtischs im Keller zu übernehmen. Was trotzdem gilt: Grundsätzlich muss der Arbeitgeber die sogenannte Gefährdungsbeurteilung laut Arbeitsschutzgesetz vornehmen. Er muss also Arbeitsmittel und vor allem die Arbeitszeit auf mögliche Gefährdungen für den Angestellten prüfen. "Flexibles" Arbeiten bedeutet eben nicht, dass man quasi rund um die Uhr im Einsatz sein muss. Auch hier heißt es: regelmäßige Pausen einhalten - und nach maximal zehn Stunden ist Feierabend.