Hart und oft auch grausam wurde im Mittelalter bestraft, wer sich nicht an Recht und Gesetz hielt. Schon bei relativ geringen Vergehen konnten die Missetäter kaum auf Milde hoffen. Zuständig für die Vollstreckung von Todes-, aber auch allen anderen Strafen war in Kulmbach bis ins 19. Jahrhundert der Henker.

Schaurige Geschichten

Einer, der sich bestens auskennt mit der Rechtsprechung und dem Strafvollzug früherer Jahrhunderte, ist Hermann Müller. Seit rund zehn Jahren schlüpft der Stadtführer regelmäßig in die Rolle des Scharfrichters und begibt sich mit seinen Gästen zu den dunklen Schauplätzen in den Gassen der Altstadt - schaurig-spannende Geschichten inklusive.

Was sich da in früheren Zeiten in Kulmbach abspielte, ist nichts für schwache Nerven. Hinrichtungen mit Schwert und Strick, Rädern, Vierteilen, Abschneiden von Fingern, Ohren und Zunge, öffentliches Auspeitschen und an den Pranger stellen - es gab vielfältige gewaltsame Bestrafungen.

Freiwillig Henker werden? Das wäre niemanden in den Sinn gekommen, weiß Hermann Müller. Der Beruf galt als unehrenhaft. Mit einem solchen Menschen wollte man lieber nichts zu tun haben. Nicht einmal in ein Wirtshaus eintreten durfte der Henker, ohne dass zuvor alle Gäste ihr Einverständnis erklärten. In der Regel erbte der Sohn das "Handwerk" vom Vater. Wer Pech hatte, wurde einfach zum Henker bestimmt: Unfreie oder Soldaten konnten sich nicht wehren.

Wer fällte die Urteile, die der Henker vollstrecken musste? Recht gesprochen wurde vom Kulmbacher Magistrat im Rathaus auf der Grundlage der Brandenburgischen Halsgerichtsordnung. Die Räte und der Stadtvogt als Vertreter des Markgrafen hörten die Anklage, befragten die Beschuldigten und die Zeugen. "Deshalb befinden sich am Rathausgiebel über der Uhr zwei Figuren, die die Weisheit und die Gerechtigkeit symbolisieren", so Hermann Müller.

Mit Folter zur Wahrheit?

Wie gerecht die gefällten Urteile tatsächlich waren, ist fraglich, denn: "Die Folter galt durchaus als probates Mittel der Rechtsfindung", sagt der Stadtführer. Auch dafür war der Henker zuständig. Da bei der Folter aber niemand sterben durfte, musste sich der Henker sehr gut mit dem menschlichen Körper auskennen. "Er war deshalb in der Regel auch ein recht guter Mediziner und wurde häufig um Rat gebeten, wenn man nicht zu einem richtigen Arzt gehen konnte oder wollte."

Todesstrafen waren damals keine Seltenheit. Eine Hinrichtung mit der Schwert war da noch die humanste Art, die Verurteilten vom Leben in den Tod zu befördern. Dieser schnelle, "ehrenhafte" Tod konnte noch als gnädig durchgehen.

Diebe und Wilderer wurden in der Regel gehängt, wobei es Unterschiede gab - abhängig von der Schwere der Tat: Mit dem Strick ging es schnell, mit der Kette dauerte es deutlich länger, bis der Verurteilte starb.

Keine Gnade für Mörder

Kein Pardon gab es für Mörder: "Sie sollten keinen leichten Tod haben, sondern Schmerzen erleiden: Sie wurde gerädert - die grausamste Hinrichtungsart. Dem Verurteilten wurden mit einem Rad oder einer Eisenstange sämtliche Glieder gebrochen. Danach wurde er aufs Rad geflochten und zur Schau gestellt. Oft lebte der Missetäter danach noch stunden- oder gar tagelang. Wer des Verrats für schuldig befunden wurde, wurde gevierteilt, zur Verschärfung der Strafe vorher an ein Pferd gebunden und zum Richtplatz geschleift.

Frauen, die ihre Kinder töteten oder abtrieben, drohten grausame Todesstrafen. Sie wurden lebendig vergraben und gepfählt oder ertränkt und zuvor "mit glühenden Zangen gerissen".

Wer der Kuppelei, des Ehebruchs oder der Beihilfe dazu für schuldig befunden wurde, wurde an den Pranger gestellt oder man wurde "mit Ruten ausgehauen". Oft wurde er oder sie danach des Landes verwiesen - auch das war eine schwere Strafe, denn man verlor sein Zuhause, seinen Besitz, alle soziale Sicherheit.

Wer einen Meineid leistete, musste damit rechnen, dass ihm die Schwurfinger abgehauen wurden, Lästerung gegen Gott oder die Obrigkeit führten zum Abschneiden der Zunge.

Raue Sitten, doch das Verständnis eines funktionierenden Rechtssystems war in früheren Zeiten ein anderes als heute, sagt Hermann Müller. Man glaubte, mit aller Härte durchgreifen zu müssen. "Straftäter stellten sich gegen die göttliche Ordnung, die es wiederherzustellen galt."

Klischee und Wirklichkeit

Wenn Hermann Müller als Henker durch die Stadt führt, trägt er ein Kostüm mit schwarzem Umhang und einer schwarzen Maske als Schutz vor dem bösen Blick. Authentisch ist das nicht, aber es entspricht dem Bild, das man heute von einem Henker hat. "Tatsächlich war der letzte Henker wie ein Faschingsprinz gekleidet - mit einem roten Jackett und einem paillettenbesetzten Dreispitz."

Der Lebensunterhalt des Henkers

Aufgaben Vom Vollstrecken der Gerichtsurteile konnte der Henker nicht leben, geschweige denn eine Familie ernähren. So war er nebenbei für eine Reihe anderer Aufgaben zuständig: Er führte die Aufsicht über das "Frauenhaus" (Bordell) in unmittelbarer Nachbarschaft seiner Wohnung. Das Haus des Henkers befand sich auf dem Grundstück hinter dem Anwesen Oberhacken 24 an der Stadtmauer.

Außerdem war er als Abdecker für die Entsorgung toter Tiere zuständig, musste sogar die Abort-Gruben reinigen.

Richtplätze Hinrichtungen wurden vollstreckt am Galgenberg (heute Kreuzkirche), am Rehberg (Wilderer) und Auf der Draht (Stadtpark). Die letzte öffentliche Hinrichtung fand in Kulmbach im Jahr 1811 statt, als die Giftmörderin Anna Zwanziger enthauptet wurde.