Wo ist bloß die Tasche? Denise Mühlkamp (Name geändert) muss suchen - und lachen. "So schnell vergisst man in meinem Alter." Seit drei Monaten hat die 43-Jährige ihre Büro-Utensilien nicht mehr zusammenkramen müssen, denn die Kulmbacherin hatte die Chance, als Mitarbeiterin in einer staatlichen Behörde ihre Aufträge von zu Hause aus zu erledigen. Mobiles Arbeiten war angesagt wegen Corona, die Situation im Büro mit elf weiteren Angestellten in einem Raum sollte "deutlich entzerrt" werden.

Nur wenige in ihrer Abteilung haben das Angebot angenommen. "Für mich war es ein Experiment, das kannte ich bis dato nicht." Und es war mit einigem Aufwand verbunden, denn ein Büro existierte nicht in der Wohnung der 43-Jährigen. "Ich bekam einen Rechner und diverses Zubehör vom Arbeitgeber gestellt, den Rest besorgte ich mir selber." Zum Beispiel einen Bürostuhl. Dazu kam, dass es aufgrund ihrer Beschäftigung mit sensiblen Personendaten zwingend erforderlich war, dass keine Dritten unbefugt einen Blick auf den Bildschirm erhaschen sollten. "Meinen Mann und meine beiden Töchter habe ich darüber informiert: Finger weg!", sagt sie schmunzelnd. Dass sie überhaupt mit den Daten online zu Hause arbeiten konnte, hatte sie der zunehmenden Digitalisierung in der Behörde zu verdanken. "Da hat man echt einen Zahn zugelegt und sogar eine eigene Abteilung aufgebaut. Ordner und Drucksachen dürfen die Zentrale nämlich nicht verlassen."

Denise Mühlkamp habe anfangs etwas gefremdelt mit der neuen Situation, habe sich aber daran gewöhnt. "Es war eine Umstellung, ohne die Kollegen auszukommen. Wenn man Fragen zu einem Klienten hatte, musste man sich erst über ein Kommunikationsportal virtuell austauschen, das klappte technisch nicht immer reibungslos." Andererseits genoss sie es, mal fünf Minuten über die Hausaufgaben der Kinder schauen oder sich einen Kaffee machen zu können, "ohne dass man sich an der Kantinenmaschine anstellen muss".

Morgen endet diese Phase, steht wieder die Fahrt zum Arbeitsplatz nach Bayreuth an. Täglich 38 Kilometer hin und zurück. "Das Pendeln hat mir so gar nicht gefehlt, und eigentlich würde ich gerne noch weiter von zu Hause aus arbeiten. Ich gebe aber auch zu: Ich freue mich auf die Leute und den Austausch."

Und dennoch: Ein Gespräch mit dem Vorgesetzten habe sie schon vereinbart, denn sie möchte künftig zumindest tageweise daheimbleiben können. Und dann sei da noch die Sache mit der Delta-Variante von Covid-19. "Das bringt mich ins Grübeln, ob es gut ist, wieder alle im Büro zusammenzutrommeln." Sie selber sei bereits zweifach geimpft und hoffe dadurch auf Schutz vor einer Infektion.

Nicht für alle ein Zukunftsmodell

Die unvollendete Regelung zum Homeoffice ist auch bei der IHK zu Oberfranken in Bayreuth ein Thema. "Die einen sollen, wollen aber nicht; die anderen wollen, dürfen aber nicht." So lässt sich nach den Worten von Wolfram Brehm, stellvertretender Hauptgeschäftsführer, die bisherige Situation oft zusammenfassen. Hinzu komme, dass es Arbeitsplätze gibt, "bei denen mobiles Arbeiten schlicht und einfach nicht realisierbar ist, etwa in der Produktion, im Einzelhandel oder im Logistik-Sektor". Brehm ist sich aber sicher, dass die Pandemie dazu beitrage, dass viele Unternehmen und auch Mitarbeiter das Arbeiten von zu Hause aus ganz anders bewerten als noch vor zwei Jahren. "Büros werden auch künftig in vielen Firmen mit Sicherheit nicht überflüssig, mobiles Arbeiten wird aber in Zukunft ein wichtiger Bestandteil."

Vorerkrankte zuerst

So wie bei der Firma Töpfer, wo nach den Worten des Betriebsratsvorsitzenden Dietrich Vießmann die Reglung vor allem für den Vertrieb und die IT eine Rolle spielte. Allerdings habe es sich ausschließlich um mobile Arbeitsplätze gehandelt. "Die Leute hatten ihren Laptop daheim, Homeoffice-Plätze sind nicht extra eingerichtet worden." Wie das Angebot angenommen wurde? "Bei uns haben seit März 2020 etwa zehn Mitarbeitende die Möglichkeit in Anspruch genommen, von zu Hause aus zu arbeiten, von insgesamt etwa 60 Angestellten im Betrieb. Das galt vor allem für jene Kolleginnen und Kollegen mit Vorerkrankungen." Die Regelung trat mit Beginn der Pandemie in Kraft. "Es war ja so, dass gerade unser Außendienst ohnehin aus Hygieneschutzgründen keinen Kundenkontakt haben konnte." Für eine Beibehaltung des mobilen Arbeitens habe sich bislang eine Kollegin aus familiären Gründen entschieden.

Etwas anders sieht die Lage beim Amtsgericht Kulmbach aus, wie Geschäftsleiter Karlheinz Östreicher berichtet. "Da bisher nur die Verwaltung mit der elektronischen Akte ausgestattet ist, bedeutet dies: Alle anderen sieben Abteilungen arbeiten immer noch mit der Papier-Akte. Dies aber macht, insbesondere für die Mitarbeiter der Geschäftsstellen, ein Arbeiten im Homeoffice nahezu unmöglich. Dies würde einen riesigen Aktentransport erfordern." Somit könnten nur die Richter, Rechtspfleger und Mitarbeiter der Verwaltung Homeoffice nutzen - das sind laut Östreicher knapp die Hälfte der insgesamt 46 Mitarbeitenden. Er selber habe Homeoffice nur kurz ausprobiert. "Ein voll ausgestatteter Arbeitsplatz steht ohnehin nur bei so genannten Telearbeitsplätzen zur Verfügung."

Und wie stehen Vertreter der Arbeitnehmer dazu? Ein "zweischneidiges Schwert" nennt es Norbert Reuter von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Es gebe Menschen, die viel anzufangen wüssten mit der neuen Freiheit. Es gebe aber auch die andere Seite. "Die, die ihre Arbeit vor der Pandemie hauptsächlich im Büro ausgeübt haben, sind keine Homeoffice-Fans geworden. Viele haben gar nicht den Platz für ein gut ausgerüstetes Büro daheim. Ihre jetzige Arbeitssituation sehen sie selbst nicht als Dauerzustand." Beklagt wird, dass Arbeitszeit und Freizeit verschwömmen, eine klare Trennung fehle. Der Gewerkschafter fürchtet zudem, dass manche Branchen Homeoffice für weitere Kostensenkungen nutzen und auf die Arbeitnehmer abwälzen könnten.

Hart ins Gericht mit der auslaufenden Regelung der Bundesregierung geht Arbeitsrechtler Christian Bitsch: Er nennt die Vorlage "handwerklich ziemlich schlecht gemacht". Das liege vor allem an Paragraf 28b Abs. 7 des Infektionsschutzgesetzes. Man habe damit die Unternehmer verpflichtet, ein Angebot für mobiles Arbeiten zu unterbreiten - und die Arbeitnehmer sollten das möglichst annehmen. "Leider findet sich keine Aussage, wann diese Pflichten enden. Denn was die Regelung einmal in Gang gesetzt hat, wirkt nach." Damit sei ein Vertrag zwischen beiden Seiten zustande gekommen, wonach künftig von zu Hause gearbeitet wird. Hat keine der beiden Seiten Vorkehrungen getroffen, gebe es "keine Rückfahrkarte".

Im Arbeitsrecht spricht man von einer "betrieblichen Übung". Darunter versteht man laut Definition die regelmäßige Wiederholung bestimmter gleichförmiger Verhaltensweisen des Arbeitgebers, aufgrund deren die Arbeitnehmer darauf vertrauen können, dass ihnen eine bestimmte Vergünstigung auf Dauer gewährt werden soll. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Auszahlung von Urlaubs- oder Weihnachtsgeld.