Der Aufschrei nach dem Mathe-Abi war gewaltig - bei Schülern wie Lehrern, die nach einer zweijährigen Qualifizierungsphase, in der Pandemie-bedingt oft nur Distanzunterricht stattgefunden hat, die Aufgaben für zu schwer erachtet haben. "Für die guten Matheschüler war es machbar, die anderen hatten kaum eine Chance", sagte Emma Küfner, die das Abitur am Kulmbacher Caspar-Vischer-Gymnasium gemacht hat, am Tag nach der Prüfung unserer Zeitung. Lehrkräfte schlugen in die gleiche Kerbe.

Besser als 2020

Das Kultusministerium ist in die Kritik geraten. Viele haben eine Petition unterzeichnet, die landesweit fast 40 000 Unterstützer gefunden hat. Heute, nach der inzwischen erfolgten Notenbekanntgabe, steht fest: Die allermeisten der 35 000 Absolventen in Bayern haben nicht nur Mathe, sondern das gesamte Abi mit Bravour bestanden. "Nach den ersten Rückmeldungen der Schulen zeichnet sich ab, dass der Gesamtdurchschnitt etwas besser als in den letzten Jahren sein könnte. Er wird voraussichtlich zwischen 2,1 und 2,2 liegen", teilt Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) auf unsere Anfrage hin mit. In Deutsch könnte der Schnitt sogar etwas besser sein. Auch in Mathe - hier lag die Bandbreite der letzten Jahre zwischen 2,98 und 3,26 - habe es keinen Leistungsabfall gegeben. Woran Letzteres liegt? "Sicherlich auch daran, dass die Lehrer nach Punkten gesucht haben", sagt Linh Nguyen, die am MGF-Gymnasium ihr Abitur abgelegt hat.

Der Beste hat die Note 0,76

Viele Kulmbacher Schüler haben wohl besser als von ihnen selbst erwartet abgeschlossen. Von den insgesamt 152 Prüflingen an den beiden Gymnasien werden am kommenden Freitag vermutlich 148 ihr Reifezeugnis in Empfang nehmen. Eine definitive Zahl kann noch nicht genannt werden, auch weil einige Schüler nachträglich die Chance genutzt haben, freiwillig Klausuren nachzuholen, die wegen Corona nicht verpflichtend abgehalten worden waren, heißt es aus München.

Was feststeht: Es hat eine Einserflut gegeben. Am MGF können sich 30 Schüler über eine Eins vor dem Komma freuen, vier sogar über ein 1,0-Abi. Der Notendurchschnitt liegt bei 2,03 nach 2,18 im Jahr 2020. Der Jahrgangsbeste hat die Note 0,94. Am CVG liegt der Notendurchschnitt bei 1,99 (2020: 2,14). Die Hälfte der 88 Abiturienten hat ein Einser-Abi, sechs haben eine 1,0. Ein Schüler mit dem Notendurschnitt 0,76 ist auf 884 von maximal möglichen 900 Punkten gekommen. "Das ist ein fantastisches Ergebnis", sagt Zoran Gojic, Pressesprecher am Kultusministerium, nach dessen Worten es Jahr für Jahr vereinzelt Schüler gibt, die das Abi sogar ohne jeglichen Punktabzug meistern.

Abschluss geschenkt?

Warum es 2021 diese Einser-Häufung gibt? Von einem arbeitswilligen Jahrgang spricht Kathrin Krebs, Oberstufenkoordinatorin am CVG. Wie Krebs macht auch MGF-Oberstufenkoordinator Edgar Stübinger deutlich, dass das Ministerium aufgrund der beträchtlichen Corona-Einschränkungen etwa durch die "Günstigerregelung" für einen Ausgleich gesorgt habe. So hätten Schüler Bewertungen aus dem Halbjahr 11/2, in dem kaum Präsenzunterricht war und kaum Prüfungen stattgefunden haben, durch Leistungen aus den Halbjahren 11/1 oder 12/1 ersetzen können. Zugute gekommen sei den Gymnasiasten auch, dass im Halbjahr 12/2 Klausuren nur in den drei schriftlichen Abiturfächern geschrieben wurden. In den anderen Fächern fanden mündliche Leistungstests statt. Stübinger: "Da tun sich viele leichter." Ob der Abschluss den jungen Leuten geschenkt wurde? Geschenkt wurde ihnen nichts, versichert das Ministerium. Eine Feststellung, auf die auch Horst Pfadenhauer, Direktor am MGF, Wert legt. Die Schüler hätten sich nach zwei Jahren, die alles andere als einfach waren, intensiv vorbereitet und nun die Früchte ihrer Arbeit eingefahren.

"Mathe war schwer"

Vom "leichten Corona-Abi" will auch MGF-Schülerin Linh Nguyen nichts hören. Rückblickend sei es eine verrückte Zeit gewesen. "Wir mussten uns im Homeschooling selbst Stoff beibringen, der bei Prüfungen dann oft so abgefragt wurde, als hätten wir das Thema im Unterricht behandelt." Vor allem Schüler, die keine Überflieger sind, hätten Probleme gehabt. Linh Nguyen hat sich "durchgekämpft", das Abi mit 2,8 geschafft. Die Prüfungen seien machbar gewesen, urteilt die 19-Jährige. Außer Mathe. "Ich bin froh, dass ich zwei Punkte hatte und nicht in die Nachprüfung musste." Wie sie ist auch Einser-Abiturientin Emma Küfner vom CVG überzeugt: "Mathe war im Vergleich zu den Vorjahren viel schwerer." Dass die schwere Matheprüfung "ein Schlag ins Gesicht" der Abiturienten war, erklärt Uschi Prawitz, die stellvertretende Vorsitzende der Arge Bayreuth-Kulmbach der Landeselternvereinigung ist. Die Kulmbacherin freut sich, dass das Abi trotz aller Hindernisse so gut ausgefallen ist. Über die Gründe könne man nur spekulieren. Mit Blick auf die lange Zeit des Homeschoolings stellt sie mit einem Augenzwinkern fest: "Vielleicht haben die Schüler ja ohne die Lehrer besser lernen können."