Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie vor einem Jahr ist vieles ganz anders als sonst. Manches ist offensichtlich: Gaststätten und Theater sind zu, die Menschen dürfen nicht verreisen und sollen ihre Kontakte einschränken. Manche Veränderung hat sich aber auch im Verborgenen vollzogen - und hat für die Betroffenen doch gravierende Folgen. Wir haben mit Markus Ipta gesprochen, niedergelassener Arzt in Kasendorf und Vorsitzender des Hospizvereins Kulmbach. Er bedauert es, dass die Palliativstation am Klinikum Kulmbach schon vor längerem ihren Betrieb eingestellt hat.

Herr Dr. Ipta, die Palliativstation am Klinikum Kulmbach ist seit Wochen geschlossen. Begründet wird das mit Corona. Ist das für Sie nachvollziehbar?

In keinem Fall. Die palliative stationäre Versorgung ist ebenso wichtig wie jede andere intensivierte stationäre Versorgung. Wo sollen denn sonst Schwersterkrankte optimal palliativ versorgt werden? Da werden in anderen Bereichen des Klinikums eigentlich verschiebbare Operationen durchgeführt und der Palliativpatient muss warten beziehungsweise steht vor verschlossenen Türen. So müssen vom Hausarzt Anfragen ans Klinikum Bayreuth erfolgen zwecks Aufnahme der Schwerstkranken auf die dortige Palliativstation.

Dies ist für den Landkreis Kulmbach nicht hinnehmbar. Sogar die palliativ ausgebildeten Pflegekräfte und Ärzte des Klinikum Kulmbach nehmen mit dem Hospizverein Kontakt auf, da die Situation auch für diese Kräfte nicht nachvollziehbar ist. Ich als Hospizvorsitzender gehe sogar einen Schritt weiter in der Kritik. Wir vom Hospizverein Kulmbach haben mit dem Klinikum Kulmbach einen Kooperationsvertrag geschlossen, den das Klinikum wiederum braucht, um Zertifizierung von Ihren Zentren zu erreichen. Was nützt ein Kooperationsvertrag, wenn er nicht gelebt wird und nur auf dem Papier existiert.

Was bedeutet das für die betroffenen Patienten und ihre Familien?

Die Patienten werden entweder gar nicht aufgenommen oder auf einer Normalstation untergebracht. Hier ist zwar die medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten, aber die palliative Pflege und Rundumversorgung kann hier nicht adäquat stattfinden und ist auch nicht Aufgabe von Normalstationen, die sowieso schon überlastet sind.

Für Angehörige bedeutet dies auch eine eingeschränkte Besuchszeit und auch weniger Mitarbeit, da wegen Corona hier auf Normalstation andere Regeln gelten. Auf der Palliativstation wären hier in sich abgeschlossenen Räume, die mehr Spielraum für die Anwesenheit von Angehörigen, ja sogar ein Übernachten ermöglichen.

Als Vorsitzender des Hospizvereins kennen Sie die Sorgen und Nöte der Angehörigen sterbender Menschen gut. Hilft es denen wirklich, wenn man sie auf Kliniken in Nachbarorten verweist?

Nein, damit sind die Anfahrtswege länger und das Image des Klinikum Kulmbach leidet erheblich. Es ist im Gespräch, dass Münchberg die Chance nützen möchte, eine Palliativstation einzurichten. Dies wäre für Kulmbach fatal.

Schon in der Vergangenheit war die Palliativstation über Weihnachten immer wieder geschlossen worden. Ist das in Ihren Augen sinnvoll?

Die Palliativstation sollte das ganze Jahr offen sein. In den letzten Jahren wurde über Weihnachten diese Station mehrere Wochen geschlossen angeblich wegen Personalmangel, Hygienemaßnahmen oder mangelnden Patienten. Gerade in der Weihnachtszeit halte ich so eine Maßnahme für unerträglich. Zudem wissen wir vom Hospizverein, dass die angeblich nicht vorhandenen Patienten auf eine Normalstation verlegt wurden. Bedenken Sie doch einmal, Sie sind schwerstkrank, sind optimal auf der Palliativstation untergebracht und werden dann abgeschoben auf eine Normalstation.

Wie kann sterbenden Menschen und ihren Familien dennoch geholfen werden?

Durch eine intensive hausärztliche Versorgung, was eigentlich unsere Grundaufgabe sein sollte. Aber auch das SAPV-Team (spezialisierte ambulante Palliativversorgung - red.) kann hier unterstützen. Aber es wird immer wieder Schwerstkranke geben, die nicht ambulant versorgt werden können. Hierfür ist die Palliativstation eingerichtet worden.

Ehrenamtliche Mitarbeiter des Hospizvereins begleiten Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt auch zuhause. Ist die Arbeit unter Corona-Bedingungen schwieriger oder gar unmöglich geworden? Wie helfen Sie den Menschen dennoch?

Wir haben erst einmal zu Beginn des Lockdowns erfolgreich auf telefonische Beratung und Unterstützung gewechselt. Mittlerweile haben wir die Hygienestandards angepasst und können den Patienten wieder vor Ort besuchen, indem wir Schnelltest bei unseren Aktiven durchführen und die ausgearbeiteten Hygienevorschriften direkt beim Patienten anwenden. Zudem werden die aktiven Begleiter demnächst gegen Corona geimpft, sodass der Selbstschutz ausgebaut wird. Eigentlich haben nicht wir das Problem, sondern die Patienten oder Angehörigen sind eher aus Verunsicherung zurückhaltend in der Inanspruchnahme des Hospizvereines in dieser schweren Coronazeit.

Und das sagt das Klinikum

Der Hospizverein beklagt die Schließung der Palliativstation am Klinikum Kulmbach, die nun schon längere Zeit andauert (siehe Interview oben). Wir haben bei Klinikums-Geschäftsführerin Brigitte Angermann nach den Gründen gefragt.

Die Palliativstation sei zunächst im Dezember für drei Wochen geschlossen worden und sollte vor Weihnachten wieder geöffnet werden, sagt sie. Nach den Corona-Ausbrüchen in drei Pflegeheimen im Landkreis sei dies nicht möglich gewesen. Am 29. Dezember habe man sogar eine zweite Corona-Station in Betrieb nehmen müssen.

Zum Betrieb der Corona-Stationen sei es notwendig gewesen, Personal von anderen Stationen abzuziehen, so Angermann weiter. Der Betrieb von Corona-Stationen erfordere aus medizinisch-pflegerischen Gründen, aber auch aufgrund der Hygienemaßnahmen einen erhöhten Personaleinsatz. Dabei würden vorrangig internistisch, geriatrisch und palliativmedizinisch geschulte Mitarbeiter benötigt. "Dies ist nur möglich, wenn Stationen komplett oder teilweise geschlossen werden."

Während der Hochphase der Pandemie im Dezember/Januar seien im Klinikum Kulmbach drei Stationen komplett geschlossen, weitere Stationen nur teilweise belegt gewesen, erläutert die Geschäftsführerin weiter. Außer von Pneumologen würden die Patienten seit Januar auch von einer Palliativmedizinerin ärztlich betreut. "Gerade die palliativmedizinische Kompetenz war in dieser Zeit gefragt, als 40 Bewohner aus Altenheimen auf der Corona-Station bis zum Tod begleitet wurden. Alle Mitarbeiter haben dabei Herausragendes geleistet."

Nach Auskunft der Geschäftsführerin werden Patienten, die einer palliativmedizinischen Versorgung bedürfen, derzeit in den einzelnen Fachabteilungen betreut. "Auch dort steht selbstverständlich onkologisch und palliativmedizinisch aus- und weitergebildetes Personal zur Verfügung."

Zwar gilt für das Kulmbacher Klinikum derzeit ein Besuchsverbot. Ausnahmegenehmigungen seien aber auf allen Stationen möglich, wenn jemand im Sterben liebe. Auch für Hospizhelfer kann Angermann zufolge eine Besuchsberechtigung ausgestellt werden.

Ob und wann die Palliativstation wieder geöffnet werden könne, hänge vom weiteren Verlauf der Pandemie ab.

Die vom Vorsitzenden des Hospizvereins, Markus Ipta, kritisierte jährliche Schließung der Palliativstation über Weihnachten, sei, so Angermann, auf jeweils an Weihnachten sinkende Belegungszahlen zurückzuführen. Wenn absehbar sei, dass zum Beispiel wie im Jahr 2018 zuletzt geschehen nur ein Patient palliativmedizinisch zu versorgen sei, werde eine Schließung in Erwägung gezogen.

Zudem stelle die Arbeit auf der Palliativstation auch für die Mitarbeiter ganzjährig eine große (psychische) Herausforderung dar. "Deshalb wollen wir, wenn es die Belegung zulässt, auch unseren Mitarbeitern an Weihnachten einige ruhige und besinnliche Tage bei ihren Familien ermöglichen." Und nicht zuletzt werde die Schließung auch für notwendige Reparaturen und Wartungsarbeiten genutzt.